Nur 12 Zentimeter klein sorgen die Mauereidechsen in Stuttgart für große Probleme Foto: dpa

Eigentlich sollte es um Eidechsen gehen. Doch die Bezirksbeiräte von Stuttgart-Nord nutzten die Sitzung zu massiver Kritik an an der Stadtverwaltung und warfen ihr vor, nicht frühzeitig über Projekte informiert zu werden.

S-Nord - Dass das Thema heikel wird, war zu erwarten. Kein Wunder also, dass die Stadtverwaltung mit großem Aufgebot im Bezirksbeirat Nord angerückt ist: Drei Behörden, das Schulverwaltungsamt, das Hochbauamt und das Amt für Umweltschutz, schickten insgesamt fünf Experten zum Punkt „Einrichtung eines Eidechsenhabitats am Bismarckturm im Rahmen des Bauvorhabens Eberhard-Ludwigs-Gymnasium“ zur Sitzung ins Rathaus.

Das Projekt: Wegen der Bauarbeiten fürs Ebelu soll eine noch unbestimmte Zahl Eidechsen an den Bismarckturm umgesiedelt werden. Derzeit werden dort auf einer 1200 Quadratmeter großen Ersatzfläche Trockenmauern für die Reptilien gebaut. Kosten des Vorhabens: rund 230 000 Euro (die Innenstadtausgabe der Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung berichtete). Mittlerweile sind die beiden unteren Trockenmauerreihen fertig. Zwei weitere Reihen sollen folgen. Außerdem soll durch Saatgut aus der Region ein Raum für Bienen und Schmetterlinge entstehen. „Wir haben auch Alternativen geprüft. Das Ganze passiert am Bismarckturm, weil es dort keine konkurrierenden Eidechsen gibt“, stellte Renate Kübler fest. Sie ist Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde beim Hochbauamt.

Den Beiräten ging es allerdings weniger um die etwa zwölf Zentimeter große Mauereidechsen, denen der Umzug bevorsteht: In dem Gremium ist der kommunale Wahlkampf mittlerweile in seiner heißen Phase angekommen – zumal das Thema knapp ein Dutzend Bürgerinnen und Bürger in den kleinen Sitzungssaal gelockt hatte. Und so wurde über den Kopf der Eidechsen hinweg kräftig kritisiert, dass die Bürger und der Bezirksbeirat nicht von Beginn an über die Maßnahmen inklusive dem Fällen von drei Bäumen informiert worden seien. „Da wird ein riesiges Gelände eingezäunt, und die Bürger und der Bezirksbeirat werden nicht informiert. Die Verwaltung muss kapieren, dass das nicht geht“, wetterte Sebastian Sage (SPD). „Das nervt uns seit Jahren. Die Stadtverwaltung handelt statt uns einzubeziehen. Unsere Alternativvorschläge werden abgebügelt“, holte Jürgen Klaffke zum Rundumschlag aus. Ralph Wöhrle (Grüne) schloss sich für seine Fraktion den Vorrednern an. Und Anna Kedziora (Freie Wähler) appellierte an die Verwaltung, die Bürger ernst zu nehmen, statt auf Kritik mit „flapsigen“ Bemerkungen wie „ich weiß nicht, was es noch für Fragen gibt“ zu reagieren.

Artenschützerin schließt Tötung der Tiere nicht mehr ganz aus

Dass sich die ungeschickt formulierte Bemerkung von Kübler darauf bezogen hatte, dass die Stadtverwaltung auf Grund der Gesetzgebung keinen Spielraum in Sachen Eidechsen-Umsiedlung hat und auch eine Bürgerbeteiligung deshalb ausgeschlossen ist, ging fast unter. Und auch die Meinung einiger Beiräte, dass das Parkgelände unter dem Turm „doch ganz hübsch“ werden könnte (Kedziora) und „besser aussieht, als der bisherige Wildwuchs“ (Hans-Christian-Wieder, CDU) blieb Randnotiz. Im einzigen sachlichen Einwand ging es um die Steine für die Trockenmauern. Die hält Wieder für zu mächtig und favorisiert Weinbergmauern.

In der Hitze der Diskussion ganz in Vergessenheit geraten war, dass der Beirat in der Sitzung am 25. Februar per Vorlage die Basisinformationen über Umfang und Kosten des Projekts erhalten hatte. Die Kritik an der Verwaltung stieß derweil bei den Bürgern auf offenen Ohren: Einer von ihnen, Wolfgang Rolli, warf der Stadt vor, „laufend geltendes Recht zu brechen“: „Das Monitoring der Eidechsen in der Feuerbacher Heide hätte längst erfolgen sollen“, sagte er und nahm Bezug auf die Umsiedlung von 3200 Eidechsen dorthin. Den Einwurf eines Zuhörers, dass er in der Feuerbacher Heide noch nie eine Eidechse gesehen habe und es bei geschätzten rund 140 000 Mauereidechsen in Stuttgart auf ein paar weniger nicht ankommt, beantwortete Kübler dahingehend, dass eine Tötung der streng geschützten Tiere auf Grund der vorliegenden Zahl nicht mehr ganz ausgeschlossen ist. Die Frage aus dem Publikum, wie viele Eidechsen jetzt umgesiedelt werden, konnten die Experten nicht beantworten.

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