Eine freiwillige Handwerkstruppe schraubt in der Stiftskirche die Bänke ab, die demnächst aufpoliert werden sollen. Foto: Gottfried Stoppel

Der Wahrzeichen der Stadt Backnang wird für rund 3,8 Millionen Euro umgebaut und soll im Herbst 2020 wiedereröffnet werden. Jetzt haben ehrenamtliche Arbeiter damit begonnen, die riesigen Kirchenbänke von Boden zu lösen.

Backnang - Feuchtigkeit sitzt in dem uralten Gemäuer, der Putz bröckelt, die Fenster sind undicht, die Heizung ist marode. Die imposante Backnanger Stiftskirche muss dringend saniert werden. Das wissen der Dekan Wilfried Braun und seine Mitarbeiter schon seit vielen Jahren. Bereits 2015 ist ein Baustartgottesdienst gefeiert worden – doch dann ist zunächst gar nichts weiter passiert. Damals hieß es allerdings noch, die Wiedereröffnung werde im Herbst 2016 gefeiert, pünktlich zum 900. Geburtstag der ersten urkundlichen Erwähnung der Kirche anno 1116.

An diesem sonnigen Tag im März sitzt der Dekan gut gelaunt in seinem Büro. Wenn er aus dem Fenster schaut, dann blickt er auf die Stiftskirche, in der seit ein paar Tagen tatsächlich endlich geschafft wird. Gut ein halbes Dutzenden ehrenamtliche Männer haben damit begonnen, die riesigen Kirchenbänke vom Boden zu lösen. Profi-Bauarbeiter sind allerdings noch nicht angerückt. Aber diesmal ist sich Braun ganz sicher: Die Sanierung beginnt, und wenn alles einigermaßen nach Plan laufe, dann werde die Stiftskirche – das Wahrzeichen der Stadt Backnang – im Herbst 2020 feierlich wiedereröffnet.

Verein will 900 000 Euro sammeln

Er sei immer zuversichtlich gewesen, dass alles eines Tages klappen werde. Denn „wer die frohe Botschaft zu verkünden hat, der hat auch allen Grund den Kopf nicht hängen zu lassen“, sagt Wilfried Braun und lächelt zufrieden.

Die aufwendige Sanierung werde voraussichtlich rund 3,8 Millionen Euro kosten. Der eigens für die Kirchensanierung ins Leben gerufene Förderverein habe sich zum Ziel gesetzt 900 000 Euro zusammenzubekommen, bisher seien stattliche 600 000 Euro eingesammelt worden. Ferner habe das Denkmalamt einen Zuschuss von maximal 850 000 Euro zugesagt. Die Stadt Backnang will eine halbe Million Euro geben. Braun setzt auf weitere Förderprogramm sowie auf Zuschüsse der Landeskirche. Er weiß indes, dass wohl „eine Lücke bleibt“. Der Gottesmann ist aber zuversichtlich, dass es gelingen wird diese zu schließen. Zudem setzt die Kirche auf ehrenamtliche Helfer, auf Männer wie Kurt Wörner und seine Mitstreiter.

Die obere Empore wird ausgebaut

Die Herren sind fast alle im Rentenalter, und sie scharren bildlich gesprochen seit Jahren mit den Hufen. Sie haben sich zusammengefunden, als es 2015 hieß, der Start der Kirchensanierung stehe unmittelbar bevor. Seither werkeln sie in ihrer Stiftsbauhütte, einer zur Werkstatt umfunktionierten ehemaligen Produktionshalle der einstigen Lederfabrik Kaess am Backnanger Stadtrand. Sie haben Gebrauchs- und Kunstgegenstände mit der Silhouette der Stiftskirche angefertigt und verkauft. Doch jetzt, endlich, können sie auch in der Kirche arbeiten.

Demnächst werden sie die Kirchenbänke abtransportieren und dann aufpolieren. Später werden die Bänke dann wieder in die runderneuerte Kirche eingebaut. Die Männer werden Schlitze klopfen für neue Elektroleitungen, sie werden die wertvolle Orgel sowie einen alten Wandschrank zum Schutz vor Schmutz mit Holzlatten einhausen – und und und. Es gebe kaum Arbeiten, die sich die Herren der Stiftsbauhütte nicht zutrauten, sagt Kurt Wörner, der Sprecher der freiwilligen Handwerkstruppe.

Warum nur hat sich der Start der Sanierungsarbeiten derart verzögert? Wegen der oberen Empore in der Kirche, antwortet der Dekan. Aus Gründen des Brandschutzes müsse diese geschlossen werden, so die Auflage der Behörden. Diese Ansage habe schier unendliche Diskussionen ausgelöst. Nach langen Debatten und Besprechungen mit dem Denkmalamt sei nun beschlossen worden, dass die Empore komplett ausgebaut wird. Was den Vorteil habe, dass künftig mehr Licht durch die Fenster ins Innere der Kirche gelange. Das Denkmalamt habe aber verfügt, dass die alte Empore aufgehoben werden muss. Einen Lagerraum gebe es bisher leider nicht. Aber Wilfried Braun ist zuversichtlich, dass auch für dieses Problem bald eine Lösung gefunden wird.

Weitere Helfer gesucht

Stiftskirche
Teile der Stiftskirche sind mindestens 900 Jahre alt. Das Kreuzrippengewölbe von 1504 ist weit und breit einmalig. In der Kirche stehen wahre Schätze, etwa ein seltener evangelischer Beichtstuhl aus dem 17. Jahrhundert. Ein Renaissanceschrank in der Kirche ist laut dem Dekan Wilfried Braun „der schönste seiner Art nördlich der Alpen“. In der Krypta, die erst 1929 wieder freigelegt worden ist, sind die badischen Markgrafen bestattet.

Finanzierung
An der Finanzierung der Sanierungsarbeiten beteiligen sich viele Bürger und Unternehmen, die Geld spenden. Die Männer der Stiftsbauhütte, sagt deren Sprecher Kurt Wörner, würden sich freuen, wenn sich weitere freiwillige Helfer finden würden.

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