Lukas Wünstel ist im Magazin der Landesbibliothek ganz in seinem Element. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Lukas Wünstel erfüllt seine Arbeit im Magazin der Württembergischen Landesbibliothek. Dass sie monoton ist, findet er gerade gut. Sein Chef ist hochzufrieden, dennoch heißt es bald Abschied nehmen.

Stuttgart - Es ist eine Herausforderung, mit Lukas Wünstel Schritt zu halten, wenn er sich durchs Magazin der Württembergischen Landesbibliothek (WLB) bewegt. Und so schnell, wie er geht, so rasant arbeitet er auch. Ein Blick aufs Klemmbrett, einer aufs Regal, schon hat er das geforderte Buch gefunden, platziert es auf einem Rollwagen. Abhaken auf der Liste, weiter zur nächsten Nummer, zum nächsten Buch. Zack, gefunden, abhaken, weiter. Bei der Büchersuche ist der 21-Jährige ganz bei sich. Ein ausgeprägter Sinn für Ordnung ist ihm quasi in die Wiege gelegt worden: Lukas Wünstel wurde mit dem Asperger-Syndrom geboren, einer autistischen Entwicklungsstörung.

 

Am Empfang der Landesbibliothek, wo hektischer Betrieb herrscht, wäre der 21-Jährige deshalb falsch aufgehoben. Aber hier, im Untergeschoss, in der reizarmen, menschenleeren Umgebung, wo kein Radio läuft, kann er seine Stärken voll ausspielen.

Pro Schicht schafft er mehr als 1000 Bücher rauszusuchen

Lukas Wünstel ist Mitarbeiter des RVK-Projekts der WLB, in dessen Zuge an die 340 000 Bücher aus dem Magazin hoch in den Neubau wandern – und zwar in völlig neuer, nämlich thematischer Sortierung, nach der Regensburger Verbund Klassifikation (deshalb RVK). Zuvor standen die Bücher nach Eingang geordnet unten im Magazin. Hintergrund seien Platzgründe gewesen, erklärt der Sprecher der WLB, Jörg Ennen, der Bereich ist auch nicht zugänglich für die Nutzer. Die thematische Sortierung hat den Vorteil, dass nun oben im Neubau gestöbert werden kann, die Recherche wird enorm erleichtert. Vor dem Umetikettieren müssen die Werke aber rausgesucht werden. Im Drei-Schicht-Betrieb sind feste und freie Mitarbeiter damit seit vielen Monaten beschäftigt.

Einer von ihnen ist seit eineinhalb Jahren Lukas Wünstel. Was das Abarbeiten der Bücherlisten angeht, spielt der 21-Jährige in einer eigenen Liga. Seine Schlagzahl sei enorm, sagt auch sein Chef – und das ohne Verlust der Konzentration. Pro Vier-Stunden-Schicht schafft Wünstel mehr als 1000 Werke. Ralf Pauls, der als stellvertretender Magazin-Leiter für das RVK-Projekt zuständig ist, erinnert sich noch an den Anfang. Wünstel kam nach dem Bewerbungsgespräch zum Eignungstest, dann war alles klar. „Es hat perfekt funktioniert“, sagt Pauls. Sie hätten immer versucht, „die Stärken“ Wünstels zu sehen. Die monotone Arbeit ist für den jungen Mann hoch befriedigend. Zum Teil vergesse er, Pause zu machen, weil es ihm so einen Spaß mache, erzählt dieser selbst.

Keine guten Erinnerungen an die Schulzeit

„Ich habe mich hier gleich wohlgefühlt“, sagt Lukas Wünstel, man begegne ihm auf Augenhöhe. Hier unten im Magazin fällt es nicht ins Gewicht, dass er Ironie für bare Münze nimmt oder sich nicht auf Smalltalk versteht. Da zählt, dass er verlässlich ist und was er leistet. Für ihn ist der respektvolle Umgang keine selbstverständliche Erfahrung. An die Schulzeit hat er keine guten Erinnerungen. Er war trotz der Mathebegabung auf der Hauptschule, kam mit seinen Mitschülern nicht zurecht. Ihn interessierten deren Gesprächsthemen nicht, sie wussten, wie sie ihn provozieren konnten. Erst später hat ihm eine Psychologin der Stiftung Liebenau während der Ausbildung zum Fachlageristen beigebracht, gemeine Sprüche zu ignorieren. Bei ihr hat er auch gelernt, wie wie er Blickkontakt vortäuschen kann – indem er auf eine bestimmte Stelle auf Nase oder Stirn guckt. Das funktioniert, auch bei diesem Gespräch. Auf das hat er sich akribisch vorbereitet mit handschriftlichen Notizen. Und auch beim Sprechtempo ist er stets auf der Überholspur.

Gesellschaftlich wünscht er sich einen „sozialen Klimawandel“ und hofft, dass mehr Unternehmen Menschen wie ihm eine Chance geben und die Potenziale sehen. Die Agentur für Arbeit zahle einen Einarbeitungszuschuss, das Risiko sei also gering. „Der Kollege ist vielleicht ein bisschen anders, aber er schafft vielleicht auch viel“, hält er ein Plädoyer für Toleranz. Er selbst brauche zum Beispiel Rückzugsmöglichkeiten, seine Pausen verbringt er am liebsten allein. Man muss ihn mit Namen ansprechen, weil er sonst nicht reagiere würde – und die Anweisungen sollten stets genau sein. Das hat auch Pauls festgestellt: Sollte einmal ein Fehler aufgetreten sein, „kann man den Fehler eher bei sich selbst suchen“, ist die Erfahrung des Vorgesetzten – weil die Anweisung nicht genau genug gewesen sei. „Bei genauer Einarbeitung läuft es mit ihm perfekt“, sagt Pauls.

Das Projekt läuft aus und damit auch der Vertrag

Nicht mehr lang, dann heißt es trotzdem Abschied nehmen. Nur noch wenige Tage, dann ist die Arbeit im Magazin geschafft. Anfang Juli sind alle Listen abgearbeitet, das RVK-Projekt läuft demnächst aus – und damit auch der befristete Vertrag von Lukas Wünstel. Erstmal wird er sich danach als Wahlhelfer engagieren und ehrenamtlich Unterlagen sortieren – wie schon bei der OB-Wahl und der Landtagswahl, da sei er wegen seiner Akribie geschätzt gewesen. Außerdem geht es ans Bewerbungen schreiben. Hunderte waren es, bis es bei der WLB geklappt hatte. Lukas Wünstel lässt sich nicht unterkriegen: „Wer Arbeit sucht, der findet auch welche“, ist er überzeugt.