Sie war weit mehr als Lennons Witwe. Eine Ausstellung in der Tate Modern in London zeigt Yoko Ono als Fluxus-Künstlerin und Friedensaktivistin. Im Herbst kommt die Schau nach Deutschland.
Im Februar wurde Yoko Ono 91 Jahre alt. Dass sie mehr ist als John Lennons Witwe ist, dass sie, lange ehe sie dem Beatle begegnete, eine anerkannte Künstlerin war, als Mitbegründerin der Fluxus-Bewegung gilt, ist vielen nicht bekannt. „The World‘s most famous unknown Artist“ – so nannte Lennon Yoko Ono selbst einmal: „Everybody knows her name but nobody knows what she does.” – “Sie ist die berühmteste unbekannte Künstlerin der Welt. Jeder kennt ihren Namen, aber keiner weiß, was sie tut.“
In London ist nun eine Ausstellung zu sehen, die das ändert. „Music of the Mind“ wird im September des Jahres aus der Tate Modern nach Düsseldorf wechseln. Mit einzelnen Arbeiten reicht die Ausstellung bis nahe an die Gegenwart. Yoko Ono produziert nach wie vor Kunst, Installationen, Zeichnungen; ihr letztes Album mit Popmusik, „Warzone“, erschien vor sechs Jahren. Das Gros ihrer Arbeiten jedoch entstand zu Beginn der 1960er Jahre und ist, sehr komprimiert, zusammengefasst in einem Buch, das 1964 zunächst in kleiner Auflage erschien: „Grapefruit“ ist eine Abfolge unnummerierter Seiten, auf denen sich knappe Anweisungen finden: „Throw a Stone into the Sky high enough / so it will not come back.“ („Werfe einen Stein in den Himmel / hoch genug, dass er nicht wiederkommt.“)
Yoko Onos Kunst ist eben dies: Gedankenspiel, Imagination, stellt auf eine stets sehr ruhige, heitere Weise Grenzen in Frage, überschreitet sie. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Vorstellung, zwischen dem Machbaren, Unmöglichen, dem Eindeutigen, Vieldeutigen, zwischen dem Privaten und Öffentlichen auch. „Two Virgins“, das legendär unhörbare Album, das Lennon und Ono 1968 veröffentlichten, dessen Cover das Paar nackt zeigt, ist vor allem Überschreitung dieser Grenze.
In einem Raum der Tate Modern, in dem ein Film gezeigt wird, der die „Bed in“-Aktion dokumentiert, mit der Lennon und Ono 1969 gegen den Vietnamkrieg protestierten, steht auch Yoko Onos Schachspiel. Alle Spielfiguren sind weiß. „For playing as long as you can remember where all your Pieces are”, lautet ihre Anweisung. Spielen soll man, so lange, bis man vergessen hat, welches die eigenen Figuren sind. Der Gegner, Antagonismus, löst sich auf, verliert an Bedeutung, im Spiel.
Früh schon machte Yoko Ono partizipative Vorgehensweise zu einem wichtigen Element ihrer Arbeit. „Add Color (Refugee Boat)“ ist eine Installation, die zurückgeht auf das Jahr 1960. 2019 hat Ono sie neu eingerichtet, heute kommt ihr neue Bedeutung zu. Ein weißes Ruderboot lag zur Eröffnung der Londoner Ausstellung in einem weißen Raum. Besucher sind aufgefordert, den Raum, das Boot in blauer Farbe mit ihren Gedanken zu beschriften. Tausende taten es bereits. Längst schwimmt das Boot in einem Meer sich überlagernder Handschriften. „Make Love not War“ steht irgendwo.
Ein bisschen weiter: Eine Wand, an der, viele Meter breit, unzählige Notizzettel kleben. Besucher der Ausstellung sollen einen Gedanken an die eigene Mutter notieren und anheften. „My Mommy’s beautiful“, so der Titel des Werks. Und draußen, im Foyer der Tate Modern: Die „Wish Trees“, die Yoko Ono seit 1996 an vielen Orten installiert hat. Hier sollen die Besucher einen einfachen Wunsch notieren und mit einem Faden an einem Ast eines Baumes aufhängen. Wünsche nach persönlichem Erfolg und nach Frieden und Gleichheit stehen nebeneinander, in vielen Sprachen.
Freilich: Es ist auch immer wieder die Grenze zwischen Kunst und Kitsch, die Yoko Ono befragt, auch in der Musik, in der sie kindlich anmutende Popsongs neben Gesangsperformances stellt, die die Hörer auf oft tatsächlich schmerzhafte Weise konfrontieren. Naivität hat Ono stets bewusst und subversiv eingesetzt. Ebenso den Schock, die Provokation.
Die Kleider vom Leib schneiden
Viele Dokumente sind zu sehen, Fotografien, Einladungen zu Ausstellungen, Typoskripte. Da sind Yoko Ono, John Cage und David Tudor bei gemeinsamen Performances 1958 und 1962, da ist ein Plakat, das einen Auftritt mit den Jazzmusikern Ornette Coleman und Charlie Haden in der Royal Albert Hall ankündigt, 1968.
„Cut Piece“, eine der bekanntesten Arbeiten, entstand 1964 als Film: Yoko Ono sitzt regungslos in bester Garderobe auf der Bühne und lässt sich von Zuschauern mit einer Schere die Kleider vom Leib schneiden – ein Wagnis, das die Aktionen von Marina Abramović vorwegnimmt. In „Fly“ (1970) folgt die Kamera einer Fliege, die über den nackten Körper einer regungslosen Schauspielerin kriecht. „Helmets (Pieces of Sky)“ besteht aus frei hängenden, kopfstehenden deutschen Soldatenhelmen, die Ono gefüllt hat mit Puzzleteilen des blauen Himmels. „A Hole“ von 2009 besteht aus einer Glasplatte, die von einer Kugel durchschlagen wurde. Die Anweisung: „Go to the other Side of the Glass and see through the Hole” – Geh auf die andere Seite und sieh durch das Loch.
Yoko Onos politisches Engagement ist aus ihrer Kunst nicht wegzudenken. Ono selbst sah sich oft massiven Anfeindungen ausgesetzt. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie, sie nutzte diese Option und behauptete sich als Frau in der Kunstszene der 1950er und 1960er Jahre. Das Blau des Himmels ist für sie ein Symbol des Möglichen. „Imagine“ heißt ein Album, das ihr den Titel verdankt.