Anna und Inga (Bibiana Beglau, Silke Bodenbender) im Teufelsmoor Foto: NDR

Filme werden seit jeher vor allem von Männern gemacht. Da fällt es auf, wenn der Mysterythriller „Teufelsmoor“ (ARD, Mittwoch, 20.15 Uhr) von Frauen gedreht, verfasst, gespielt, produziert wird. Ein Blick aufs ungleichberechtigte Fernsehen.

Stuttgart - Neblig ist’s überm Teufelsmoor, beklemmend und kalt. Ein Krähentier krächzt unheilverkündend, als zwei Kinder durchs Feuchtgebiet laufen. Der Katastrophe entgegen – davon zeugt ja schon der bedrohliche Sound dieses ARD-Mittwochfilms. Wann immer sich das Pu­blikum hierzulande gruseln soll, wird es aus deutscher Produktion schließlich bestens versorgt mit der Basisausstattung des Furchteinflößens.

Wenn die urbane Inga (Silke Bodenbender) zur Beerdigung des Vaters ins Heimatdorf zurückkehrt und dort schmerzhaft ans rätselhafte Verschwinden ihres Bruders vor 28 Jahren erinnert wird, haben alte Häuser also verborgene Zimmer und Schränke geheime Fächer. Altersheime sind Nonnenklöster – und die Landeier ringsum wie auch ihre Adoptivschwester Anna (Bibiana Beglau) seltsam obskur. Alles wie gehabt im Metier des Mystery-Thrillers. Mit einem Unterschied: Dieser hier wurde von Frauen gemacht.

Regie führt nämlich Brigitte Maria Bertele („Grenzgang“) nach dem Drehbuch der jungen Corinna Vogelsang. Für „Teufelsmoor“ im Ganzen verantwortlich ist die produzierende Heike Streich, deren Hauptdarstellerinnen zudem kaum Kollegen von Belang zur Seite haben. So viel Feminismus ist selten in Film und Fernsehen. Er ist sogar derart selten, dass „Teufelsmoor“ trotz aller Stereotypen absolut empfehlenswert ist. Wer ihn schaut, bezeugt seine Solidarität mit den erstarkenden Frauen in einer Branche, in der noch immer Männer den Ton angeben.

Regisseurinnen mit einer frischen Bildsprache

Erst kürzlich hat das Medieninstitut der Universität Rostock nach Ansicht von gut 3000 Stunden TV-Programm ein drastisches Bild fehlender Diversität gezeichnet: Ganze 17 Prozent der deutschen Filme nämlich stammen von Regisseurinnen; der weibliche Regieanteil auf den Hauptsendeplätzen im Fernsehen liegt nur hauchdünn im zweistelligen Bereich. Dieses Missverhältnis dürfte mitverantwortlich sein, dass statistisch gesehen nur ein Drittel der Darsteller in tragender Rolle weiblich sind.

Paritätisch besetzt sind allenfalls Telenovelas. Mit jungen Dingern, versteht sich. Ab vierzig gelten selbst erfolgreiche Schauspielerinnen als kaum vermittelbar, und ab sechzig Jahren rutscht der Anteil der Frauen unter ein Fünftel, wobei die Darstellerinnen dabei überwiegend in häuslicher Rolle zu sehen sind.

Das wichtigste Instrument gegen diese Unwucht, die nicht nur die Gleichstellungsinitiative Pro Quote Regie bekämpft, sind Filmemacherinnen. Sie erzählen die Geschichten, sie sorgen für deren Besetzung, sie prägen Inhalt, Look und Botschaft dessen, was unverdrossen den Großteil der deutschen Freizeitgestaltung ausmacht. Gab es neben Doris Dörrie und Caroline Link einst nur eine Handvoll populärer Regisseurinnen, wächst deren Zahl seit den Nullerjahren zwar spürbar an; damit einher geht eine neue, oft drastische, jedenfalls frische Bildsprache.

Tradition und Seilschaften

Doch trotz talentierter Newcomer gewann mit Hermine Huntgeburth nur eine Frau in 19 Jahren den Deutschen Fernsehpreis; beim Kinopendant Lola sah es lange Zeit ähnlich aus. Umso erstaunlicher war es da, als Maren Ades „Toni Erdmann“ voriges Jahr knapp gegen Anne Zohra Berracheds Beziehungsdrama „24 Wochen“ und den Experimentalfilm „Wild“ von Nicolette Krebitz siegte. Verglichen mit globalen Weltstars wie Sophia Coppola oder Kathryn Bigelow sind das zwar nur Trippelschritte auf dem Weg zu vollendeter Emanzipation, aber sie haben dennoch Strahlkraft. Wobei die Verantwortlichen von ihrer Verantwortung fürs eigene Geschlecht nichts hören wollen. „Ich fände es sehr befreiend“, sagte Maren Ade vor der Preisverleihung im Hinblick auf die Geschlechterfrage, „wenn es diese Fragestellung gar nicht mehr gäbe.“ Schön wär’s!

Das Missverhältnis „ist immer noch beachtlich“, beklagt mit Claudia Garde eine Kollegin, die es im testosteronschwangeren „Tatort“ auf stolze elf Fälle bringt. Angesichts von 80 Prozent Filmen, die selbst auf dem weiblichen Degeto-Sendeplatz am Freitag von Männern gemacht würden, habe das mit Tradition und Seilschaften zu tun. „Aber auch mit einem überholungsbedürftigen Frauenbild.“

Bis dessen Sanierung vollzogen ist, muss man daher jeden Film gesondert hervorheben, dessen Handschrift mal nicht dem maskulinen Mainstream entspringt. Schließlich zählt auch die „Teufelsmoor“-Produzentin Heike Streich zur Minderheit einflussreicher Produzentinnen wie Gabriela Sperl oder Ariane Krampe. Und auch im Drehbuchfach ist Corinna Vogelsang oft allein unter Männern, obwohl es zuletzt ebenso viele Grimme-Preisträgerinnen wie Preisträger gab. Die Lehre aus ihrem gemeinsamen ARD-Projekt lautet daher: Schlechte Filme machen können Frauen genauso gut wie Männer. Und alles andere sowieso.

  
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