Der Arzt Anas Bzour klärt den Patienten Gabriel Tatar über eine bevorstehende Operation auf. „Er hat mir jetzt schon zum zweiten Mal sehr geholfen“, sagt der gebürtige Rumäne über seinen aus Palästina stammenden Arzt. Foto: StZ

Ärzte wie Anas Bzour aus Palästina sind für das deutsche Klinikwesen inzwischen unverzichtbar geworden. Doch leicht wird ausländischen Medizinern der Weg nach Deutschland nicht gemacht.

Waldshut-Tiengen - Ein Rettungswagen kommt mit Blaulicht angerauscht und bremst vor der Notaufnahme des Waldshuter Spitals. Die Sanitäter bringen einen Mann in den Schockraum. Zehn Treppenstufen ist er hinuntergefallen, doch äußerlich scheint er unverletzt: keine Brüche, keine größeren Schürfungen. Wach und ansprechbar ist er auch. Anas Bzour bestellt dennoch sicherheitshalber eine Aufnahme vom Computertomografen. Das CT-Bild ist üblich in solchen Fällen, aber auch lebenswichtig, wie sich zeigt. Erst jetzt kann der junge Arzt erkennen: Der Mann hat eine Gehirnblutung und muss sofort in die Freiburger Universitätsklinik verlegt werden.

Es ist keine anderthalb Jahre her, da saß Bzour in einer kleinen Wohnung in Herne in Nordrhein-Westfalen, paukte für den deutschen Sprachtest und wartete darauf, endlich seine Approbation zu erhalten. Mit ihm in der Einzimmerwohnung lebten zwei weitere Kollegen im Wartestand – beide Palästinenser wie er. Mal zog man sich gegenseitig runter, mal machte man sich Hoffnung, mal fragte man sich Vokabeln ab. „Ansonsten kannte ich niemanden“, sagt der 29-Jährige.

Endlich mitten im Leben

Jetzt steht er als Assistenzarzt in der Notaufnahme des Waldshuter Spitals, arbeitet auf der Station für Allgemeinchirurgie oder klärt Patienten auf, die für eine Operation vorbereitet werden. Nach dem Dienst geht er ins Fitnessstudio oder treibt Yoga. Vor allem steht er nicht mehr am Rand, sondern mitten im Leben. „Durch die Arbeit lernt man täglich neue Leute kennen“, sagt Bzour. „Die Lebensqualität ist hier viel besser.“ Im Westjordanland lebte er in einem kleinen Dorf. „Der Bus kam irgendwann oder gar nicht. Hier gibt es einen Fahrplan, auf den man sich verlassen kann“, sagt Bzour.

Nach fast anderthalb Jahren in der Einzimmerwohnung im tiefen Westen bedeutete der Umzug nach Südbaden noch einmal einen kleinen Kulturschock. „Ich habe geglaubt, in Deutschland sieht es überall so aus wie im Ruhrgebiet“, sagt Bzour. Als er zu einem Vorstellungs- und Probetag nach Waldshut reiste, war er dann aber positiv überrascht. „Die Gegend ist schön. Die Menschen sind sehr nett. Es ist sehr ruhig.“ Nur seine guten Deutschkenntnisse (im Fachjargon: Niveau C1 – fließend) schienen plötzlich wertlos zu sein. Bei der Visite sprach der Chefarzt alemannisch mit den Patienten: „Wie goht’s Ihne hüt?“ Kein Wort habe Bzour verstanden. „Was sprechen die da überhaupt?“, habe er sich nur gedacht.

Waldshut ist am schnellsten

Als er kurz darauf die Zusage aus Waldshut erhielt, gab es dennoch kein Zögern. Natürlich wäre er auch woanders untergekommen. In Berlin, Ulm, Essen und Lübeck hatte er sich ebenfalls vorgestellt. „Aber ich wollte endlich arbeiten.“ Die Waldshuter waren mit ihrer Zusage am Schnellsten.

Dass importierte Ärzte aus anderen Ländern den Betrieb an deutschen Kliniken am Laufen halten, ist längst zur Regel geworden. In sieben Jahren hat sich die Zahl ausländischer Ärzte in Deutschland verdoppelt. In Baden-Württemberg stammt bereits jeder siebte Klinikarzt aus dem Ausland, hat die Landesärztekammer errechnet. Besonders viele sind in Provinzkrankenhäusern angestellt, noch mehr sind es entlang der Schweizer Grenze, wo viele junge deutsche Kollegen lieber dem Ruf des Franken folgen.

