Artenschutz und Landwirtschaft Es geht auch anders

Von Annette Mohl 

Wolfgang Klotz  hat auf seinen Äckern alle paar Meter Wildobsthecken angelegt – als Refugien  für Wildtiere und -pflanzen Foto: Gottfried Stoppel
Wolfgang Klotz hat auf seinen Äckern alle paar Meter Wildobsthecken angelegt – als Refugien für Wildtiere und -pflanzen Foto: Gottfried Stoppel

Kann das funktionieren? In Burgstetten hat ein Wirtschaftsinformatiker auf Landwirt umgesattelt. Er will den Beweis antreten, dass Artenschutz und Landwirtschaft wunderbar harmonieren. Wolfgang Klotz geht völlig neue Wege – und hat noch nicht einmal einen Verein oder Verband im Hintergrund.

Burgstetten - Burgstetten - Daisy ist die Jüngste im Stall und versteckt sich hinter Mutterkuh Paula. Dorle dagegen, bereits im Februar geboren, streckt sofort neugierig die feuchte Nase nach vorne. „Das ist eine ganze Besondere“, sagt Wolfgang Klotz, der die zurzeit zwölfköpfige Herde Limpurger Rinder betreut. Die Rasse ist die älteste Nutztierrasse Baden-Württembergs, aber gefährdet.

Die Herde ist ein Standbein der Kleinbauern Rems-Murr GbR, die Wolfgang und Elke Klotz 2010 zusammen mit Annegret Salwey gegründet haben. Salwey ist ausgebildete Krankenschwester und Heilpraktikerin. „Irgendwann haben wir überlegt, dass wir in die gleiche Richtung denken und handeln“, sagt sie. Da wurden ihr elterlicher Pferdestall und die bisher „zur Entspannung“ gepflegten Obstbäume des Ehepaares Klotz zusammengeführt.

„Im Ballungsraum fehlt der Landwirtschaft der Produktionsfaktor Boden, und die Arbeit wird unbezahlbar“, stellten die Neu-Landwirte fest. „Wenn wir das nicht durchbrechen, können wir am Massenmarkt Lebensmittel nicht mitwirken.“ Hauptanliegen war aber, den Brückenschlag zu schaffen zwischen Landwirtschaft und Natur. Das Trio erstellte einen Businessplan und holte sich einen externen Berater. Dann ging es los. Inzwischen bewirtschaften sie zu zweit – Elke Klotz arbeitet weiterhin Vollzeit in der Veranstaltungsbranche – gut sieben Hektar Ackerland und Streuobstwiesen und betreuen neben der Limpurger-Herde einige Heidschnucken mit Nachwuchs, Hasen undHühner.

Um es vorwegzunehmen: Der Kleinbetrieb ist schon jetzt ein Erfolgsmodell. „Reich werden wir nicht, aber wir können davon leben“, sagen die Neu-Landwirte. Das ganze System ist auf einen stimmigen Kreislauf ausgelegt. So halten Klotz und Salwey nur so viele Rinder und Heidschnucken, wie sie durch das Gras und Heu ernähren können, das auf den eigenen Streuobstwiesen wächst. Auch werden die Kühe nicht auf Milchleistung getrimmt. Die Kälber bleiben bei ihnen, ab und an wird ein Tier geschlachtet – nur zwölf Kilometer vom Hof in Burgstetten entfernt. Salwey und Klotz haben einen engen Kontakt zu den Tieren. Beide gehen ohne Schutz in die Boxen, in denen sich die Mutterkühe mit ihren Kälbern und Jungbullen frei bewegen können. Die einst recht streitlustige Paula ist nach Annegret Salweys Bachblütentherapie inzwischen friedlich und reagiert trotz ihres Kalbes ­Daisy selbst auf Besucher ruhig. Im Sommer geht’s jetzt sowieso raus auf die Weide. Und selbstverständlich hat jedes Tier einen Namen und wird als Persönlichkeit behandelt.

Die Limpurger hat Wolfgang Klotz ausgewählt, weil es die regional typische Rasse ist und weil sie bedroht ist. Der Weideochse vom Limpurger Rind ist bei der EU als „geschützte Ursprungsbezeichnung“ eingetragen. Bei Slow Food rangiert der Weideochse vom Limpurger Rind unter deutschlandweit nur fünf „Presidi“. Diese Lebensmittel stehen für eine neue, nachhaltige Landwirtschaft. Per Definition erhalten sie „lokale Ökosysteme, regionale Traditionen und schaffen Lebensmittel von unverwechselbarer Qualität“. Diese Qualität werde erreicht, „wenn die Bedürfnisse von Umwelt, Mensch und Tier nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in Einklang gebracht werden“.

Diese Definition könnte auch von Wolfgang Klotz stammen. „Wir verlieren mit jeder Art unsere Lebensgrundlagen, und zwar bitterböse“, sagt er. Weil das nicht nur für Nutztiere gilt, bewirtschaftet er auch die Äcker völlig unkonventionell. Auf seinen 2,5 Hektar stehen alle paar Meter Wildobsthecken aus Felsenbirne, Holunder, Heckenrose, Kornellkirsche, Haselnuss oder Schlehe, die gleich mehrere wichtige Funktionen erfüllen. So sind sie vor allem Lebensraum für unzählige Tiere wie sämtliche Heckenbrüter, Eidechsen, Blindschleichen oder Ringelnattern. „In drei bis vier Jahren sollen auch die Rebhühner zurück sein“, ist das Ziel.

