Der Anbau von Palmöl verursacht große ökologische Probleme. Ein internationales Forscherteam hat untersucht, wie sich die Biodiversität in Palmölmonokulturen erhöhen lässt. Die Ergebnisse sind vielversprechend.
Ingo Grass sagt: „Ich verzichte auf Palmöl, wo immer ich kann.“ Der Leiter des Fachgebiets Ökologie Tropischer Agrarsysteme an der Universität Hohenheim hat schon oft mit eigenen Augen gesehen, welche gravierenden ökologischen Folgen die Produktion dieses Öls hat. Für die Anlage von Palmölplantagen wurden und werden in großem Stil tropische Regenwälder abgeholzt. Damit verlieren Tier- und Pflanzenarten ihre Lebensräume. Hinzu kommen die negativen Wirkungen auf Klima und Wasserhaushalt.
Eine wachsende Zahl von Verbrauchern sieht palmölhaltige Produkte deshalb kritisch. Doch in der globalen Nachfrage spiegelt sich das bis jetzt nicht wider. In den letzten 20 Jahren hat sich die Produktion nahezu verdreifacht. Die weltweit mit großem Abstand wichtigsten Produktionsländer sind Indonesien und Malaysia.
Anbauflächen wachsen weiter
„Die Plantagen sind da, und sie werden auch nicht einfach wieder verschwinden“, sagt Grass. Im Gegenteil – die Anbauflächen würden weiter ausgeweitet, auch wenn sich der jährliche Zuwachs inzwischen verlangsamt habe. Selbst wenn es gelingen würde, weitere Abholzungen für neue Palmölplantagen zu verhindern, bliebe das Problem der bestehenden Anbauflächen.
An dieser Stelle setzt ein internationales Projekt an, an dem neben den Universitäten Göttingen und Hohenheim das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig sowie Forscher aus Indonesien beteiligt waren. Die Ergebnisse wurden jetzt im renommierten Wissenschaftsmagazin „Nature“ veröffentlicht.
Ziel des Projekts war es, herauszufinden, wie sich die negativen Auswirkungen der Palmölproduktion auf Ökosysteme und Biodiversität begrenzen lassen. Dazu legten die Forschenden in einer 140 Hektar großen Palmölplantage auf der indonesischen Insel Sumatra 52 Bauminseln an, in denen einheimische Baumarten gepflanzt wurden. Die Parzellen waren zwischen 25 und 1600 Quadratmeter groß.
Mehrjährige Beobachtung
Über einen Beobachtungszeitraum von fünf Jahren wurde akribisch erfasst, welche Tier- und Pflanzenarten und welche Bodenorganismen innerhalb der Bauminseln in welcher Häufigkeit zu finden waren. Zudem wurden der Wasser-, Kohlenstoff- und Nährstoffkreislauf sowie die Bodenqualität untersucht. Zum Vergleich wurden die Daten auch auf den mit Ölpalmen bepflanzten Flächen erfasst.
„Bei der Datenerhebung haben uns die Kollegen aus Indonesien viel geholfen“, erzählt Grass. Vogelarten wurden dabei auch anhand ihres Gesangs identifiziert. Bei Fledermäusen setzten die Forscher Spezialmikrofone für Ultraschall ein, um die Tiere anhand ihrer Laute zu bestimmen.
Die Ergebnisse seien ermutigend, findet Grass, der in dem „Nature“-Artikel als Co-Autor fungiert. Er deutet auf ein Diagramm, demzufolge in den Bauminseln deutlich höhere Artenzahlen zu finden waren. Die beobachtete Vogel- und Fledermausaktivität war demnach mehr als 500 Prozent höher. Auch bestäubende Insekten waren häufiger. Zudem konnte der Boden mehr Sickerwasser aufnehmen. „Insgesamt waren die Indikatoren für die Biodiversität und die Funktion des Ökosystems (…) in den Bauminseln höher als auf den konventionell bewirtschafteten Flächen“, schreiben die Autoren.
Kaum weniger Ertrag
Positiv überrascht hat die Forscher, dass die Erträge der Plantagen durch die Bauminseln nicht merklich sanken, obwohl ja einige Ölpalmen anderen Baumarten weichen mussten. Eine mögliche Erklärung: Die an die Bauminseln angrenzenden Palmen hatten etwas mehr Licht und Platz zur Verfügung und konnten so durch stärkeres Wachstum den Effekt der etwas verringerten Anbaufläche ausgleichen.
Die Forscher schließen aus ihren Ergebnissen, dass die Pflanzung von Bauminseln in Palmölplantagen spürbare ökologische Vorteile mit sich bringt und sich positiv auf die Biodiversität auswirkt. Sie machen aber gleichzeitig klar, dass der Schutz der noch vorhandenen tropischen Regenwälder mit ihrem enormen Artenreichtum oberste Priorität haben müsse.
Doch dieser Schutz gestaltet sich in der Praxis nach wie vor schwierig. Der Ölpalmenanbau habe in Indonesien und Malaysia einen wirtschaftlichen Boom ausgelöst, von dem dort viele profitierten, sagt Grass. Zudem seien Ölpalmen äußerst produktiv. Um die gleiche Menge an Öl mit Kokospalmen oder Sojabohnen zu produzieren, brauche man mindestens die dreifache Anbaufläche – was ebenfalls mit negativen ökologischen Begleiteffekten einherginge.
„Als Ökologe schaue ich natürlich vor allem auf die Biodiversität“, sagt der Hohenheimer Forscher. Aber man könne auch die Interessen der Menschen vor Ort nicht ignorieren. „Daher braucht es einen pragmatischen Ansatz, der beide Aspekte berücksichtigt“. Ökologische Ausgleichsflächen in Palmölplantagen könnten hier einen sinnvollen Beitrag leisten. Auf Basis der Studienergebnisse, so Grass, ließen sich zudem Richtlinien für eine entsprechende Zertifizierung von Palmöl entwickeln.
Palmöl – ein gefragter Rohstoff
Produktion
Weltweit werden insgesamt etwa 21 Millionen Hektar Palmölplantagen bewirtschaftet, vor allem in Indonesien und Malaysia. Fast 90 Prozent der weltweiten Exporte stammen aus diesen beiden Ländern. In den letzten beiden Jahrzehnten ist die Produktion kontinuierlich gestiegen. Für die Saison 2022/23 wird sie auf 80 Millionen Tonnen geschätzt. 2002/03 waren es lediglich 28 Millionen Tonnen.
Verwendung
Palmöl ist vielseitig einsetzbar – etwa in Lebensmitteln wie Schokolade, Brotaufstrichen oder Fertiggerichten. Es dient zudem als Rohstoff für Reinigungsmittel und Kosmetika. Zudem wird Palmöl als Beimischung in Dieselkraftstoffen eingesetzt. Mehr als die Hälfte des von der EU importierten Palmöls landet so im Tank. Brüsseler Plänen zufolge sollen Kraftstoffe in der EU von 2030 an kein Palmöl mehr enthalten.