Der Spaß am Tanzen ist auch nach zehn Jahren Abstinenz sofort wieder da. Weitere Eindrücke gibt es in unserer Fotostrecke. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

In einer Serie üben sich die Redaktionsmitglieder in längst aufgegebenen Hobbys. Den Anfang macht Julia Barnerßoi auf dem Tanzparkett. In ihrem Erfahrungsbericht erzählt sie unter anderem davon, wie der Tanzlehrer ihrem Becken Kommandos gibt.

Degerloch - Der kleine Zeh will nicht so recht. Mit ein bisschen Biegen ist es dann aber geschafft und auch er ist innerhalb der Riemchen des Tanzschuhs. Die erste Hürde ist also geschafft: Meine Füße, die in den vergangenen Jahren nur noch in Turnschuhen mehr oder weniger schnell durch den Squash-Court jagten, stecken in den schmalen Sandalen mit einem schlappe sechs Zentimeter hohen Absatz. Zum letzten Mal getragen habe ich diese hohen Hacken vor zehn Jahren.

Für meine Schuhe bekomme ich von Thomas Estler schon mal lobende Worte. Der Trainer der tus-Tanzsportabteilung ist an diesem Abend mein persönlicher Tanzlehrer. In 45 Minuten klopft er ab, was ich noch kann. Die Schuhe habe ich nämlich nicht zufällig aus der hintersten Ecke des Schrankes gezogen – selbst etwas überrascht darüber, dass sie wirklich bei jedem Umzug im vergangenen Jahrzehnt mitgekommen sind. Bis zum Studium habe ich in meiner Jugend über einige Jahre quasi jeden freien Tag in einer Tanzschule meiner Heimatstadt verbracht.

Wiegeschritt, Chasseschritt, Hüfte wackeln

Einführende Worte oder eine Trockenübung gibt es nicht. Kaum habe ich mich auf den wackeligen Stilettos einigermaßen gefangen, legt der Profi den Arm um mich, kündigt einen Cha-cha-cha an und legt los. Wiiieeege – cha-cha-cha – Wiiieeege cha-cha-cha. Ich bin überrascht, es funktioniert. Und zwar erstaunlich gut: Wiegeschritt, Chasseschritt und Hüfte wackeln. „Das ist wie Skifahren, das verlernt man nicht“, sagt Thomas Estler. Ob das schon ein Lob war?

Angefangen hat alles um das Jahr 2000 mit dem klassischen Tanzkurs, den man mit 14 Jahren eben so macht. Sofort war ich Feuer und Flamme für Wiener Walzer, Jive und Co., durchlief in zwei Jahren alle Kurse und trainierte auch danach fleißig und regelmäßig weiter. Selbst als ich einmal mit gebrochenen Zehen nicht aufs Parkett konnte, saß ich in jeder Tanzstunde, um ja keinen Schritt zu verpassen. Höhepunkt und auch Ende meiner Tanzkarriere waren zwei Auftritte mit der Standard-Formation der Tanzschule in selbst genähten Kostümen – was waren wir stolz.

Ruhiger Tanz erfordert ordentlich Körperspannung

Das Lied verklingt, Thomas Estler dreht mich schwungvoll aus – der erste Tanz ist geschafft. Ich fühle mich schon etwas sicherer auf dem Parkett, bin aber immer noch furchtbar nervös. Immerhin ist Thomas Estler nicht irgendwer. 1971 hat er mit dem Tanzen begonnen, schon sechs Jahre später war er im Turniertanz angekommen. Mit seiner Frau Heidi, heute Präsidentin des deutschen Tanzsportbunds, drehte er erfolgreich Pirouetten bei Deutschen Meisterschaften oder auch den US Open. Bis heute leitet er Tanzsportturniere und ist Wertungsrichter. Ein recht strenger, wie er zugibt. Über meinen Vergleich mit dem überkritischen Fernseh-Tanz-Juror Joachim Llambi kann er aber lachen.

Auf meine Frage, ob ich denn ein hoffnungsloser Fall sei, sagt Estler jedenfalls nur: „Man braucht als Dame nur einen Herren, der tanzen kann“. Ich nehme das jetzt einfach mal als Lob... Genug geplaudert: Schon legt mein Trainer das nächste Lied auf. Es wird ruhiger: Zu „This is it“ von Michael Jackson tanzen wir eine Rumba. Ich bin trotzdem außer Atem, denn der lateinamerikanische Tanz erfordert ordentlich Körperspannung. Ich erinnere mich, warum es mich früher immer so geärgert hat, wenn jemand Tanzen nicht als Sport anerkannt hat. Es ist wirklich schweißtreibend.

Beim Tango wird es eng

Es folgen ein langsamer Walzer auf die James-Bond-Titelmusik „Skyfall“, ein Wiener Walzer auf die Titelmusik von Derrick und wenig Gnade. Thomas Estler verfolgt weiter die Rein-ins-kalte-Wasser-Taktik, obwohl ich bei jedem Tanz das Gefühl habe, ich müsste die Schritte erst einmal in Ruhe im Kopf durchgehen. Doch er führt mich mit festem Griff und gibt Anweisungen wie: „Darf ich das Becken bitte mal hier vorne haben? Danke!“ Klingt komisch, funktioniert aber. Schon kleine Tipps helfen mir, Drehungen und Schritte stabiler auszuführen.

Zum Abschluss wird es so richtig eng: Tango! Herrje! Zu allem Überfluss sind auch schon die Teilnehmer des nächsten Kurses da. Die Schamesröte in meinem Gesicht liegt natürlich nur am Publikum, nicht an dem leidenschaftlichen Tanz. Der klappt nämlich trotz erster Krämpfe in den Waden wegen der Schuhe ganz hervorragend. Die Schritte und Figuren sind drin in Kopf und Füßen, als hätte ich die Tanzschule erst gestern verlassen. Wir gleiten über das Parkett, und ich bin überglücklich: Man verlernt das Tanzen wirklich nicht. Jetzt kann mich nichts mehr aufhalten: Morgen gehe ich Skifahren!

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