Dieses Bild wurde von keines Menschen Hand gemalt, aber für 380 000 Euro bei Christie’s versteigert. Foto: dpa/Christies

Künstliche Intelligenz kann uns vieles abnehmen. Aber wie steht es mit der Fähigkeit, Dinge erfinden, Kunstwerke erschaffen zu können. Drohen wir im Bereich menschlicher Kreativität entthront zu werden? Kommt darauf, was man darunter versteht.

Texte wie dieser entstehen gerade in großer Zahl. Noch werden sie in der Regel von Menschen geschrieben. Die klamme Befürchtung treibt sie voran, die staunenswerten Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz könnten in absehbarer Zeit diese Schlüsselqualifikation auf dem Gebiet gehobener Kulturleistungen übernehmen. Und je mehr dieser Texte entstehen, umso wahrscheinlicher wird es, dass künftige Chatbots auf die Aufforderung: „Schreibe einen Text über die Zukunft der Autorschaft in Zeiten Künstlicher Intelligenzen“ immer sinnvollere Beiträge abliefern werden. Auf diese Weise an seiner eigenen Ablösung beteiligt zu sein ist immerhin ein schwacher Trost. Ebenso, dass man selbst in dieser Fassung der Rollenverteilung immer noch derjenige wäre, der Schreibaufgaben stellt.

 

Doch ungeachtet aller Beschwichtigungen, so schlimm werde es nicht kommen, spricht vieles dafür, dass die ungreifbaren Kreaturen, die in den digitalen Hexenküchen unserer Tage programmiert werden und auf Namen wie ChatGPT, Bard oder Ernie hören, im Reich des Wissens eine Revolution anzetteln, die es mit anderen säkularen Umbrüchen wie der Erfindung der Schrift, dem Beginn des Druckzeitalters oder der Einführung des Internets aufnehmen kann. Und vermutlich wird den drei großen Kränkungen der Menschheit, die Freud analysiert hat – der kopernikanischen Dezentralisierung der Welt, Darwins tierisch-menschlicher Verwandtschaftslehre und der Entdeckung der Herrschaft des Unbewussten –, gerade eine weitere hinzugefügt, der gegenüber alle anderen wie Luxuswehwehchen erscheinen: dass uns bald niemand mehr braucht.

Alarmismus und Beschwichtigung

Kein Zweifel, bevor uns die KIs abschaffen, ganze Berufsstände übernehmen, sind sie sehr nützlich. Und was spricht überhaupt dagegen, sich von lästigen Pflichten befreien zu lassen – einmal abgesehen von der Aussicht, die gewonnene Zeit möglicherweise in Arbeitsagenturen verbringen zu müssen? In der gegenwärtigen Diskussion lassen sich zwei Tendenzen unterscheiden. Die eine versucht die neue Technologie als lebenserleichternde Dienstleistung in die Logik des Fortschritts einzufluchten. Die andere hat einen alarmistischen Horizont: Auf dem Spiel steht danach nicht das Nebensächliche, sondern letztlich das, was uns ausmacht. Im ersten Fall geht es um etwas, was man Werkzeugwissen nennen könnte, im zweiten um das Wissen über uns selbst, das mit den grundlegenden Weisen unserer Selbstverständigung zusammenhängt.

Vermutlich gäbe es auch in dem vorliegenden Text Passagen, für die man auf die nützlichen Recherchedienste digitaler Handlanger zurückgreifen könnte. Ob man die Neigung verspürt, seinen Namen darunterzusetzen, würde sich daran bemessen, wie entscheidend sie sind. Schon durch die digitale Vernetzung ist das imposante Wissensmassiv des Einzelnen, das einmal ein Bildungsmerkmal war, abgeschliffen worden. Jeder kann sich zusammengoogeln, worüber er nicht verfügt. Was einmal aus individueller Erfahrung zusammengetragener Besitz war, ist heute nur noch ein paar Klicks weit entfernt und so obsolet wie die vielbändigen lexikalischen Staubfänger, die durch Wikipedia ersetzt wurden. Zumindest für den Schreibenden, dessen Papierform sich im Zweifel viel imposanter ausnehmen kann als die ernüchternde reale Begegnung – in ihr liegt immerhin ein natürliches Korrektiv für mittels maschineller Hilfe erschlichene Arbeitsnachweise und Qualifikationen.

