„Dò vrzwatzlåsch schier“ kann man immer wieder mal hören Foto: StN

„Dò vrzwatzlåsch schier“ kann man immer wieder mal hören. Was will die betreffende Person damit kundtun?

Stuttgart - Leser Rolf Schippert aus Oberschlechtbach fragt nach der Herkunft des Wortes „vrzwatzlå“. Auch Rosemarie Bauer aus dem Kreis Tuttlingen interessiert sich ­dafür.

„Dò vrzwatzlåsch schier“ kann man immer wieder mal hören. Was will die betreffende Person damit kundtun? Auf die erste Eingebung: „verzweifeln“. Und diese Bedeutung trifft auch auf „verzwatzeln“ zu. Doch die Vermutung „verzwatzeln könnte ein von verzweifeln abgeleitetes Wort sein“ stimmt nicht, im Grimm’schen Wörterbuch wird dies nicht bestätigt. Versuchen wir eine Deutung über das Stammwort „zwatzeln“.

In Fischers Schwäbischem Wörterbuch wird „zwatzeln“ folgendermaßen beschrieben: „mit den Füßen zappeln; so zappelnd sich wehren, um sich frei zu machen; sich zappelnd abmühen. Begierig nach etwas zappeln. Geschäftig sein, ohne weit zu kommen.“ Bei Grimm steht das Substantiv „Zwatzel“. Dazu die Schilderung: „in den oberdeutschen mundarten weit verbreitet. Der grundbedeutung nach ist es ein ausdruck der kinderstube für die ungeschickten bewegungen eines kurzgeratenen kindes, womit sich der eindruck des unruhigen ängstlichen verbindet.“

Im Schwäbischen Wörterbuch findet diese Beschreibung beim Wort „zwatzelig“ eine Weiterführung: „zappelnd vor Ungeduld; äußerst unruhig, ungeduldig. Der ist ganz zwatzelig“. Aus diesen Zitaten lässt sich folgender Schluss ziehen: die Ungeduld und das Zappeln liegen dem Zwatzeln besonders stark zugrunde. Mit dieser Erkenntnis gehen wir jetzt zur Bedeutung von „verzwatzeln“. Fischer beschreibt sie so: „fast verzweifeln, vergehen, aus der Haut fahren vor Ärger, Ungeduld, Furcht, Neid, aber auch vor Freude“.

Eduard Mörike hat in sein Märchen „Das Stuttgarter Hutzelmännchen“ das Wort „verzwatzeln“ aufgenommen. Dort heißt es: „Er drohte seinem Weib mit Schlägen, wenn sie noch etwas sage, ging unmüssig im ganzen Haus herum, von einem Fenster zum andern, und wollte fast verzwatzeln.“

Rolf Schippert hat mit „verzaunraunklen“ ein ganz besonders originelles Wort eingereicht, ein Wort, das nicht einmal in das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm aufgenommen ist und auch in anderen Wörterbüchern fehlt – mit Ausnahme des Schwäbischen Wörterbuches von Hermann Fischer. Daraus ist zu schließen, dass „vrzãõrãõglå“ ein urwüchsiges schwäbisches Gewächs ist.

Die Leserinnen und Leser wollen jetzt natürlich erfahren, was man unter diesem sprachlichen Unikum versteht. Doch soll zuvor eine zweite Version genannt werden, nämlich „verzaunraunsen“, gesprochen „vrzãõrãõså“. Wie ersichtlich ist, ist in beiden Begriffen der Buchstabe „n“ ausgefallen, Trotzdem bleibt die Nasalierung, die im Schwäbischen automatisch durch die nachfolgenden „n / m / ng“ erzeugt wird, erhalten. Beide Begriffe werden/wurden für „zersausen, verwirren“ verwendet, „vrzãõrãõglåde Hòòr“ bzw. „vrzãõrãõsde Hòòr“ sind sprachliche Exempel. In Fischers mehrbändigem Schwäbischem Wörterbuch erfährt man auch mehr über die „Heimat“ dieser Ausdrücke: „vrzãõrãõglå“ ist/war in Gmünd und im Aalener Raum sesshaft, „vrzãõrãõså“ in Ellwangen/Jagstzell.

Ein verwandtes Wort zu den oben genannten ist „verzausen“ in der Bedeutung „verwirren, durcheinander-, in Unordnung bringen“, das in der deutschen Sprache bis ins 19. Jh. nachweisbar war und dann durch „zersausen“ ersetzt wurde. Im Schwäbischen kommt es als „vrzauslå/vrz(a)uschtlå“ vor: „Diå hòt ganz vrz(a)uschtlåts Hòòr“. Und ein weiteres dazu gehörendes Wort ist im Balinger Raum „verzeisen“, schwäbisch gesprochen „vrzòåså“. So schön kann Schwäbisch sein . . . Der schwäbische Spruch des Tages kommt von Edith Mühlich aus Böblingen. Sie schreibt: „Mein Großvater gebrauchte immer wieder den Ausspruch: ,Schlof Moscht ond Brot, no hoscht ebbes zom Essa, wenn de uffwachscht.‘“

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