Nicht gesund und sozial bedenklich? Wer alleine Alkohol trinkt, scheint ständig in Gefahr, zum gesellschaftlichen Problemfall zu werden. Warum das vollkommener Quatsch ist – und diese traditionsreiche Beschäftigung besonders schön sein kann.
Es gibt eine bestimmte Tageszeit, da greift der Nachmittag nach dem Abend. Dann ist es besonders schön zu trinken. Das Sonnenlicht wirkt wärmer, gelber. Und dann ein Negroni. Man muss dafür nicht unbedingt am Ufer des Gardasees sitzen. Es geht auch der Garten – und dann ein Bier. Den Spaten an den Zaun gelehnt, die Schuhe voller Dreck. Gesellschaft braucht es dafür nicht. Im Gegenteil. Schweigend alleine zu trinken ist schön. Es wirkt entspannend, macht einfallsreich, offen und belebt. Seinen kleinen Rausch muss man weder vor anderen rechtfertigen noch in eine alberne Grundstimmung verfallen.
Doch wer gern alleine Alkohol trinkt, gilt schnell als Problemfall. Die meisten Leute, die sich einen Trinker vorstellen, der ohne die Gesellschaft anderer eine Flasche Bier oder ein Glas Whisky leert, denken an eine traurige Gestalt. Vielleicht den Citymanager einer Kleinstadt im Odenwald, der an jenen Abenden, an denen er nicht zu einer neuen Flagship-Store-Eröffnung geht, zu Hause säuft und suizidale Gedanken im Kopf herumrollt. Generell gilt es als „schwierig“ oder gar „traurig“, wenn jemand etwas alleine tut. Alleine reisen – das ist bestimmt eine Emanze. Alleine essen gehen – kauzig, die sammelt afrikanische Masken oder so kleine Katzenfiguren. Alleine trinken ist in dieser Reihe das Traurigste überhaupt. Selbst die offensichtlichsten Säufer, die schon morgens im Café das erste Bier bestellen, sagen, aber alleine tränke man natürlich nie. Das schmecke dann ja auch gar nicht.
Der Mensch schrieb als erstes über – Bier!
Der einsame Trinker gilt als verzweifelter Trinker. Einer, der seinen Kummer ersäuft. Im „Irischen Tagebuch“ beschreibt Heinrich Böll Kneipen, in denen Männer hinter Ledervorhängen in „Einzelsäuferkojen“ hocken: „In diese sperrt sich der Trinkende selbst ein wie ein Pferd; um mit Whisky und Schmerz allein zu sein, mit Glauben und Unglauben, versenkt er sich tief unter die Zeit.“
Dabei ist es gar nicht schwer, auch ohne Kummer alleine zu trinken. Einfach so. Zu trinken, das zeigt sich über die Jahrtausende, ist ein ganz natürliches Bedürfnis des Menschen, man kann es nicht anders sagen. Goethe: „Es ist eine Forderung der Natur, dass der Mensch sich mitunter betäube, ohne zu schlafen.“ Bachmann: „In meiner Trunkenheit kann ich nur maßlos sein und trinken und nehmen und dauern.“ Grönemeyer: „Gelallte Schwüre in rotblauem Licht, vierzigprozentiges Gleichgewicht, graue Zellen in weicher Explosion, Sonnenaufgangs- und Untergangsvision, was ist los, was ist passiert? Ich hab bloß meine Nerven massiert.“ Menschen betrinken sich. Immer schon. Seit Affen vergorene Früchte auf dem Boden gefunden und davon gekostet haben. Irgendwann hat der Urmensch begeistert festgestellt: Es gibt einen Rausch. Und dann ging’s los. „Mit das Erste, worüber die Menschen schrieben, war Bier“, erzählt sehr unterhaltsam Mark Forsyth in seiner „Kleinen Geschichte der Trunkenheit“, denn: „Die primitiven Anfänge der Schriftlichkeit“ bei den Sumerern „bestanden aus nicht viel mehr als Schuldscheinen“ – für Bier. Und eines der ersten Kunstwerke überhaupt, ein kleines bildhauerisches Juwel, zeigt die Venus von Laussel. Eine Frau mit dickem Bauch und großen Brüsten, die ein Trinkhorn in der Hand zu halten scheint – worin sehr wahrscheinlich kein Wasser war, „denn das Trinken von Wasser ist üblicherweise nichts, was man für die Ewigkeit in Stein meißelt“, mutmaßt Mark Forsyth. In Ländern wie Frankreich gehört das Trinken zur Kultur. Wein gilt, um mit Roland Barthes zu sprechen, als „mediumartige Substanz“, die „zur ursprünglichen Kraft der Natur führt“.
