Eidechsen umzusiedeln gehört ebenso zu den Aufgaben der Landschaftspflegerin Sabine Hansmann wie die Renaturierung von Bächen. Beim Bahnprojekt setzt sie auf Kommunikation.
Denkendorf - An der Passenhaldenklinge in Denkendorf sprießt das Schilf. Noch sind die Triebe relativ klein. „Wir haben den Uferbereich gelichtet, die Wurzeln des Schilfs aber stehen gelassen“, sagt Sabine Hansmann. Als Projektingenieurin für Natur- und Artenschutz kümmert sie sich um Belange, die die Umwelt betreffen. „Meine Aufgabe ist es, die Ausgleichsmaßnahmen im Zuge des Bahnprojekts mit den Behörden abzustimmen und deren Vorgaben umzusetzen“, erklärt die 39-Jährige ihr Arbeitsfeld.
Schutzzäune für die Eidechsen
Ein wichtiges Thema, das auch im Abschnitt der Neubaustrecke zwischen Stuttgart und Wendlingen immer wieder den Baufortschritt verzögerte, war und ist die Umsiedlung der Eidechsen. „Es geht darum, sie einzusammeln und ihnen neue Lebensräume zu geben.“ Entlang der neuen Bahnstrecke gibt es auch im Filderbereich viele dieser Habitate, die mit Zäunen geschützt sind. Das ist nötig, weil die Eidechsen sonst wieder an ihren gewohnten Ort zurückkehren.
Nahe dem Sulzbachviadukt bei Denkendorf haben die Landschaftsplaner der Bahn bereits 2015 ein solches Habitat geschaffen. Auf einer Wiese wurden Apfel- und Zwetschgenbäume gepflanzt, die jetzt bereits Früchte tragen. Dazwischen sind Steinhügel aufgeschüttet, in die sich die Eidechsen zurückziehen können. Sie fressen Käfer, Spinnen und andere Insekten. Für diese und auch für andere Streuobstwiesen, die im Zuge des Bahnprojekts als Ausgleichsflächen angelegt werden, sucht die Bahn nach Sabine Hansmanns Worten immer wieder Pächter, die sich um den Baumschnitt und um die Pflege der Wiesen kümmern. Sie dürfen dann auch das Obst ernten.
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„Dass neben der Schnellbahnstrecke neue Biotope und Lebensräume für Tiere und Pflanzen entstehen, finde ich immer wieder schön“, sagt die 39-Jährige. Diesen Prozess steuert und begleitet die Landschaftspflegerin. Beispielsweise wurde der Uferbereich der Passenhaldenklinge bei Denkendorf, die in den Sulzbach mündet, neu gestaltet. Dazu wurde der kleine Bachlauf nicht verlegt, sondern während der Bauzeit in den südlichen Bereich umgeleitet. „Dort wurde er jetzt nach Bauende in seinem alten Bachbett wiederhergestellt“, erläutert Hansmann.
Mit gelben Gummistiefeln an den Bach
Ihre gelben Gummistiefel hat die Landschaftsingenieurin immer dabei. Die zieht sie jetzt an und nimmt dann den Bachlauf in Augenschein, prüft, ob alles richtig wächst. „Das Ufer ist jetzt breiter, sodass die Tiere mehr Rückzugsmöglichkeiten haben und die Pflanzen gut anwachsen“, sagt sie. Auch für Spaziergänger ist die Passenhalde inzwischen ein Hingucker. An manchen Stellen ist der Bachlauf breiter geworden als vorher, an anderen musste er verdolt werden. Auf der anderen Seite der Bahnstrecke fließt das Wasser aber dann wieder ins Sulzbachtal. Diese Ausgleichsmaßnahme mit den Bedürfnissen der Landwirtschaft in Einklang zu bringen, fand die kommunikative Landschaftspflegerin besonders interessant.
In Richtung Köngen haben die Landschaftsplaner einen Schlammfang angelegt. In den kleinen Teich nahe der Aussiedlerhöfe fließt bei Starkregen nicht nur Wasser von den umliegenden Feldern ab. Sondern dort sammelt sich auch Schmutz, der von den Äckern abgeschwemmt wird. Wenn der Schlammfang voll ist, wird er mithilfe eines Baggers gereinigt und das Material entsorgt.
Dialog mit Vertretern der Kommunen
Das Projekt hat Sabine Hansmann mit Vertretern der Gemeinden Köngen und Denkendorf abgestimmt. Der Dialog mit den Vertretern der Kommunalpolitik reizt die Landschaftspflegerin. Sie versteht es, auch schwierige Inhalte in einer verständlichen Sprache zu vermitteln. Das Bahnprojekt Stuttgart 21 und die Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm sind nach Hansmanns Worten ein wichtiger Schritt zur nachhaltigen Mobilität. Doch gerade deshalb sei es wichtig, die Einschnitte in die Landschaft mit der Umwelt in Einklang zu bringen.
Nach dem Studium der Landschaftspflege an der Hochschule für Umwelt und Wirtschaft in Nürtingen kam die 39-Jährige zur Bahn. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, die Sensibilität aller Beteiligten für die Tier- und Pflanzenwelt zu schärfen. Mancher, der sich einen schnelleren Fortschritt auf der Baustelle wünschen würde, mag angesichts längerer Verzögerungen wegen der Umsiedlung von Eidechsen oder sonstiger schützenswerter Arten stöhnen. Dann braucht die Landschaftsingenieurin Überzeugungskraft. Denn gerade in dem dicht besiedelten Filderraum sei der Erhalt der Artenvielfalt besonders essenziell. Davon ist Sabine Hansmann überzeugt.
Wer eine Streuobstwiese pachten will, kann sich per E-Mail an bauen@stuttgart-ulm.de oder unter 07 11/21 32 12 1 2 an die Bahn wenden.
Geschützte Arten an der Bahnstrecke
Zauneidechsen
Die Tiere sind in Baden-Württemberg flächendeckend verbreitet. Sie werden bis zu 20 Zentimeter lang und drei bis fünf Jahre alt. Sie mögen einen trocken-warmen Lebensraum in sonnenexponierten Lagen, etwa Geröllhalden, Bahndämme oder Brachflächen. Die Nahrung besteht aus Insekten.
Mauereidechsen
Im Südwesten und Süden Deutschlands sind die Mauereidechsen verbreitet. Die Tiere sind etwa 25 Zentimeter lang. Der Schwanz kann das Doppelte der Kopf-Rumpf-Länge messen. Eidechsen gehören zu den Reptilien; sie sind wechsel-warm mit entsprechenden Ansprüchen an den Lebensraum.
Die Käfer sind sehr selten; sie leben in alten Holzstämmen. Zwischen Mai und September sind sie auch im Freien zu finden. Nur etwa 15 Prozent der Käfer verlassen den Baum. Männchen leben nur zwei bis drei Wochen, Weibchen bis zu drei Monate. Ein Weibchen legt im Schnitt 20 bis 80 Eier.