Doch worauf läuft letztlich alles Wissen hinaus? Was hat uns ein Chatbot darüber zu sagen, wie es ist, Schmerz zu empfinden, Liebe oder auch nur die existenzielle Angst, überflüssig zu werden? Sicher einiges, weil schon viele, die wussten, wovon sie sprachen, einen Fundus geliefert haben, aus dem sich die kombinatorische Buchstabensuppe möglicher Antworten speist. Mag sich, was wir Intelligenz nennen, als Größe einer Verknüpfungsleistung fassen lassen, ist sie doch nur ein Teil dessen, was uns ausmacht. Und hier könnte man nun eine kleine Recherche über unsere sinnlich-geistige Doppelnatur einschalten, Schiller und die Folgen. Lieber Chatbot, wie war das noch einmal gleich? Die Antwort der KI lautet: „Schiller argumentierte, dass der Mensch sowohl sinnliche als auch geistige Bedürfnisse hat und dass das Ausleben dieser beiden Bedürfnisse gleichzeitig erfolgen muss, um eine harmonische Entwicklung zu erreichen. Er glaubte, dass das Streben nach sinnlichen Genüssen allein den Menschen in seiner Entwicklung hemmt und ihn nur auf seine animalischen Instinkte reduziert, während das Streben nach rein geistigen Dingen den Menschen von der Welt entfernt und ihn in eine Art abstrakten Intellektuellen verwandelt.“

Gibt es einen triftigeren Ausdruck für das, was man unter abstrakter Intellektualität zu verstehen hat, als diese Antwort? Es ist interessant zu sehen, wie sich in den fortgeschrittensten Zukunftsbildern alte, längst überlebte Figuren spiegeln. Fortschritt bedeutet auch Wiederkehr. Der kauzige Stubengelehrte, der lichtscheu in seiner Kammer sitzt und kaum je Berührung mit den Dingen hat, deren Wissensbestände er verwaltet, geistert als Spottbild durch Literatur- und Filmgeschichte.

Überall wird gerade über den Begriff kultureller Aneignung gestritten. Aber was sind ein paar verfilzte blonde Dreadlocks gegen die fundamentale Aneignung fremder Erfahrungen, Stile und Formen, die mit den Daten verarbeitenden Elaborationen wohltrainierter KI-Systeme einhergehen? Man tritt ihnen sicher nicht zu nahe, wenn man sagt, dass sie von dem, was sie adrett daherformulieren, nicht den blassesten Schimmer haben.

Porträt und Pissoir

Das heißt nicht, dass sie keine wichtige Rolle in schöpferischen Zusammenhängen spielen könnten. Längst sind sie in die Künste eingezogen. Autoren, Künstler, Komponisten nutzen digitale Verfahren. Der Hype hat die Aura ersetzt. Doch selbst vollständig computergenerierte Kunstwerke leben noch vom Akt der Bedeutungsbemessung, und liegt sie nur in dem provokanten Zug, ihre ästhetische Rechenleistung polemisch den menschengemachten Werken zu konfrontieren. Warum sollte man dem im Auktionshaus Christies für 380 000 Euro versteigerten Porträt „Edmond de Belamy“, das von keines Künstlers Hand gemalt wurde, vorenthalten, was man einem Pissoir kunstgeschichtlich folgenreich eingeräumt hat – als zeitgenössisches Readymade den Begriff des Kunstwerks zu reflektieren und infrage zu stellen. Solange jemand dafür einsteht, bleibt die Unterscheidung von Werkzeug und schöpferischer Intuition intakt.

