Die Romane „Die Bagage“ und „Vati“ der Vorarlberger Schriftstellerin Monika Helfer zählen zu den großen Literaturereignissen der letzten Zeit. An diesem Samstag, 24. Juli, erhält sie den Schubart-Literaturpreis.
Hohenems - Über Familie haben schon viele geschrieben, aber so wie Monika Helfer noch niemand. Von ihrem Haus in Hohenems zwischen den Ausläufern des Bregenzer Waldes und des Bodensees sieht man in die Berge. Dort, in einem der hintersten Winkel, am äußersten Rand der Gesellschaft lebten ihre Großeltern, Maria und Josef – so hießen sie wirklich. Während der Mann die Gräuel des Ersten Weltkriegs überlebt, muss sich seine schöne Frau mit den Kindern alleine durchschlagen, in einem dörflichen Umfeld voller Lüsternheit, Niedertracht und Bigotterie. Als sie wieder schwanger wird, schwebt die Ungewissheit über die Vaterschaft wie ein böser Schatten über der Familie.
Vier Brüder, drei Schwestern, mittendrin das vermeintliche Kuckuckskind, die spätere Mutter der Autorin, deren Vater sie sein kurzes Leben lang unbarmherzig schneidet. Es sind die Ärmsten der Armen – „die Bagage“. Sie gab einem Roman den Titel, in dem fernab jeglicher Idyllisierung auf eigentümliche Weise alles zusammenkommt: Märchen, Biografie, Heiligenlegende und Sozialreport aus dem Subproletariat einer wilden Hinterwelt.
Merkwürdige Nachbarschaften
Am Tag zuvor stand auch in dieser Gegend die Gewitter-Hölle offen. Jetzt brummt im Nachbargarten schon wieder der Rasenmäher. Mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, wohnt die 1947 im 50 Kilometer entfernten Au Geborene in einem Umfeld, das man wohl gutbürgerlich nennen könnte. An die „Bagage“ erinnert nichts mehr, außer die Familienschönheit, die Monika Helfer wohl von ihrer Großmutter geerbt hat.
Eine Katze rekelt sich behaglich zu ihren Füßen in der Sonne. „Meine Bagage mütterlicherseits, das waren die letzten im Dorf“, erzählt sie auf der Terrasse ihres Gartens. „Doch sie waren stolz. Geflickte Hosen, aber sauber, war ein Motto der Familie.“
Merkwürdige Nachbarschaften zwischen Paradies und Elend, himmlischer Schönheit und sozialer Drastik pflegen Monika Helfers Romane: hier die Onkel, die sich Prostituierte teilen und gleich mehrfach heiraten. Dort die Bekanntschaft mit dem Philosophen Karl Jaspers. Es war ihr Mann, der geraten hat: „Schreib doch einmal über deine Familie – das ist ja wie bei García Márquez.“
Vertreibung aus dem Paradies
Lange hat sie damit gewartet, weil sie niemand verletzen wollte. Nun sind die Hauptpersonen alle gestorben. Darunter finden sich Versehrte, Hallodris, Wilderer, blinde Riesen, Kettenraucher, Trinker und Hochbegabte, die wie Monika Helfers Vater vor ihrem Leben in eine ans Religiöse grenzende Verehrung des Buches fliehen.
Ihm hat sie den zweiten Teil der Herkunftserzählung gewidmet, „Vati“ – so wollte er genannt werden, weil er meinte, es klinge modern. Dass er nun in einem Buch weiterlebt, dürfte ihm gefallen. Im Krieg hat er ein Bein verloren, später leitete er in den Bergen ein Kriegsopfer-Erholungsheim.
Nach dem frühen Tod ihrer Mutter und dem psychischen Zusammenbruch des Vaters erfolgte die Vertreibung aus dem Kindheitsparadies. Mit einem Teil ihrer Geschwister wuchs die kleine Monika unter einer undurchdringlichen Zigaretten-Rauchwolke in der aus allen Nähten platzenden Wohnung einer Tante und deren sich ausschließlich von Bier ernährendem Mann auf.
„Unsere Familie ist wirklich extrem. Als Kind habe ich angefangen, auf Zettel zu schreiben, um mich zu trösten. Wenn ich irgendwo einen Konflikt sehe, fange ich an zu schreiben“, sagt Monika Helfer. Viele Jahre wollte sie dem Mief entkommen, jetzt zieht sie es wieder zurück, um Ordnung in die Erinnerung zu bringen. Wobei der Prozess des Schreibens und Erfindens stets transparent wie ein feiner Schleier bleibt, der sich sanft über alles legt.
Tragik und Komik
In ihrem Leben sind schlimme Sachen passiert: Krankheiten, Unfälle, Krisen. Und doch tragen ihre Romane nicht das anklagende Grau in Grau einer Benachteiligungsgeschichte, sondern leuchten in allen Farben. „In jedem Traurigen steckt auch etwas Komisches. Bücher, in denen nur negative Gefühle vermittelt werden, fehlt etwas.“
Der Berg, auf den man von ihrem Haus blickt, ist ein schmerzhafter Ort. Auf halbem Weg zur Burgruine Alt-Ems kommt man an einem Baum mit dem blumengeschmückten zart verblichenen Foto einer jungen Frau vorbei. Vor einigen Jahren ist hier die 21-jährige Tochter Paula verunglückt, deren Schriftstellerrinnenkarriere gerade begonnen hat. Jeden Tag geht Monika Helfer den Weg, ein Ritual. „Paula ist für mich immer präsent, das ist ein Trost.“ Ihr Tod durchzieht auch die Romane. Sind diese auch ein Schutz vor der eigenen Geschichte? „Die Fiktion ist immer ein Schutz, natürlich.“
Man muss eine Geschichte dreimal erzählen, heißt es in „Vati“. Ein dritter Band erscheint im Frühjahr. Über den Bruder: „Das war ein verrückter Kerl, der mir sehr nahestand.“ Mit dreißig hat er sich das Leben genommen. Aber wie die Schriftstellerin versichert – es ist ein lustiges Buch geworden.
Schubart-Literaturpreis
Preis
Der Schubart-Preis der Stadt Aalen gehört zu den ältesten Literaturpreisen des Landes Baden-Württemberg. An diesem Samstag, 24. Juli, wird die mit 20 000 Euro dotierte Auszeichnung an Monika Helfer für ihren Roman „Die Bagage“ (Hanser-Verlag) verliehen. Der Förderpreis geht an Verena Güntner für den Roman „Power“ (Dumont). Der öffentliche Festakt beginnt um 18 Uhr in dem neuen Kulturbahnhof Kubaa in Aalen. Er wird auf dem Youtube-Kanal der Stadt live übertragen: www.youtube.com/user/StadtAalen.
Lesung
Am Sonntag, 25. Juli, lesen beide Autorinnen ab 11 Uhr ebenfalls im Kubaa. Es gelten die die 3-G-Regeln, in den Räumlichkeiten besteht Maskenpflicht.