Während die Branche über einen eklatanten Fachkräftemangel klagt, geht die Waiblinger Metzgerei Häfele ungewöhnliche Wege. Sieben Azubis aus Simbabwe werden dort inzwischen ausgebildet – so kann Integration gelingen.
„Am meisten überrascht hat mich an Deutschland der Schnee“, sagt Milia Mlauzi und lacht. Die 29-Jährige hat im vergangenen Jahr ihre Heimatstadt Harare verlassen, um in Waiblingen eine Ausbildung zu beginnen. Die junge Frau mit der beeindruckenden Frisur ist eine von insgesamt sieben jungen Menschen aus dem südafrikanischen Land Simbabwe, die seither das Team der in der Region mit insgesamt 18 Filialen und vier Markthallen-Ständen vertretene Metzgerei Häfele verstärken.
Kuriose Post aus Simbabwe
Dass es dazu kam, ist einer kuriosen Geschichte zu verdanken. „Das Leben besteht aus Zufällen“, sagt Werner Häfele, der gemeinsam mit seiner Frau Margit die Metzgerei betreibt. „Ich hatte im vergangenen Jahr eines Tages eine E-Mail in meinem Postfach, in der jemand aus Simbabwe eine Ausbildung suchte.“ Zuerst sei er davon ausgegangen, es sei nur Spam, dann aber entschied er sich spontan dazu, doch zurückzuschreiben. Dass sich daraus konkret etwas entwickeln würde, daran habe sie aber nicht wirklich geglaubt, räumt Margit Häfele rückblickend ein. Und tatsächlich mussten noch einige Dinge gelingen, bis die ersten Auszubildenden aus Simbabwe tatsächlich ihre Ausbildung in der schwäbischen Metzgerei aufnehmen konnten.
Viel Bürokratie für die Azubis
In Milia Mlauzis Fall vergingen zwischen der Unterschrift ihres Ausbildungsvertrags und der Ankunft in Deutschland etwa sechs Monate. Sprachkurs, Visum und Flug kosteten insgesamt um die 1600 US-Dollar, umgerechnet knapp 1500 Euro. „Ich habe lange dafür gespart, aber meine Familie hat mir auch geholfen“, sagt die junge Frau, die mittlerweile fast genau ein Jahr ihrer Ausbildung als Fleischerei-Fachverkäuferin hinter sich hat. Auf den Termin in der deutschen Botschaft in Simbabwe wartete sie damals rund drei Monate.
„Von unserer Seite aus ist der Prozess mit relativ wenig Bürokratie verbunden, da haben es die Auszubildenden schwerer“, berichtet Margit Häfele. Die Botschaft fordert für den Visumsantrag vom Arbeitgeber einen Auszubildendenvertrag, zudem müssen die Antragsteller nachweisen, dass sie in Deutschland eine Unterkunft haben.
Daheim bei den Arbeitgebern
Für die zweite Anforderung haben die Häfeles eine ungewöhnliche, aber gut funktionierende Lösung gefunden: „Unsere Azubis wohnen am Anfang immer erst einmal bei uns, so können wir sie kennenlernen und sie sich etwas einleben.“ Doch auch danach unterstützt das Ehepaar seine Arbeitnehmer weiter. Milia ist erst kürzlich mit zwei der anderen Auszubildenden in eine Wohnung gezogen, welche die Häfeles mithilfe von Freunden und Familie komplett mit gebrauchten Möbeln eingerichtet haben.
Doch rund 1900 Kilometer von der Heimat entfernt, ist trotzdem einiges anders, als Milia Mlauzi es gewohnt ist. Aus dem simbabwischen Sommer mitten im deutschen Winter zu landen, war eine Herausforderung für sie: „Bei uns ist es meistens warm, wir haben zwar Winter, aber die sind nicht so kalt, und es gibt keinen Schnee.“
Eine Herausforderung auf Schwäbisch
Auch was das Metzgerhandwerk angeht, gibt es Unterschiede zwischen den Ländern. „In Simbabwe wird in den Metzgereien kein Käse verkauft, dafür aber viele Innereien“, berichtet Milia Mlauzi. Ansonsten sei es aber doch gar nicht so anders. Womit die Auszubildende jedoch nicht gerechnet hatte, war der schwäbische Dialekt vieler Kunden: „Puh, das war am Anfang wirklich nicht einfach“, sagt sie.
Den Schritt, Auszubildende aus einem fernen Land einzustellen, sind die Häfeles gegangen, weil sie in den vergangenen Jahren zunehmend Probleme hatten, vor Ort junge Leute zu finden. „Der Beruf ist einfach nicht attraktiv“, schlussfolgert die Inhaberin. Die Metzgerei Häfele ist nicht die Einzige im Rems-Murr-Kreis, die Probleme hat, deutsches Personal zu finden. Bei dem Fellbacher Kollegen Klingler arbeiten beispielsweise inzwischen Menschen mit 13 verschiedenen Nationalitäten.
Hochmotivierte Auszubildende
Werner Häfele erinnert sich auch an einfachere Zeiten: „Vor fünf Jahren hatten wir noch 20 Azubis jährlich.“ Doch mit der neuen Lösung ist das Ehepaar trotz des großen Aufwands sehr zufrieden. „Unsere Auszubildenden sind hoch motiviert“, schwärmt der Inhaber. Und: „Das ist genau die Art von Migration, die die Politik möchte.“
In seinen Augen funktioniert das System, das für die Einwanderer zwar mit viel Bürokratie verbunden ist, gut. „Die Regelung ist sinnvoll, denn sobald die Auszubildenden hier sind, haben sie ein Arbeitsvisum, und es gibt kein langes Prozedere mehr, bis sie mit der Arbeit beginnen können.“
Großes Simbabwe-Festival
Doch nicht bei allen Menschen stößt die Verstärkung auf Begeisterung. Margit Häfele berichtet von rassistischen Kommentaren, die das gesamte Team sehr getroffen hätten. Um mehr interkulturellen Austausch zu ermöglichen und ihre Azubis zu unterstützen, veranstalten die Inhaber der Metzgerei deshalb ein Simbabwe-Festival in der Winnender Markthalle. Am Samstag, 27. Januar, warten auf die Besucher von 19 Uhr an entsprechendes Essen, Musik, Kultur und Kunst.
Die neugewonnenen Kräfte möchte die Metzgerei Häfele nach der Ausbildung übrigens auf jeden Fall übernehmen. „Wir denken, dass einige von ihnen später unsere Leistungsträger werden“, sagt Margit Häfele.
Milia Mlauzi möchte nach der Ausbildung eine Weiterbildung zur Verkaufsleiterin machen. Ihre Familie in Simbabwe vermisse sie zwar sehr, doch sie sei auch stolz auf ihre Auszubildende, die es hinter die schwäbische Fleischtheke geschafft hat.