Jeder Vierte hat keinen deutschen Pass

In Lörrach gelang es, durch Netzwerke speziell Mediziner aus dem Kosovo und aus dem Baltikum anzulocken. In Waldshut geht man weniger akademisch vor. „Wir suchen nicht explizit im Ausland“, sagt der medizinische Geschäftsführer der Hochrhein-Spitäler, Hans-Peter Schlaudt. „Wir freuen uns aber über jeden, der bei uns arbeiten möchte.“ Ob derjenige aus Polen, Russland oder Syrien komme, sei egal. Schon 20 Prozent seiner Ärzte haben keinen deutschen Pass. Nimmt man den zweiten Standort in Bad Säckingen hinzu, gilt das sogar für jeden Vierten.

„Es gibt Abteilungen, da hat nur noch der Chefarzt Deutsch als Muttersprache“, sagt der Sprecher der Landesärztekammer, Oliver Erens. Die Waldshuter Allgemeinchirurgie von Chefarzt Johannes Zeller ist davon zumindest nicht weit entfernt. Von den zehn Assistenz- und Oberärzten sind nur drei aus Deutschland und einer aus Österreich. Die übrigen kommen aus Armenien, dem Kaukasus, Kasachstan, Belgien, Russland oder eben Palästina.

Der Chefarzt mag seine „bunte Truppe“

Der Stellenmarkt sei knapp besetzt, da schaue man sich jede Bewerbung genau an, sagt Zeller. Dennoch sei die internationale Besetzung seiner Abteilung für ihn keine Notlösung: „Ich mag meine bunte Mannschaft.“ Bei Bzour habe ihn nicht zuletzt dessen Biografie gereizt: „Ein junger Mann, der im israelischen Raum nicht arbeiten kann, der keine Möglichkeit hat, seiner Bevölkerung vernünftig zu helfen, und der sich dann auf den Weg nach Europa macht – das fand ich markant.“ Also lud er ihn nach Waldshut ein. „Das Fachliche muss stimmen“, sagt Zeller. Entscheidend sei allerdings, wie der Bewerber mit den Patienten umgehe und im Team harmoniere. Nach dem Probetag war für Zeller alles klar: „Er hat eine feine Art.“

Die medizinische Fakultät der Al-Quds-Universität, an der Bzour studiert hat, besitzt im Nahen Osten einen guten Ruf. Sie liegt im arabischen Teil von Jerusalem. Doch es fehlt der Anschluss an eine große Klinik. Diese befinden sich alle auf der anderen Seite des Zauns. Palästinenser aus dem Westjordanland dürfen dort in der Regel nicht praktizieren. Auch Bzour bekam keine Erlaubnis. Ein Jahr nach dem Examen besorgte er sich beim deutschen Konsulat ein Visum zur Arbeitssuche, besuchte den ersten Deutschkurs und kratzte sein Erspartes zusammen. „Ich wollte mich weiterbilden und Chirurg werden.“

„Ich will jetzt mein Leben aufbauen“

Dass dies nicht in seiner Heimat, wohl aber in Deutschland klappen könnte, war ihm schon im Studium klar geworden. Über ein Austauschprogramm hatte er einen Monat am Düsseldorfer Klinikum hospitiert. Die dortigen Möglichkeiten begeisterten ihn. Dass er nun als Arzt in Palästina fehle, sei ein Umstand, der ihn schon bedrücke. „Ich möchte meinen Leuten helfen, aber das fällt mir unter den gegenwärtigen Bedingungen schwer“, sagt Bzour.

Nicht ausgeschlossen sei, dass er irgendwann in seine Heimat zurückkehre. Jetzt aber wolle er sich erst einmal sein Leben in Waldshut aufbauen – auch wenn er mit dem Alemannischen immer noch auf Kriegsfuß stehe. Doch im Team spreche man Hochdeutsch. Und die Patienten? „Die geben sich sehr viel Mühe mit mir.“

Berufe sollen rascher anerkannt werden

Zahlen:
Bundesweit hat sich die Zahl der ausländischen Ärzte binnen sieben Jahren mehr als verdoppelt. 2016 zählte die Bundesärztekammer 41 658 berufstätige ausländische Ärzte, das waren elf Prozent der Ärzteschaft. Besonders viele sind in Provinzkrankenhäusern angestellt. Qualifikation:
Die Anträge von ausländischen Ärzten, Apothekern, Pflegern und Hebammen auf Berufsanerkennung sollen schneller bearbeitet werden. Die Landesregierung stellt dafür acht neue Stellen zur Verfügung. Bei Kranken- und Altenpflegern sowie Hebammen wurden 2016 insgesamt 3090 Anträge auf Anerkennung einer ausländischen Berufsqualifikation gestellt. Das Land erkannte mehr als ein Drittel davon an. Bei den akademischen Heilberufen gab es 1900 Anträge. Das Land erteilte aber nur 795 Ärzten, Zahnärzten und Apothekern eine Approbation.

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