Nach der Kundgebung auf dem Kronenplatz versammeln sich Demonstranten vor dem Eingang zu den Kronensälen. Einlass erhalten sie aber nicht. Foto: factum/Granville

500 Menschen gehen in Bietigheim-Bissingen für Menschlichkeit und gegen Hetze auf die Straße. Angstfrei für seine Meinung hinstehen zu können ist aber, wie der Abend zeigt, keine Selbstverständlichkeit mehr.

Bietigheim-Bissingen - Schon die Kirche beim ökumenischen Friedensgebet ist so voll, dass Gesangszettel und Kerzen ausgehen, und auf dem Bietigheimer Kronenplatz, dem Kundgebungs-Treffpunkt, kommt noch einmal ein Schwung zusätzlicher Leute: „Das sind mehr Menschen, als wir erwartet haben“, sagt der evangelisch-methodistische Pastor Stefan Kettner. Sein evangelischer Kollege Bernhard Ritter findet es „beeindruckend“, dass die Zivilgesellschaft auf diese Weise Flagge zeigt. Anlass dieser Demonstration, die am Freitagabend das Bild eines weltoffenen, dem respektvollen gegenseitigen Umgang verpflichteten Bietigheim-Bissingen zeichnen soll, ist eine AfD-Veranstaltung mit der stellvertretenden Bundestagsfraktionsvorsitzenden Beatrix von Storch.

Angst vor Bedrohungen

Und doch: Die vermeintliche Selbstverständlichkeit und das Selbstbewusstsein, mit dem sich rund 500 Menschen im Namen des „Bündnisses für Menschlichkeit in Bietigheim-Bissingen“ friedlich auf die Straße stellen, zeigen sich brüchig. Das Unbehagen und die Angst demonstrieren mit in der Enzstadt. Versuche der Einschüchterung, vor allem in den sozialen Netzwerken mit anonymem Ängsteschüren und Hasskommentaren, entfalten ihre Wirkung.

Etwa bei der Frau, die zur Begrüßung der Menschenmenge auf das Podium steigt – sie hat die Demonstration auch angemeldet. Den Zuhörern, wenngleich einige sie kennen, stellt sie sich nicht namentlich vor und möchte auch keinesfalls, dass in der Zeitung steht, wie sie heißt – aus Angst vor Bedrohungen. Im Vorfeld der Kundgebung, berichtet sie, habe ein Mitglied des Initiatorenkreises erzählt, es habe Morddrohungen erhalten, weil es sich in der Flüchtlingsarbeit engagiere. „Ich hätte nicht gedacht, dass man sich in Deutschland wieder Sorgen machen muss, wenn man öffentlich Meinung bezieht“, sagt die Frau.

Die Hetze ist allgegenwärtig

Auch der junge Mann der Regenbogenleutz Bietigheim-Bissingen, einer Gruppe für Jugendliche unterschiedlichster Sexualität, der an dem Abend die wohl persönlichste und kämpferischste Rede „gegen rückwärtsgewandte und menschenverachtende Politik“ hält, tut dies nicht unter seinem Namen. „Wir haben immer wieder Probleme mit der Hetze, die diese Leute über uns verbreiten. Die AfD schürt und stärkt Vorurteile und Stereotypen über uns. Sie lehnt uns ab dafür, wie wir geboren worden sind“, sagt er. Immer noch sei ein Outing mit enormem psychischen Druck verbunden. „Positioniert euch, auch wenn ihr scheinbar nicht betroffen seid“, fordert er. Und: „Ich möchte niemals von meinen Kindern gefragt werden: Warum habt ihr damals nichts getan?“ Ein Pappschild mit der Aufschrift „Für ein friedliches Miteinander, gegen Intoleranz und Fremdenhass“ hält eine Frau in der Hand, die sich bei der AfD-Veranstaltung „Probleme lösen, Zukunft gestalten“ selbst ein Bild von Beatrix von Storch und der Diskussion im Kronensaal machen möchte. Sie wird aber nicht eingelassen. „Dabei hat mich vorhin jemand von der AfD extra eingeladen, doch hinzukommen. Es war eine Dame mit einem Kreuz am Hals, die zur Aufschrift auf meinem Schild gesagt hat: ‚Dafür bin ich auch’.“ Nach ihrem Namen befragt, schreckt die Frau, die Flüchtlingen hilft, ebenfalls zurück: „Lieber nicht.“ Auch sie hat Angst, dass das einschlägige Diffamierungen nach sich ziehen könnte.

Die Polizei verweist auf das Hausrecht

Angesichts ihres Schildes ist sie von den Türstehern als potenzielle Störerin klassifiziert worden, auch vehemente Diskussionen am Eingang helfen ihr nicht, Zutritt zu erlangen. Irgendwann schreitet die Polizei ein und bittet die Dame freundlich, zu akzeptieren, dass sie draußen bleiben muss. „Die AfD hat das Hausrecht. Wenn Sie weitermachen, müssen wir Sie wegen Hausfriedensbruchs anzeigen“, sagt einer der Beamten.

Redner wie Thomas Reusch-Frey (SPD), Peter Schimke (Die Linke) oder Martin Hettler, Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, stellen sich bei ihren Appellen für die Bewahrung demokratischer Grundwerte mit ihren Namen vor die Menge – sie sind allerdings ohnehin öffentliche Personen. Thomas Reusch-Frey ist – das eint ihn mit vielen der Initiatoren – guten Mutes, dass der Zuspruch auf die Kundgebung „Rückenwind für ein Weitermachen“ bringt.

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