Die Zone der Futterwiesen reicht vom Rosensteinpark bis zur Cannstatter Straße. Foto: Haar

Die Futterwiesen der Wilhelma reichen bis in den Schlossgarten – Bürger beklagt Einschnitte

Stuttgart - Schon im Jahr 2006 ärgerten sich Bürger über die Futterwiesen im Rosenstein-Park. Dass man ausgerechnet während der Fußball-Weltmeisterschaft nicht auf dem saftigen Grün kicken durfte, wollten die Freunde des gepflegten Rasenspiels nicht einsehen. Im Jahr 2011 schafften es die Rasenflächen, auf denen Futter für die Tiere der Wilhelma wächst, sogar in die Bürgerumfrage. Den Ton, mit dem die Verbotsschilder den Bürgern den Zutritt untersagten, empfand man als unfreundlich. Doch das sind Petitessen im Vergleich zum jetzigen Ärger.

Jetzt stoßen sich Bürger aus einem anderen Grund an den Futterwiesen. Ihr Vorwurf lautet: Die Wilhelma habe die Fläche stark ausgedehnt. Während früher lediglich der Rosensteinpark rund um die Wilhelma gesperrtes Terrain gewesen sei, reiche die verbotene Zone nun bis in die Stadt hinein. Konkret: Seit Kurzem stehen auch im Unteren Schlossgarten bis zur Cannstatter Straße auf Höhe der Schwabengarage Verbotsschilder mit dem Hinweis: „Futterwiesen nicht betreten!“ Dazu gibt es vier Bildchen, die mit einem roten Balken durchgestrichen sind. Die Bilder symbolisieren: Wiese nicht betreten, Hunde nicht ohne Leine laufen ­lassen, Hunde dürfen keine Haufen in die Wiese setzen, es darf kein Müll abgelegt ­werden.

Wer auf Futterwiesen ruht, muss 30 Euro Buße zahlen

Manches davon gilt im Prinzip für jede Wiese. Bis auf das Verbot, die Fläche zu betreten oder darauf zu ruhen. Genau das versuchte ein Stuttgarter zuletzt an einem Sonntag im Unteren Schlossgarten. Er saß keine fünf Minuten, da hielt ein Auto des städtischen Vollzugsdienstes neben ihm. Zwei Ordnungshüter stiegen aus und ermahnten den Herrn, der gerade noch friedlich in seinem Buch geschmökert hatte: „Im Wiederholungsfall sind 30 Euro Strafe ­fällig!“ Der Bürger fragte fassungslos nach: „Wie bitte? 30 Euro Strafe. Nur weil ich friedlich auf einer Wiese sitze?“ Die beiden Vollzugsbeamten sollen genickt und erklärt haben: „Ja, tut uns leid. Aber das war alles im Amtsblatt nachzulesen.“

All das will dem Stuttgarter nicht einleuchten. Zumal die Rückzugsmöglichkeiten und die Naherholungsgebiete in der Stadt immer geringer werden. Die grüne Lunge der Stadt schrumpfe aus seiner Sicht: „Da der Obere und Untere Schlossgarten von den Sinti und Romabelagert werden, kann man sich dort auch nicht zum Erholen aufhalten. Und der Mittlere Schlossgarten ist ja längst Stuttgart 21 zum Opfer gefallen.“ Ärgerlich sei auch, dass die Stadt offenbar mit „zweierlei Maß messe“. Während die Sinti und Roma den Park offenbar ungestraft mit Müll und Exkrementen belasteten, müssten Stuttgarter Bürger mit 30 Euro Strafe rechnen: „Und das für bloßes Sitzen.“ Die Stadt Stuttgart widerspricht. Erstens müssten die Sinti und Roma, die im Schlossgarten campierten, ebenfalls mit Strafen rechnen. Und zweitens sei der Untere Schlossgarten schon immer für Futter­wiesen der Wilhelma genutzt worden. Eine kleine Einschränkung macht der Sprecher der Stadt dann doch: „Neu ist lediglich die Beschilderung. Früher hatten Pappschilder auf die Futterwiesen hingewiesen.“

Auch Sinti und Roma müssen laut Stadt Strafe zahlen

Der Leiter des Fachbereichs Parkpflege bei der Wilhelma, Micha Sonnenfroh, bestätigt das: „Wir nutzen etwa fünf Hektar des Unteren Schlossgartens.“ Der Anteil der Wiesennutzung im Rosensteinpark liege bei 41 Hektar (Gesamtfläche 64 Hektar).

Der Stuttgarter, der jüngst des Platzes verwiesen wurde, will das nicht einsehen: „Der Einschnitt ist für die Bürger, die sich dort erholen wollen, sehr groß.“ Weiter moniert der Parkbesucher: „Es gibt nur noch winzig kleine Flächen, die gemäht sind und auf die man sich niederlassen kann.“ Allerdings tummelten sich auf diesen Parzellen sehr viele, die in der Stadt Naherholung suchten. Man müsse sich die Fläche mit ­aktiven Kickern, Badminton-Spielern, Bumerang-Werfern oder ausgelassen spielenden Kindern teilen. „Wer allerdings nur in Ruhe auf seiner Decke ein Buch lesen möchte, findet auf der lächerlich kleinen Fläche neben all dem Trubel, Decke an Decke und umherfliegenden Bällen, leider keine Ruhe und Erholung mehr“, sagt der Stuttgarter.

Denn die freien Bereiche lägen oft am Rande des Parks – und damit direkt an den Gleisen mit den vorbeifahrenden Zügen oder direkt an der Bundesstraße mit ihrem extremen Verkehrslärm und der hohen Feinstaubbelastung. „Auch der Grillplatz ist keine Option für diejenigen, die nicht inmitten von Party, Picknick und Rauchwolken sitzen wollen.“

Micha Sonnenfroh von der Wilhelma kann den Unmut mancher Stuttgarter verstehen, aber der Artenschutz, das Parkbild sowie die Futternutzung machten die Ausweisung der Flächen zu Futterwiesen eben nötig. „Gleichwohl sind wir immer bestrebt, ein Gleichgewicht zwischen den Interessen herzustellen.“ Und dann verspricht er: „Wenn wir sehen, dass der Druck zu groß wird, müssen wir uns vielleicht Gedanken machen.“

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