Die Geschäftsführung des chinesischen Westron-Konzerns schwört die Belegschaft des ehemaligen Uhinger Traditionsunternehmens auf harte Zeiten ein. Der Aufsichtsratschef bestätigt indirekt eine drohende Insolvenz.
Allgaier steht offenbar einmal mehr das Wasser bis zum Hals. „Die Belegschaft wurde auf harte Zeiten eingeschworen“, berichtet ein Mitarbeiter. Sollte sich die Situation in den kommenden Wochen nicht grundlegend verbessern, drohe dem Uhinger Unternehmen die Insolvenz.
Eine Befürchtung, die auch Scanny Cai, Aufsichtsratschef der Westron Group, nicht zerstreute. Bei einem Treffen der Allgaier-Senioren hatte Cai in einer aufgezeichneten Video-Grußbotschaft den Ernst der Lage und eine mögliche Zahlungsunfähigkeit indirekt bestätigt. Um das zu verhindern, werde die chinesische Westron Group, seit Sommer 2022 Mehrheitsgesellschafter des Uhinger Automobilzulieferers, weitere 20 Millionen Euro in die Restrukturierung stecken. Wenn es nicht gelinge, Allgaier wieder auf Kurs zu bringen, werde das Unternehmen unweigerlich in die Insolvenz rauschen, übersetzte der Betriebsratsvorsitzende Stilianos Barembas die auf Englisch gehaltene Gruß-Botschaft Cais ins Deutsche.
Wechselbad der Gefühle: Beschäftigte zwischen Hoffen und Bangen
Die Sorgen um die wirtschaftliche Schieflage der Uhinger mehren sich. Schon einmal hatte es nicht gut ausgesehen. Im Jahr 2019 stand das Unternehmen gehörig unter Druck, Personalabbau war die Folge. Die Restrukturierung und Neuausrichtung zwischen 2020 und 2022, zu der die Belegschaft einen großen Beitrag geleistet hatte, erfolgte unter erschwerten Bedingungen. Erst kam Corona, dann Rohstoffengpässe und dann der Krieg Russlands gegen die Ukraine. Dies führte zu Umsatzrückgängen in beiden Geschäftsbereichen, hatte das Unternehmen im Sommer vergangenen Jahres erklärt.
Nach schwierigen Jahren schien es bei dem Autozulieferer wieder aufwärts zu gehen. „Die Finanzen konnten stabilisiert und die Abläufe in der Fertigung sowie die Qualität maßgeblich verbessert werden“, blickt ein früherer Mitarbeiter zurück. „Es war ein Gefühl von ,wir packen das‘ und Hoffnung war in der Belegschaft vorherrschend“, sagt er. Nun hat sich das Blatt wieder gewendet. „Ich gebe der Firma Allgaier noch ein Jahr“, berichtet der Ex-Mitarbeiter, der im Geschäftsbereich Automotive in einem fertigungsnahen Sektor tätig war. Seit dem Einstieg der Westron Group „geht es stetig bergab“, erzählt der ehemalige Beschäftigte. Eine der ersten Amtshandlungen des neuen Eigentümers sei gewesen, einige Führungskräfte zu entlassen. „Dies hat zu einer massiven Vertrauenskrise geführt.“
Weitere Chefs hätten das Handtuch geworfen oder seien gekündigt worden. Die Folge: Know-how sei verloren gegangen. Und es habe dazu geführt, „dass niemand mehr für etwas verantwortlich ist und niemand mehr wichtige Entscheidungen trifft“, kritisiert der Ex-Mitarbeiter. „Flotte Motivationssprüche“ in Rundbriefen – in einem sei kürzlich auf ein vorläufiges Defizit von 15 Millionen Euro im Automotive-Bereich hingewiesen worden – seien da wenig hilfreich. Der Mitarbeiter spricht im Zuge dessen auch von „wachsenden Qualitätsproblemen und Kundenreklamationen“. Das Unternehmen will die Vorwürfe so nicht stehen lassen und spricht von einer „normalen Fluktuationsrate“. Ziel sei es, eine Organisationsstruktur aus flachen Hierarchien zu schaffen. „Hierfür war das Allgaier-Management zu breit aufgestellt“, betont eine Sprecherin. Die Veränderung habe jedoch keinen Einfluss auf die Standorte: „Wir halten weiterhin an den bestehenden Standorten Uhingen, Laichingen und Mühlhausen fest – trotz der vielen Mitanbieter, welche verstärkt in Low-Cost-Countries produzieren.“
Die Pressesprecherin betont auch: „Alle Führungspositionen sind besetzt, und auch das mittlere Management ist angehalten, stärker Verantwortung zu übernehmen.“ Und auch zur Qualität äußert sich Allgaier: „Selbstverständlich gibt es Kundenreklamationen. Eine Null-Fehler-Produktion wird nie möglich sein.“ In puncto Qualität habe sich Allgaier in den vergangenen neun Monaten stetig verbessert.
Am Abgrund?
Zur Sorge um den Fortbestand von Allgaier will sich die Unternehmenssprecherin nicht zu weit aus dem Fenster lehnen: „Die von uns beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ist aktuell beim Abschluss des Geschäftsjahrs 2022, weshalb das Ergebnis 2022 noch nicht final ist.“ Sie macht aber deutlich, dass die Rahmenbedingungen – auch für viele andere Autozulieferer – alles andere als einfach sind.
Die Schilderungen von Aufsichtsratschef Cai bei den Allgaier-Senioren lässt jedoch Schlimmes befürchten: „Entweder wir schaffen es oder wir werden in den nächsten Monaten in die Insolvenz rauschen.“ Er sei aber dennoch zuversichtlich: Allgaier habe eine große Chance, weil Westron breit aufgestellt sei und vor dem Hintergrund der steigenden E-Mobilität auch eine große Palette von Batterietechnik anbiete. Cai: „Die Zukunft kann sehr schön werden, wenn wir unseren Kampf ums Überleben von Allgaier gewinnen.“
Früherer Allgaier-Chef würdigt die Leistung der Senioren
Allgaier-Feier
Der frühere Eigentümer, Dieter Hundt, der mit seiner Frau kürzlich an einem Allgaier-Treffen teilgenommen hat, wertete die Tatsache, dass rund 60 Senioren zur Feier des 30-jährigen Bestehens gekommen waren, als Beweis für das gute Betriebsklima in dem Unternehmen. Hundt erinnerte in seinem Grußwort daran, dass die anwesenden Seniorinnen und Senioren einen großen Teil dazu beigetragen haben, dass aus dem Uhinger Betrieb, der im Jahr 1975 noch 15 bis 20 Millionen Umsatz hatte („die Rede war damals von den Allgaier Hüttenwerken“) im Jahr 2008 ein internationales Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 650 Millionen Euro geworden war.
Würdigung
Dieter Hundt sagte wörtlich: „Sie können stolz auf sich sein, dass dieser beeindruckende Gebäudekomplex auch dank Ihrer Arbeit entstanden ist. Auch wenn sich die Eigentumsverhältnisse inzwischen geändert haben: Was wir in den vergangenen drei bis vier Jahrzehnten geschaffen haben, wird immer bleiben.“