Mit neuen Ideen soll nun die Windkraft massiv vorangebracht werden. Doch das Konfliktpotenzial ist erheblich – vor allem bei Greifvögeln und Fledermäusen.
Stuttgart - Der Grünen-Politiker Robert Habeck hat sich als neuer Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz viel vorgenommen: Die erneuerbaren Energien sollen den Status einer „überragenden öffentlichen Bedeutung“ erhalten. Damit könnten „andere Schutzgüter nachrangig bewertet“ werden, so Habeck. So soll insbesondere der schleppende Ausbau der Windkraft erheblich beschleunigt werden. Zudem will die Bundesregierung zwei Prozent der deutschen Landfläche für Windenergie ausweisen.
Das Konfliktpotenzial beim Bau neuer Windräder ist schon jetzt enorm – von Abstandsregeln zu Siedlungen sowie Navigations- und Wetterradaranlagen für den Flugverkehr bis zum Schutzbedürfnis bedrohter Tierarten. „Der Artenschutz ist tatsächlich ein scharfes Schwert, das auch von Leuten genutzt wird, denen es nicht um Artenschutz geht, sondern um die Verhinderung von Windenergieprojekten“, betonte Thorsten Müller jetzt bei einem Seminar des Science Media Centers zu Windkraftausbau und Artenschutz. Man dürfe aber im Artenschutz kein „Diskreditierungspotenzial“ sehen, so der Wissenschaftliche Leiter der Würzburger Stiftung für Umweltenergierecht – und müsse daher sehr sauber differenzieren: „Was sind beim Artenschutz die realen Herausforderungen, für die wir Lösungen brauchen – und was sind anders motivierte Herausforderungen, für die wir andere Lösungen brauchen, die wir aber nicht im Artenschutz und seinem Verhältnis zur Windenergie finden können?“
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Solche Lösungen sollen nun bundeseinheitlich erarbeitet werden. Besonders im Fokus stehen dabei Fledermäuse und Greifvögel, allen voran der Rotmilan. Die neue Zielrichtung der Politik: Nicht das Schicksal einzelner Tiere soll künftig im Vordergrund stehen, sondern die Gefahr für die Population insgesamt. Das aber bringt den Artenschutz in ein Dilemma – vor allem weil die Datenlage hier noch sehr dünn ist. „Wissenschaftlich sehr gut belegt ist, dass es erheblichen Vogelschlag an einzelnen Windkraftanlagen gibt“, berichtete Katrin Böhning-Gaese. Andererseits räumte die Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums in Frankfurt aber auch ein, dass über die Auswirkungen der Windkraft auf die Populationen der Arten weitaus weniger bekannt sei. Hier gebe es zum einen Studien und Modellberechnungen, die Rückgänge von Populationen durch die Todesfälle an einzelnen Windrädern sehen. Andere Arbeiten wiederum räumten zwar auch Vogelschlag ein, befürchten dadurch aber keine großen Folgen für die Populationen insgesamt.
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Allen Widersprüchen zum Trotz ist unumstritten, dass gerade der Rotmilan, für den Deutschland wegen der bedeutenden Vorkommen hierzulande weltweit eine große Verantwortung hat, besonders betroffen ist. Und klar ist auch, dass Windräder in einer beliebten Vogelzugroute eine beachtliche Gefahr darstellen. Gleichwohl betonte Katrin Böhning-Gaese, dass Artenschutz nicht zwangsläufig den Schutz von Individuen bedeute, sondern eben den Schutz von Populationen. Daher sei denkbar, dass man die punktuell erhöhte Gefahr durch Windräder prinzipiell durch Ausgleichsmaßnahmen auffangen könne. „Die müssen dann aber auch wirklich substanziell, zeitnah und überprüfbar sein“, so die Expertin für Landnutzung und Vögel. Und sie räumte ein, dass solche Maßnahmen „im Zweifelsfall auch nicht billig sind, wenn sie effektiv durchgeführt werden“.
Etwas anders als beim Rotmilan sieht es bei Fledermäusen aus. „Während man bei Greifvögeln die Horste identifizieren kann, ist das Bestandsmonitoring von Fledermäusen sehr schwierig“, berichtete Müller. Weil die Datenlage aber so dünn ist, lässt sich auch die Gesamtsituation nur schwer beurteilen: „Betrachten wir nun eine Population von 10 000 Großen Abendseglern für Deutschland für sinnvoll oder lediglich 500“, so seine etwas provokante Frage. „Das ist schwerlich tierethisch, moralisch und naturschutzfachlich zu bewerten.“ Aus verschiedenen Gründen müsse man genau überlegen, ob der anvisierte Populationsschutz wirklich für den Artenschutz sinnvoll sei.
Insgesamt zeigte das Seminar auf, dass der nun wegen des Klimaschutzes stärker voranzutreibende Ausbau der Windkraft noch heftige Diskussionen auch im Naturschutz entfachen wird. Allerdings zeichnet sich ab, dass sich dabei mit dem Populationsschutz ein Weg finden lässt, wenn der – politische – Wille da ist. Das wird allerdings nicht ohne grundlegende Änderungen in der Landnutzung gehen, etwa hin zu mehr Ökolandbau und einer naturnäheren Gestaltung von Agrarlandschaften, etwa durch Hecken. Dass sich auch mit technischen Maßnahmen einiges erreichen lässt, zeigen die Verpflichtungen zum Schutz von Fledermäusen. So müssen manche Windräder zu Zeiten, in denen diese Tiere besonders gefährdet sind, gezielt abgeschaltet werden. Allerdings gebe es diese Abschaltzeiten bislang lediglich bei 25 Prozent der Anlagen, so Müller. Es bleibt also auch hier noch viel zu tun.