Gudrun Kruiphat die Ausstellung erweitert und die Verbindung zu Elly Heuss-Knapp hergestellt Foto: Elke Rutschmann

Seit 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen und gewählt werden. Gleichberechtigung herrscht laut Gudrun Kruip vom Theodor-Heuss-Haus trotzdem noch lang nicht. Eine Ausstellung im theodor-Heuss-Haus soll auch das Bewusssein der Jugendlichen für das Thema schärfen.

Stuttgart - Obwohl Elly Heuss-Knapp nie in dem schlichten Anwesen im Feuerbacher Weg 46 in Stuttgart gewohnt hat, ist die Frau des ersten Bundespräsidenten doch omnipräsent im Theodor-Heuss-Haus. Und ihre Wahllyrik „Frauen, werbt und wählt, jede Stimme zählt! Jede Stimme wiegt, Frauenwille siegt!“, die in der Historie der Familie Heuss im Erdgeschoss verewigt ist, korrespondiert bestens mit der aktuellen Ausstellung „Um die Stimmen der Frauen“, die bis zum 1. September zu sehen ist.

Gezeigt werden 29 Reproduktionen von Wahlplakaten. Sie dokumentieren, wie Parteien um die Gunst der Wählerinnen werben. 24 Plakate stammen aus der von Karin Ehrich von 1919 bis 2002 kuratierten Wanderausstellung und sind eine Leihgabe des Vereins zur Förderung von Frauenpolitik in Niedersachsen. Gudrun Kruip hat die Exponate um die Jahre 2002 bis 2017 ergänzt. „Die Erweiterung und die Verbindung zu Elly Heuss-Knapp sind das Alleinstellungsmerkmal unserer Ausstellung“, sagt Thomas Hertfelder, Geschäftsführer der Theodor-Heuss- Haus-Stiftung.

AfD stellt ihre Wahlplakate nicht zur Verfügung

Seit 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland also wählen und gewählt werden. Gleichberechtigung herrscht aber aus Sicht von Gudrun Kruip noch lange nicht. Denn trotz Quoten und diverser Förderprogramme dominieren immer noch Männer die Politik. Der Frauenanteil im Bundestag ist mit 30 Prozent so niedrig wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. „In der Schule wird es den Mädchen nicht bewusst, dass die Gleichberechtigung im späteren Leben noch nicht wirklich funktioniert“, sagt Gudrun Kruip, die selbst drei Töchter hat. Deshalb will sie mit der Ausstellung das politische Bewusstsein im Hinblick auf die Gleichberechtigung schärfen. „Aber es ist wichtig, Mädchen und Jungen gleichermaßen für das Thema zu sensibilisieren“, sagt die 54-Jährige. Denn demnächst seien schließlich Kommunalwahlen in Baden-Württemberg, bei denen auch schon 16-Jährige wählen dürfen.

Gudrun Kruip stammt aus Oberhausen, hat in den USA, Essen und Tübingen Geschichte, Amerikanistik und Neue Deutsche Literatur studiert und bei Professor Anselm Doering-Manteuffel in Tübingen promoviert. Seit 1997 ist sie wissenschaftliche Angestellte bei der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss- Haus. Bei der Auswahl der vier neuen Plakate musste sich die Historikerin nicht durch einen Wust von möglichen Exponaten wühlen, denn bei der FDP und auch bei der Partei die Linke gab es keine frauenpolitischen Schwerpunkte. Bei der AfD hingegen wurde sie fündig. „Die AfD vermittelt die Ablehnung der Migration in Deutschland häufig über Frauen“, stellt Gudrun Kruip fest. Auf deren Plakaten sollen Frauen in deutschen Trachten die bunte Vielfalt im Land widerspiegeln, Bikini-Mädchen lehnen die Burka ab. Allerdings sind die Plakate nicht Bestandteil der Ausstellung, weil die AfD die Einwilligung dazu verweigert hat.

Zurück zu Elly Heuss-Knapp: Parteiübergreifend hat sie sich dafür eingesetzt, dass Frauen ihr neu erworbenes Wahlrecht nutzten. Und erstmals buhlten alle Parteien 1919 um die Gunst der Wählerinnen. Heuss-Knapp selbst war eine der 300 Frauen, die für den Reichstag kandidierten. 37 weibliche Abgeordnete zogen schließlich ins Parlament ein. Heuss-Knapp reichte es nicht für ein Mandat. Die Plakate damals appellierten an Muttergefühle und Opferbereitschaft, aber auch an Kampfgeist und weibliche Wut. Gezeichnet wurde in der Weimarer Republik ein ambivalentes Frauenbild. „Mit dem Lebensalltag der Frauen hatte die Wahlwerbung allerdings wenig zu tun“, stellt Gudrun Kruip fest.

Wahlplakate werden auch in Zeiten des Internets noch immer aufgehängt, im Schnitt allerdings nur zwei Sekunden angesehen. „Deshalb ist es kein Wunder, dass auf ihnen kaum Inhalte transportiert werden“, sagt Gudrun Kruip.

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