Anlasserhersteller hat ehrgeizige Ziele Ex-Sparte von Bosch startet in China durch

Von Inge Nowak 

So  ordentlich sieht es  im Innern   eines Generators  von SEG Automotive aus. Foto: SEG
So ordentlich sieht es im Innern eines Generators von SEG Automotive aus. Foto: SEG

Der Verkauf des Traditionsbereichs Starter und Generatoren an ZMJ, einen Industriekonzern aus Peking, eröffnet neue Chancen im chinesischen Markt. Jetzt hofft das Unternehmen, das nun SEG Automotive heißt, auch auf politischen Rückenwind.

Stuttgart - Der Markt ist „wettbewerbsintensiv und kostengetrieben“. Es existieren „erhebliche Überkapazitäten“. Der „bestehende Kosten- und Wettbewerbsdruck“ wird „weiter zunehmen“. Und in der Folge werden viele Unternehmen „ausscheiden“. All dies ist einer Pressemitteilung entnommen, die Bosch Mitte 2015 veröffentlichte. Mit diesen Argumenten läutete der Technologiekonzern die Trennung von seiner Traditionssparte Starter und Generatoren mit damals 6500 Mitarbeitern und einem Umsatz von 1,4 Milliarden Euro ein. Normalerweise klingen Verkaufsargumente positiver. Es sollte denn auch knapp zwei Jahre dauern, bis die Stuttgarter die Käufer präsentieren konnten: den chinesischen Industriekonzern ZMJ, ursprünglich Hersteller von Bergbaumaschinen, und den Finanzinvestor CRCI.

Anfang 2018: Ulrich Kirschner sitzt im Konferenzraum in der neuen Firmenzentrale der SEG Automotive in Stuttgart-Weilimdorf. Früher war Kirschner der Vorsitzende des Bosch-Geschäftsbereichs Starter und Generatoren, jetzt ist er der Chef der ZMJ-Tochter SEG Automotive. Das Marktumfeld hat sich in den vergangenen drei Jahren kaum verändert. Auch Kirschner spricht von einem massiven Preisverfall und einem extremen Wettbewerb. Die Konkurrenten – allen voran der französische Valeo- und der japanische Denso-Konzern – belauerten sich gegenseitig, sagt er im Interview mit unserer Zeitung. Innovationen seien zwar wichtig, aber es sei ein „Rennen um kleine technologische Vorsprünge“, erläutert er.

SEG Automotive steigert Umsatz um gut zehn Prozent

SEG Automotive scheint sich in dieser Gemengelage gut zu schlagen. Der Umsatz sei im vergangenen Jahr um gut zehn Prozent auf knapp zwei Milliarden Euro gewachsen. Und der Anlasserhersteller, der viele Jahre lang rote Zahlen geschrieben habe, arbeite mit Gewinn. Auch künftig strebt Kirschner einen überdurchschnittlichen Zuwachs an. Kein Kunde sei im Zusammenhang mit dem Verkauf abgesprungen. Der chinesische Eigentümer soll künftig Türöffner zu neuen Aufträgen sein.

Wie das konkret aussehen wird, ist allerdings noch unklar. Erst vor wenigen Wochen war das sogenannte Closing – nachdem nun alle Behörden dem Übergang zugestimmt haben, können SEG Automotive und ZMJ die Form der künftigen Zusammenarbeit ausloten. Die Gespräche sollen demnächst beginnen. Werden die Chinesen sich bei ihrer Stuttgarter Tochter einmischen? „Wir wissen es nicht“, sagt Kirschner. Allen Mitarbeitern sei aber schriftlich zugesichert worden, dass das Unternehmen „weitgehend unabhängig“ bleibe.

Unklar ist auch, ob es eine Zusammenarbeit mit der ZMJ-Tochter Asimco geben wird. Die Chinesen haben Asimco, ebenfalls ein Hersteller von Startern und Generatoren, 2016 übernommen – für ZMJ war dies ein erster Schritt weg von der Herstellung von Bergbaumaschinen und hin zum Autozulieferer. Asimco mit Sitz in Peking sei aber kein direkter Konkurrent, betont Kirschner, die Produkte von SEG Automotive seien höherwertig. Zudem sei die neue Schwester deutlich kleiner; ihr Hauptgeschäft seien Komponenten für Motoren.

SEG-Chef setzt auch auf die Politik

Kirschner hat kein geringeres Ziel, als Marktführer in China zu werden. „Das wollen wir werden“, legt er die Latte hoch. Derzeit erziele das Unternehmen die Hälfte des Umsatzes außerhalb Europas, ein Drittel des Gesamtumsatzes bereits in Asien. Vor sieben Jahren habe Europa noch 75 Prozent zum Gesamtumsatz beigetragen. Unterstützung, um sein ehrgeiziges China-Ziel zu erreichen, erhofft sich der SEG-Chef auch von der Politik, denn ZMJ ist ein Staatsunternehmen, die Provinzregierung von Henan besitzt rund ein Drittel der Anteile. Diese Konstellation soll die nötigen Kontakte bringen, um die Geschäfte mit chinesischen Autoherstellern auszubauen.

SEG Automotive will nicht nur mit Technologien für Verbrennungsmotoren wachsen, Kirschner strebt den Einstieg in den Markt für reine Elektroautos an. „Wir überlegen uns noch, welche Komponenten wir entwickeln können“, sagt er, ohne konkreter zu werden. „Wir brauchen keine Hektik zu machen“, glaubt er. Er geht davon aus, dass die Nachfrage nach Startern und Generatoren, die mit Technologien wie Start-Stopp und der Rückgewinnung von Bremsenergie (BRM) auch zur Spritreduzierung beiträgt, wohl erst in 15 Jahren sinken wird.

Auch wenn Kirschner die Bedeutung des chinesischen Absatzmarktes hervorhebt, für Innovationen bleibe der Standort Hildesheim zuständig. Von den deutschlandweit 1300 Mitarbeitern des Unternehmens seien rund die Hälfte in der niedersächsischen Stadt tätig (die andere Hälfte sitzt in Stuttgart). Zuletzt wurden in Hildesheim 50 Ingenieure eingestellt. Allerdings wurde in den vergangenen acht Jahren die Produktion in Niedersachsen auch zurückgefahren; rund 100 Beschäftigte seien sozial verträglich abgebaut worden.

Rückkehrrecht für einstige Bosch-Beschäftigte

Angst, dass sich diese Entwicklung fortsetzen könnte, brauchen die einstigen Bosch-Beschäftigten nicht zu haben, denn: Sie haben ein lebenslanges Rückkehrrecht in den Stuttgarter Stiftungskonzern, sollten Entlassungen drohen. Das hat der Betriebsrat für sie erstritten. Genauso wie die Arbeitnehmervertreter eine Abstimmung über den Verkauf der Starter-Sparte durchgesetzt hatten, dem die Mitarbeiter (einschließlich Führungskräfte) mit großer Mehrheit zugestimmt hatten. Zudem gibt es eine Beschäftigungsgarantie bis 2020.

Doch nach Krise sieht es bei SEG derzeit wahrlich nicht aus. Mehr als 8000 Beschäftigte stehen auf der Gehaltsliste des Unternehmens, zuletzt wurden rund 1000 Mitarbeiter eingestellt. Ausgebaut wurden dabei aber insbesondere die Produktionsstandorte China und USA. „Wir fertigen da, wo die Kunden sind“, stellt Kirschner klar.

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