Das Stadion von Atletico Madrid steht vor dem Abriss. Foto: AFP

Atletico Madrid und seine Abschiedszeremonie: Nach dem 0:3 beim Stadrivalen Real droht in der Champions League das Aus. Genau wie für die Kult-Stätte – das Stadion Vicente Calderon.

Madrid - Adios Atletico? Nach dem 0:3-Debakel vom Dienstagabend gegen Real droht dem Lokalrivalen in einer Woche wohl das Aus in der Champions League, eines indes ist schon vor dem Rückspiel im Stadtderby sicher: Es wird das letzte Spiel in der Königsklasse im Estadio Vicente Calderon sein. Nach mehr als 50 Jahren an dieser ebenso historischen wie einzigartigen Stelle. Nach dem Heimspiel gegen Bilbao steigt am 28. Mai das ultimative Finale in einem Legenden-Spiel, wofür es noch vergleichbar günstige Tickets zwischen zehn und 50 Euro gibt. Der letzte Schuss – dann ist Schluss

Das in die Jahre gekommen Stadion mit seinem morbiden Charme wird abgerissen, an gleicher Stelle in lukrativer Lage am Flussufer des Manzanares (nach dem das Stadion in den Anfangsjahren benannt war) sollen etwa 1000 Luxuswohnungen entstehen, es erleidet damit das gleiche Schicksal t wie der legendäre Highbury des FC Arsenal im Norden Londons. Dabei passen solche Immobilien auf den ersten Blick gar nicht in dieses traditionelle Arbeiterviertel im Südwesten der spanischen Hauptstadt, das stets als Gegenpol zum Domizil Bernabeu des königlichen Stadtrivalen Real galt, das passend an einem Prachtboulevard im Bankenviertel zu Hause ist – und wo der Verein zwar keinen Neubau, aber einen repräsentativen Umbau plant.

Die Rivalen rücken zusammen

Künftig rücken die Rivalen räumlich noch enger zusammen, wenn Atletico im Nordosten der Stadt nahe des Flughafens spielt. Vorbei ist es dann erst einmal im Calderon mit der Gänsehautatmosphäre, was in Spanien auch keine Selbstverständlichkeit ist. Und das, obwohl die 54 000- Mann-Schüssel auf drei Seiten gar nicht überdacht war, so dass die tausendfachen „Atletiii-Sprechchöre“ akustisch nicht aufgefangen wurden.

Stichwort Architektur: In dieser Hinsicht ist das Stadion, benannt nach einem langjährigen Präsidenten, ein Unikat. Denn unter der steilen Hauttribüne führt die Stadtautobahn M30 durch, was dem Ganzen einen Hauch von Formel-1-Atmosphäre verleiht, wenn man sich dort die Boxengasse einer Rennstrecke vorstellt. Eine ähnliche Konstruktion gab es einst an der Landsdown Road im irischen Dublin, doch auch diese außergewöhnliche Konstruktion fiel der Spitzhacke zum Opfer.

Fußball-Romantiker kommen zunehmend zu kurz, es ist der Lauf der Zeit, deren Schlagwort lautet: Kommerzialisierung. Die wird auch bei Atletico kommen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und tatsächlich fühlen sich einige Fans – nicht erst seit Dienstag – wie auf einer Beerdigung, das bewiesen die Demonstrationen gegen den Umzug. Wobei: Mit jetzt 102 416 Mitgliedern vermeldet der Club einen neuen Rekord. Der Profi Alvaro Dominguez, einst bei Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga unter Vertrag, kann den Unmut ein Stück weit nachvollziehen: „Niemand weiß, wie die Zukunft wird“, sagte er vor kurzem im Magazin „11 Freude“. In einer ähnlichen Situationen ging zum Beispiel beim Londoner Traditionsclub West Ham United, das vor der Saison vom intimen Upton Park ins größere aber auch weitläufige Olympiastadion wechselte, die Heimstärke flöten.

Simeone glaubt an ein Wunder

So weit muss es bei Atletico nicht kommen – glaubt auch Dominguez: „Die Planungen sind gut. Ich bin sicher: Die Fans werden sich nicht abwenden – egal wo Atletico spielt.“ Zumal der Umzug auch eine Rückkehr zu den Wurzeln des Vereins beinhaltet. Die Arena mit knapp 68 000 Plätzen ist in Teilen nach der ehemaligen Spielstätte Estadio Metropolitano, in dem Atletico zwischen 1923 und 1966 spielte, und einem chinesischen Sponsor (Wanda) benannt. Stürmerstar Fernando Torres sagte nach einer Besichtigung jedenfalls: „Ich weiß durch meinen Großvater vom Metropolitano, es ist ein wunderschöner Name. Für alle mit Atletico im Blut ist dieser Nachname emotional.“

Emotional wird sicher auch das Rückspiel gegen Real. Schließlich warnt dessen Trainer Zinedine Zidane trotz der drei Treffer des überragenden Ronaldo: „Real hat noch nichts gewonnen.“ Und sein argentinischer Kollege Diego Simeone macht Mut: „Ich sage zu meinen Spielern und den Fans: Ein Comeback ist möglich.“ Sollte die Mannschaft tatsächlich ein Wunder gelingen und noch ins Finale einziehen, würden die Anhänger der „Colchoneros“ (benannt nach den einst populären rot-weißen Matratzen-Überzügen, die den Trikotfarben gleichen) das Calderon wohl sofort unter Denkmalschutz stellen. Wenn nicht, wird Atletico eben einen neuen Anlauf zum Champions-League-Titel nehmen, dem die Mannschaft hinterher hechelt wie die Windhunde dem Kaninchen. Sollte das im neuen Stadion gelingen, bekäme es für die Fans Kult-Charakter – so wie das Calderon.

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