Das ehemalige Hostel in der Forststraße – hier sollen im Sommer weitere Flüchtlinge einziehen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Flüchtlinge oder Touristen? Für einige Hostels ist es offenbar lukrativer Asylbewerber unterzubringen, als ihre Zimmer an Kurzurlauber zu vermieten. Zu welchen Preisen bleibt dabei offen.

Stuttgart - Die Tür vom Zimmer am Ende des Gangs ist verschlossen. Ein junger Mann aus Syrien schließt die Zimmertür im ersten Stockwerk der Unterkunft auf, in den Hochbetten schlafen seine drei Mitbewohner. „Wir haben die Vereinbarung getroffen, dass wir keinen Besuch mitbringen, weil der Platz so begrenzt ist und wir sonst viel Unruhe hier haben“, sagt der 32-jährige Syrer.

Die Unterkunft in der Böblinger Straße war ursprünglich ein Hostel. Die Internetseite steht noch immer im Netz. „Mit über 100 Zimmer gehören wir zu den größten Hostels in Baden-Württemberg“, wirbt die Hostel Point GmbH dort. Heute wohnen mehr als 180 Asylbewerber auf vier Etagen. Auf der Internetseite aufgelistet sind auch die einstigen Zimmerpreise: Eine Nacht in einem Raum mit vier Betten, wie das neue Heim des jungen Syrers, liegt bei 23 Euro. Bei einem Zweitbettzimmer klettert der Preis auf 27 Euro. Derart transparent zeigt sich die Geschäftsführung, seitdem sie einen Mietvertrag mit der Stadt Stuttgart abgeschlossen hat, nicht mehr. Im Gegenteil.

„Wir haben mit dem Sozialamt eine klare Vereinbarung getroffen, nicht über Details zu sprechen“, sagt einer der Verantwortlichen der Unterkunft.

Zimmer stets vollständig belegt

Die Anmietung von privatem Wohnraum ist aus der Not heraus geboren. „So ist uns eine gestreute Unterbringung auch in dicht besiedeltem Gebiet in der Landeshauptstadt möglich“, so Gabriele Reichhardt vom Sozialamt. Bei dem Gebäude in der Böblinger Straße sei der Vermieter der Eigentümer und übernehme zugleich die Heimleitung.

Bei der Unterkunft handelt es sich um eine sogenannte vorläufige Unterbringung (siehe Hintergrund). Die Bewohner warten auf ihren Bescheid für den Asylantrag. Danach ziehen sie wieder aus. „Die Zimmer sind aber wegen des großen Andrangs immer vollständig belegt“, sagt eine zuständige Sozialarbeiterin des Heims.

Ein anderes ehemaliges Hostel in der Forststraße erweitert demnächst die Zimmeranzahl für Flüchtlinge. Bisher leben rund 60 Asylbewerber im ersten Obergeschoss des Gebäudes im Stuttgarter Westen. „Ab Sommer ziehen hier noch einmal 64 Flüchtlinge ein“, sagt eine Mitarbeiterin der Evangelischen Gesellschaft (Eva), die zwei Mal in der Woche eine Sprechstunde für die Flüchtlinge anbietet. Vieles folgt hier sehr genauen Regeln: So ist das Rauchen im Hof streng untersagt, um Nachbarn nicht zu vergraulen. Dafür gibt es einen Raucherraum.

Tagessätze für pro Flüchtling

Klar geregelt ist auch die Miete in den Hostels, die pro Quadratmeter anfällt. In angemieteten Hotels sieht es anders aus. In einigen Unterkünften bezahlt die Stadt einen bestimmten Betrag pro Flüchtling. So zum Beispiel in einem ehemaligen Hotel in Wangen an der Hedelfinger Straße. Die Tagessätze summieren sich dort im Monat auf mehr als 300 Euro pro Person. Das reiche aus um den Betrieb zu finanzieren und etwas dazuzuverdienen, sagt eine Mitarbeiterin.

Neben den Hostels in der Böblinger Straße und der Forststraße hat die Stadt drei Hotels angemietet. In dem Aparthotel Autohof und dem Hotel in der Gottfried-Keller-Straße in Zuffenhausen wird die Miete offenbar pro Flüchtling abgerechnet. „Wir suchen nach wie vor nach weiteren Möglichkeiten. Konkrete Gespräche führen wir aber bisher noch nicht mit weiteren Hostels oder Hotels“, sagt Gabriele Reinhardt vom Sozialamt. Sie verweist auf den Datenschutz, der bei den Verträgen zwischen Hostels und der Stadt gilt.

In anderen Städten ist offenbar ein Geschäft mit den Flüchtlingen entstanden. Zum Beispiel in Berlin: Laut dem dortigen Landesamt für Gesundheit und Soziales liegt der Durchschnittssatz in einer Gemeinschaftsunterkunft dort bei rund 15 Euro. Es gibt allerdings Ausreißer: In einigen Hostels verlangen die Betreiber 25 Euro am Tag für einen Flüchtling. Ein lukratives Geschäft.

Auf dem Gemeindetag in Stuttgart zeigte sich am Donnerstag wieder, wie dringlich die Suche nach neuen Unterkünfte ist: Gerade in den Ballungsräumen sei es schwierig, passende Gebäude zu finden, sagte Dietmar Herdes, Sozialdezernent des Landkreistags. Das zeigt sich insbesondere in Stuttgart: Lebten Anfang März rund 3100 Flüchtlinge in 73 Unterkünften, waren es im April 2014 noch 1800. Um mehr Wohnraum zu schaffen, hat das Land nun ein Förderprogramm von 30 Millionen Euro aufgelegt.

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