Nur ganz schwer zu fassen: Der Wide Receiver Moritz Böhringer entwischt einem Gegenspieler. Foto: Löffler

Der Aalener Moritz Böhringer hat erst vor vier Jahren mit Football begonnen, doch nun ergattert er womöglich einen NFL-Vertrag, mehrere Top-Franchises wollen ihn. Auch weil den Amerikanern seine Geschichte gefällt.

Stuttgart - Die Amis lieben Geschichten, die nach „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ klingen. Die von Kurt Warner, der 1994 beim NFL-Club Green Bay Packers rausgeflogen ist, der sich dann als Assistenztrainer eines Uni-Teams finanziell mehr schlecht als recht über Wasser hält und zur Aufbesserung des Gehalts im Supermarkt für 5,50 Dollar pro Stunde Regale einräumt, der 1998 bei den Amsterdam Admirals in der NFL Europe als Quarterback noch einmal aufs Footballfeld zurückfindet und die Niederländer zum Titel führt, der in der NFL noch eine Chance bei den St. Louis Rams als dritter Quarterback erhält, der vom Verletzungspech der anderen profitiert – und der diese eine, diese allerletzte Chance perfekt nutzt. 2000 führt Kurt Warner die Rams im Superbowl zum Triumph und wird zum MVP (wertvollster Akteur) des Finales gewählt. Eine Hollywood-Story, wäre sie nicht passiert, man hätte sie erfinden müssen.

„Wenn ich darüber nachdenke, kommt es mir vor wie eine Seifenoper“, sagt Katrin Faßmeyer und lacht. Die Frau aus Aalen meint nicht das Warner-Epos, sie spricht von der Geschichte von Moritz Böhringer, ihrem Sohn. Der tingelt gerade durch die USA; nicht als Tourist, sondern als Sportler, der im Gelobten Land des Footballs darauf hofft, dass ihn einer der NFL-Clubs unter Vertrag nehmen wird. Am 31. März hatte er am „Pro Day“ in Miami teilgenommen, dort hat der Wide Receiver (Ballfänger) vor der erlauchten Elite der Coaches gezeigt, was er auf dem Spielfeld kann und dass er athletisch viel zu bieten hat. 40 Yards (36,5 Meter) in 4,39 Sekunden, Sprünge aus dem Stand in 99 Zentimeter Höhe, 17 Wiederholungen beim 100-kg-Bankdrücken. Exzellent für einen Nobody aus Germany; die Bosse der Arizona Cardinals, der Green Bay Packers, der Minnesota Vikings und des Superbowl-Champions Denver Broncos haben den 22-Jährigen zum Probetraining eingeladen.

Eigentlich mag Böhringer keinen Medienrummel

„Ich habe schon mit drei Teams gesprochen: Kansas City, Green Bay und Minnesota. Und es kommen noch mal fünf oder sechs“, sagt der Footballer. Die Tour zwischen Ost- und Westküste wird für Moritz Böhringer bis Ende des Monats gehen, dann beginnen die Drafts, in denen die Teams die Spieler benennen, die sie verpflichten wollen – was in den USA eine mediale Aufmerksamkeit erregt, wie wenn Joachim Löw in Deutschland sein Aufgebot für eine Fußball-WM oder EM bekannt gibt. Von „German Wunderkind“ haben sie seither mehrfach geschrieben, die Footballfans zwischen Foxborough und San Francisco kennen Mister Boehringer inzwischen.

„Eigentlich ist der Moritz ein ganz ruhiger, zurückhaltender Kerl“, sagt seine Mutter, „eigentlich mag er diesen Medienrummel, der um ihn gemacht wird, nicht besonders. Aber er weiß, dass das dazugehört.“ Auch Katrin Faßmeyer und Vater Günter Böhringer mussten Interviews geben und die Geschichte ihres talentierten Sohnes wieder und wieder erzählen. Der gebürtige Stuttgarter hatte eigentlich schon eine Karriere als Fußballer eingeschlagen, er kickte beim Landesligisten TSV Hofherrnweiler in der Jugend. Doch mit 17 war das Fußballfieber erloschen, das Footballvirus nistete sich ein. Er fing die Bälle erst in Aalen, dann bei den Crailsheim Titans und zuletzt bei den Schwäbisch Hall Unicorns in der German Football-League. In der vergangenen Saison wurde der Bursche zum Rookie (Neuling) des Jahres der GFL gewählt, nach 70 Catches (Ballfängen) bei 1461 Yards Raumgewinn und 16 Touchdowns. „Er hat eine überragende Saison gespielt“, sagt Unicorns-Headcoach Siegfried Gehrke, „wir haben gelegentlich Anfragen von Colleges für talentierte Spieler, aber dass es einer zu Probetrainings in der NFL schafft, das hatten wir noch nie.“ Seine Eltern hat das einerseits überrascht, das Tempo hätten sie so nicht erwartet; andererseits aber auch nicht. „In der Familie sind wir alle sportlich“, sagt seine Mutter, „aber Moritz, der haut sich voll rein – er hat viel Energie und den richtigen Biss.“

Die Unicorns haben den Wide Receiver schon abgeschrieben

Vom Spätstarter zum Überflieger in vier Jahren. Der amerikanische Footballtraum des Moritz B. lebt. Nun muss der Wide Receiver bis Ende April in den fordernden Testprozeduren der Teams beweisen, dass er sowohl den Körper als auch das Herz hat, sich in der Knochenmühle NFL zu behaupten. Ein Vertrag wäre die Erfüllung eines Wunsches, der vor vier Jahren noch so fern war wie ein Angebot des FC Bayern an den Kicker des TSV Hofherrnweiler. Daran zweifelt Siegfried Gehrke aber. „Moritz hat wenig Erfahrung, und der Sprung von der GFL in die NFL ist riesig“, sagt der Unicorns-Trainer. Doch als chancenlosen Kandidaten sieht er seinen Schützling nicht; Gehrke vermutet, dass es Böhringer in eine Practice Squad schaffen könnte. Diese Spieler zählen zwar nicht zum 53-köpfigen Kader einer Mannschaft, aber sie nehmen an jeder Trainingseinheit als vollwertiges Mitglied teil. Das hält Gehrke sogar für wahrscheinlich. „Wir rechnen nicht mehr mit ihm bei den Unicorns“, sagt er, „die Amerikaner sind von seinen Fähigkeiten begeistert – und, was nicht zu unterschätzen ist, sie lieben solche Storys, wenn ein Nobody unerwartet groß rauskommt.“ Siehe Kurt Warner.

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