Zum andern verhindern die Hecken aber auch die Erosion der Böden, in der klassischen Landwirtschaft ein Riesenproblem. Pro Jahr und Hektar liege der Bodenabtrag im Schnitt bei 15 Tonnen, sagt Klotz, das entspreche etwa einem halben Zentimeter Mutterboden. Bodenverluste durch Wind und Wasser führen zu geringeren Erträgen und verändern auch nachhaltig den Wasserhaushalt der Böden. Sie verlieren ihre Funktion als Wasserspeicher, Nährstoffe werden ausgeschwemmt und belasten zudem die Gewässer.

Genau das verhindern die Wildobst­hecken, deren Früchte der Kleinbetrieb zum Teil vermarktet. „Was uns die Vögel übrig lassen“, lacht Klotz. Auf den Ackerflächen dazwischen werden Futterrüben angebaut für die eigenen Tiere sowie Pastinaken, rote Rüben und vor allem Wildgemüse. Das sind Sorten, die bisher noch wenig kultiviert ­werden, wie etwa Bärlauch, Schafgarbe, Beifuß, Lab- und Johanniskraut, Nachtkerze, Spitzwegerich oder Sauerampfer.

Gegenüber liegen 4,8 Hektar Streuobstwiesen, die Klotz und Salwey im Auftrag der Gemeinde Leutenbach pflegen. 2007 ging das los, „und die Brennnesseln reichten rauf bis zu den Ästen der Bäume“, erinnert sich Klotz. „Die Gemeinde hat sich damals entschlossen, den Bereich um das Naturdenkmal dort aus der intensiven Landwirtschaft herauszunehmen“, sagt die auch für Liegenschaften verantwortliche Gemeindekämmerin Christa Goisser. Sie hat selbst rund 100 eigene Obstbäume und weiß, was auf diesen Wiesen geleistet wird.

Elke Klotz ist Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Erbstetten und Fachfrau. Und sie weiß auch: „Wir schaffen mit den Wildtieren zusammen.“ Denn im Reisig, das dort bewusst liegen bleibt, leben zahlreiche Nützlingsarten, die den Schädlingen den Garaus machen. So sind auch dort – wie im Ackerbau – jegliche Herbizide und Fungizide tabu. Hasen, Frösche und Kröten leben dort – und sieben Rehe: „Man kennt sich“, freut sich Annegret Salwey über das Zutrauen der Wildtiere. Zwischen den Grasflächen gibt es noch einmal Ackerflächen, aber nur kleine für Tomaten und Paprika.

Über die Pflege der rund 1000 Hochstämme ist der Betrieb auf die Idee gekommen, eine mobile Saftpresse anzuschaffen. Die Kosten – neu kommt so ein Gerät auf rund 70 000 Euro – amortisieren sich, weil die Nachfrage riesig ist. „Wir sind voll ausgebucht“, sagt der 55-Jährige. „Die Grundidee ist, jeder bekommt seinen eigenen Saft.“ So wandern vor allem Kleinmengen von 50 bis 400 Kilo an Äpfeln, Birnen und Quitten in den Trichter, unten läuft der Saft in einen Bag-in-Box-Folienkarton, aus dem der Saft direkt in Glas oder Krug abgefüllt werden kann. 50 Kilogramm Obst ergeben 30 bis 35 Liter Saft. Davon machen vor allem Familien regen Gebrauch, sammeln ihr Obst und sichern sich ihren Saftbedarf fürs ganze Jahr.

Doch es gibt noch ein weiteres Standbein im Konzept der Neu-Landwirte: Sie sammeln Ökopunkte. Dafür, dass sie sich verpflichtet haben, den durch Wildobsthecken parzellierten Ackerbau 25 Jahre zu betreiben, wurden Klotz und Salwey 255 000 Ökopunkte gutgeschrieben. Diese will Klotz veräußern, an Berufskollegen oder Gemeinden, die bauen wollen. Auf diese Weise werde verhindert, dass der Landwirtschaft für Ausgleichsmaßnahmen weitere Flächen entzogen werden. Am Rand der Fläche wurden – auch ungewöhnliche – Hochstämme gepflanzt. Wolfgang Klotz nutzt den Klimawandel und versucht es mit Maronen, wie er es in den Cevennen gesehen hat.

Enttäuscht ist Klotz von der Politik. So hat er beim Amtschef des Ministeriums für Ländlichen Raum angefragt, ob ihn seine Wirtschaftsweise interessiere. Doch es sei nur eine Absage gekommen, sagt Klotz. Vielleicht, weil die Kleinbauern GbR keinem Verband angehöre wie Demeter, Bioland oder Naturland, mutmaßt er. Der Tribut für den Verzicht auf eine Mitgliedschaft ist, dass ihre nach ökologischen Kriterien erzeugten Produkte nicht zertifiziert sind. „Aber wir wollen einfach von niemandem abhängig sein“, sagt Salwey.

Lesen Sie jetzt