Aber ob der Name Beethoven wirklich über jener 2021 in Bonn uraufgeführten 10. Sinfonie stehen muss, die eine KI aus Fragmenten algorithmisch zu Ende komponiert hat? Schon vor dem großen Coming-out von ChatGPT als unserem neuen Schreibpartner hat sich der Schriftsteller Daniel Kehlmann in das Silicon Valley, die Brutstätte aller Zukunftsfantasien, aufgemacht. Nicht, um für einen dystopischen Roman zu recherchieren, sondern um gemeinsam mit einer Künstlichen Intelligenz eine Kurzgeschichte zu verfassen. Über seine Erfahrungen hat er in seiner Stuttgarter Zukunftsrede berichtet. Das Ergebnis war so dürftig wie die Arbeitsproben, die heute jeder von ChatGPT verlangen kann. Sollten wir irgendwann tatsächlich von Künstlichen Intelligenzen ausrangiert werden, die vieles besser lösen, als wir es je vermochten: Auf die Geschichten, die sie sich erzählen, muss man – wie es aussieht – nicht besonders gespannt sein.

Die Zukunft, in der intelligente Roboter unsere Texte schreiben, wäre eine aus zweiter Hand, eine der Fälschungen und Simulationen, ein Reich des Scheins und schlechter Texte. Undenkbar ist das nicht. Manche glauben, es habe längst begonnen, nicht erst in postfaktischen Zeiten, sondern schon wesentlich früher. Bei Platon zum Beispiel. Auch der griechische Philosoph hatte mit dem Problem toten Wissens zu tun. Dafür verantwortlich machte er die fatale Erfindung der Schrift, dieses Schattenbild der lebendigen und beseelten Rede, deren Erfindung er in seinem Dialog „Phaidros“ in das ägyptische Totenreich verlegt. Wissen lasse sich nicht schriftlich fixieren, das, worauf es ankomme, bleibe der mündlichen Mitteilung vorbehalten; der lebendige Auseinandersetzungsprozess, auf dem wahres Wissen beruht, werde durch die permanente Abrufbarkeit extern gelagerter Informationen geschwächt.

Wer viel aufschreibt, wird vergesslich. Und je mehr wir dem algorithmischen Dummy unserer selbst immer ähnlicher werden, desto mehr büßen wir jene Autonomie ein, die wir uns zugutehalten. Der Dialog und der Austausch, der das Wissen speist, führt über das Zwiegespräch mit Chatbots hinaus. Nachdem man den Autor immer mal wieder kokett beerdigt hat, ist es an der Zeit, ihn in einem emphatischen Sinn wieder zum Leben zu erwecken. Worauf es ankommt, ist Unterscheidungsvermögen, Kritik, die Fähigkeit, das Lebendige vom Nachgemachten zu unterscheiden – mag es noch so gefällig klingen, was mit Musik gefütterte Apparate ausspucken, und noch so großen Spaß machen, in KI-kultivierten Monet’schen Seerosenpools zu baden. Es liegt an uns, ob unser neues Gegenüber uns bereichert oder verarmt.

Entscheidung im Hier und Jetzt

Am Ende verhält es sich ja so wie mit der Schrift. Man kann beim besten Willen nicht sagen, dass die Sache vollständig in die Binsen gegangen wäre, allen Bedenken zum Trotz. Auch wenn es durchaus wissensesoterische Kreise gibt, die behaupten, der eigentliche Platon sei nur der mündliche. Denkt man aber den Begriff der Mündlichkeit zu Ende und fasst ihn grundsätzlicher, liegt darin der Inbegriff einer realen Präsenz im Hier und Jetzt. Vielleicht führt uns die Begegnung mit den künstlich intelligenten Alter Egos ja in den Raum der Wirklichkeit zurück und konfrontiert uns mit dem, was wir sind, wenn wir unsere Leiber durch die Gegend tragen, wie wir erscheinen, wenn wir gerade mal nicht ein Smartphone zur Verfügung haben, um eine klügere Version unserer selbst zu ergooglen oder eine schönere in die sozialen Kanäle einzuspeisen.

Es liegt darin die Chance, zu dem zurückzufinden, womit alles Wissen anfängt – zu dem sokratischen Prinzip: Erkenne dich selbst.