Diese Einschusslöcher hatte der 17-jährige Amokläufer in Wendlingen hinterlassen. Foto: dpa

15 Jahre nach dem Amoklauf an einer Schule in Erfurt sind noch längst nicht alle Schulgebäude so sicher wie gewünscht. In Baden-Württemberg löste erst der Amoklauf in Winnenden und Wendlingen vor acht Jahren Nachrüstungen mit Sicherheitsanlagen aus.

Stuttgart - Am 26. April 2002 hat ein 19-Jähriger an seinem früheren Gymnasium in Erfurt 16 Menschen mit einer Sportwaffe und anschließend sich selbst getötet. Bis dahin wurden Amokläufe vornehmlich wahrgenommen als ein Phänomen aus Amerika. Es sollte daher zehn Jahre dauern, bis sich der Landtag in Baden-Württemberg mit einem Sicherheitskonzept für die Schulen hierzulande beschäftigte. Anlass dafür war das Blutbad von Winnenden und Wendlingen vom 11. März 2009.

Dort hatte ein 17-jähriger ehemaliger Schüler bei einem Amoklauf 15 Menschen getötet und 15 Personen verletzt. Am Ende richtete sich der Täter selbst. Die Vorkommnisse führten im Februar 2012 zu einer Verwaltungsvorschrift des Landes. Beispielsweise jene, dass bei Bränden die Schule zu räumen ist, Schüler und Personal bei einem Amoklauf hingegen in den geschlossenen Räumen verbleiben sollen. Zu diesem Zweck sollen die Türen verschließbar sein, zumindest jedoch sollten sich die Bedrohten verbarrikadieren können.

Millionenbeträge verbaut

An 46 von rund 170 Stuttgarter Schulen gibt es mittlerweile solche von innen verschließbaren Türknäufe. „2,5 Millionen Euro hat die Stadt dafür investiert, die durchschnittlichen Baukosten liegen bei rund 55 000 Euro“, teilt Karin Korn mit, die Leiterin des Schulverwaltungsamts. Die Arbeiten würden im Rahmen des Schulsanierungs- und Investitionsprogramms erledigt, für das die Stadt jährlich knapp 100 Millionen Euro ausgibt. „Weil keine verbindlichen Vorgaben zur baulichen Ausstattung mit Sicherheitseinrichtungen für die Schulen gemacht wurden, bekommen wir vom Land auch kein Geld dafür“, sagt Karin Korn.

Die Verwaltungsvorschrift löste Investitionen in Millionenhöhe aus und warf laut Karin Korn viele baurechtliche Fragen auf. „Es hat sich als schwierig erwiesen, sinnvolle Maßnahmen mit Polizei und Branddirektion zu definieren, die nicht mit baurechtlich vorgeschriebenen Brandschutzmaßnahmen kollidieren.“ Die Ämter für Schulen, Baurecht und Brandschutz mussten eine Linie finden, wie Schüler und Lehrer, die sich einschließen, im Notfall auch wieder herauskommen. „Wir haben uns darauf verständigt, dass die Türen zwar verschließbar, aber von innen auch wieder zu öffnen sind“, sagt der Branddirektor Frank Knödler. Sollte die Feuerwehr eingreifen müssen, „weiß die sich beim Entriegeln schon zu helfen.“

Rektoren sind vernetzt

Den größten Kostenfaktor machen Sprachalarmierungsanlagen (SAA) aus. Laut Korn hätten sich deren Kosten seit 2010 verdreifacht – von 100 000 auf rund 300 000 Euro für eine mittelgroße Schule. Die Anlagen sind seit dem Amoklauf Winnenden in 76 der rund 170 Stuttgarter Schulen installiert. Mit SAAs können Schüler und Lehrer über Lautsprecher in den Klassenzimmern gewarnt werden. An 28 weiteren Schulen werden solche Anlagen derzeit oder in Kürze installiert.

Die Stadt hat sich das bisher 7,88 Millionen Euro kosten lassen – „als zusätzliche Maßnahme zu allen anderen Ausstattungselementen“, sagt Schulbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP), „und der Ausbau wird fortgesetzt.“ Nottelefone, Fluchtpläne und neue Pausensignalanlagen, die im Signalton für die Alarmierung zwischen Brand- und Amokfall unterscheiden, hätten inzwischen alle Schulen. Landesweit wurden alle 4700 öffentliche Schulen mit Pagern ausgerüstet. Damit informieren Ministerien Schulen im Alarmfall.

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