Auch beim Waffel- und Crêpesbacken soll es hygienisch zugehen. Foto: Edgar Rehberger

Eine kleine Stadt wie im echten Leben wollten 700 Schüler der Altenburgschule auf dem Hallschlag darstellen – mit Gemeinderat, Geld, Gastronomie. Bis der echte Lebensmittelkontrolleur vorbeikam und den Laden dicht machte. Doch auch in der Spielstadt gibt es kreative Köpfe...

Stuttgart - Eine kleine Stadt wie im echten Leben wollten die 700 Schüler der Altenburgschule auf dem Hallschlag sein – eine Woche lang. Mit eigenem Gemeinderat, selbst entworfenem Geld, Disco, Fußballclub, Jobcenter, Firmen, Detektei, Polizei, Rechtsanwalt und Gastronomie, die neben Getränken auch Waffeln, Falafel, Crêpes, Kuchen oder Eis kredenzte. All das hatten die Schüler von der ersten bis zur zehnten Klasse im demokratischen Prozedere entwickelt und dafür auch 1000 Euro aus dem Verfügungsfonds von OB Fritz Kuhn erhalten. Ein Jahr währten die Vorbereitungen, am Montag begann die Projektwoche der „Altenburg-Galaxy“ – „eine große Sache“, wie Schulleiterin Katrin Steinhülb-Joos sagt. Doch noch am Vormittag kam ein Lebensmittelkontrolleur vorbei und machte den Laden dicht.

Auf einen Schlag war Schluss mit lustig. Die Schulleiterin, die zunächst gedacht hatte, der Kontrolleur gehöre zum Spiel, erhielt eine „Niederschrift zur mündlichen Anordnung“ samt „Teilbetriebsschließung des Betriebsteils Schülerstände“. Schöner hätten sie das auch in der Altenburg-Galaxy nicht darstellen können. Aber die Anordnung war echt. Die Mängelliste reichte von der fehlenden Kenntlichmachung von Allergenen über fehlenden Spuckschutz, fehlende Aufsicht bis zu fehlenden Handwaschmöglichkeiten für die 43 Verköstigungsstände. Aus. Schluss. 160 Kinder in der Galaxy hatten plötzlich keinen Job mehr, die Spielstadt musste abgebrochen werden. Viele Kinder weinten und zerrissen ihre bereits eingenommenen Geldscheine in der „Batzen“-Währung.

Die Mängelliste reicht bis zum fehlenden Spuckschutz

Doch so schnell aufgeben wollte man die bis Freitag durchgeplante Altenburg-Galaxy nicht. Eine Schausteller-Mutter half, brachte Spuckschutz und Glühweinbehälter als Warmwasserspender – und ratzfatz wurde die Gastronomie in der Galaxy umgemodelt, an zentralen Stellen platziert, Handwaschgelegenheiten eingerichtet, die Kinder in Hygiene geschult. Und siehe da: Als der Kontrolleur am Dienstagvormittag wieder zur Kontrolle kam, konnte er das OK geben. Die Bürgermeisterin aus der fünften Klasse jubelte, informierte alle. Und seither tobt in der Altenburg-Galaxy wieder das Leben.

Doch nun fragt sich nicht nur die Rektorin: „Braucht man wirklich an jedem Crêpesstand einen Spuckschutz? Muss man Schulen behandeln wie kommerzielle Gastronomiebetriebe?“ Auch der Elternvertreter Alex Böhle wundert sich über das rigide Vorgehen des Kontrolleurs.

Der Kontrolleur stieß zufällig auf die Spielstadt

Dazu sagt Thomas Stegmanns, Leiter der Lebensmittelüberwachung der Stadt: „Alle meine Kontrolleure sind sich über den Unterschied zwischen einem Dönerstand auf dem Volksfest oder einem Stand in Schule oder Kita bewusst.“ Dass es überhaupt zur Kontrolle kam, sei Zufall gewesen. Der Kontrolleur hätte eigentlich die reguläre Mensa kontrollieren wollen und stieß auf die Spielstadt. Es sei richtig, dass sein Mitarbeiter nicht weggeguckt habe, sagt Stegmanns. „Auch bei Schulfesten muss ein gewisses Hygieneniveau eingehalten werden. Leute, die mit Lebensmitteln arbeiten, sollten sich die Finger waschen können, wenn sie mit Waffelteig gearbeitet haben, wo rohe Eier drin sind.“

Der Mitarbeiter sei gelernter Koch und Küchenmeister und habe die Schule intensiv beraten, so Stegmanns. Das Problem: „Wenn plötzlich 60 Schüler krank sind, werden Eltern sehr unfreundlich.“ Und das könne bei Salmonellen oder Noroviren sehr schnell gehen. Der Mitarbeiter habe im Sinne des gesundheitlichen Verbraucherschutzes eingegriffen. Stegmanns sieht es als „ein bisschen blauäugig, wie man an die Lebensmittelversorgung von 700 Schülern rangegangen ist“. Seine Behörde biete kostenlose Hygieneschulungen für Ehrenamtliche an, anderthalb Stunden, abends.

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