Eine Frau, die alleine trinkt
Erstaunlich also, dass einer derart traditionsreichen Kulturtechnik zugleich mit so viel Argwohn begegnet wird. In der Coronapandemie rückten Medien das Trinken allein häufig in die Ecke der zunehmend pathologischen Verhaltensweisen in Heimisolation. „43 Prozent trinken nun öfter alleine“, schreibt der „Standard“ betroffen im September 2020, und: „Die Corona-Krise wirkt sich auf die psychische Gesundheit und den Drogenkonsum aus.“ Der „Focus“ im April 2021: „Suchtexperte im Gespräch: Jeder Dritte trinkt seit Corona mehr Alkohol – woran Sie erkennen, dass es bedenklich wird“. Und die „Zeit“: „Einer Forsa-Umfrage zufolge trinkt jeder achte 16- bis 29-Jährige seit der Pandemie mehr Alkohol. Wann verliert man die Kontrolle? Und wie kommt man da wieder raus?“
Der trinkende Mensch scheint ständig in Gefahr, zum gesellschaftlichen Problemfall zu werden. Wer während der Lockdowns abends öfter mit einem Glas Wein zum Fenster rausgeschaut hat, steht im Grunde schon wenn nicht mit einem Bein in der Betty-Ford-Entzugsklinik, so mindestens zerzaust in der zugigen Passage unter dem Stuttgarter Hauptbahnhof mit einer Dose Oettinger Export in der Hand.
Und wenn es etwas gibt, das die Leute noch „trauriger“ finden als einen, der alleine trinkt, dann ist es eine Frau, die alleine trinkt. „Kein Wunder, dass für die Frauen, die Tätigen dieser Erde, in diesen Kneipen kein Platz ist“, schreibt Böll über die irischen Einzelsäuferkojen. „Hier ist der Mann allein mit seinem Whisky, weit entfernt von all den Unternehmungen, auf die er sich notgedrungen eingelassen hat, Unternehmungen, die den Namen Familie, Beruf, Ehre, Gesellschaft tragen.“ Die Frau scheint, ganz klar, zumindest damals nicht auf gleiche Weise erholungsberechtigt wie der Mann.
Als Frau in einer Bar alleine zu trinken, ist heute natürlich nicht verboten – doch gilt es mindestens als unüblich. Und zwar so sehr, dass viele dahinter nicht die Absicht sehen, alleine zu trinken, sondern das Gegenteil. Man glaubt, die Frau suche Gesellschaft. Frauen, die in einer Bar Alkohol trinken, werden angeblich als offener für unverbindlichen Sex wahrgenommen. Das ergab eine Studie aus England und den USA mit 400 Probanden. Die Teilnehmer fanden, jene Frauen, die eine Bierflasche in der Hand hatten und keine Wasserflasche, sähen so aus, als seien sie nur auf das eine aus. Außerdem wirkten diese Frauen auf sie dümmer und unmoralischer. Bei der Bewertung der männlichen Abgebildeten spielte das Getränk keine Rolle für das Ergebnis.
„Warum tust du’s nicht einfach?“
Frauen, die trinken, haben einen schlechten Ruf. Daher beäugt man das kritisch. Natürlich darf niemand verschweigen, dass Alkohol gesundheitsschädlich und Ursache vieler Probleme sein kann – zumal in Deutschland, wo er so billig und leicht zu haben ist. Doch so manche gesellschaftliche Debatte über Gesundheit und Sozialverhalten ist an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten. „Heutzutage verkleiden sich moralische Vorhaltungen als Ratschläge“, beschreibt es die Journalistin Elisabeth Raether in ihrem Buch „Die trinkende Frau“. „Heute macht man sich um Frauen Sorgen. Sind sie stark genug? Und Frauen vertragen Bier doch so schlecht mit ihrer kleinen Leber.“
Die New Yorkerin Sammi Katz, Autorin und Barkeeperin, hat nach dem Gespräch mit einer Freundin den Blog „A girl’s guide to drinking alone“ ins Leben gerufen. Die Freundin sagte, sie würde gerne allein in eine Bar gehen, etwas trinken und ein Buch lesen. Katz fragte die Freundin: „Warum tust du’s nicht einfach?“ Sie habe Angst vor dem Stigma, das damit verbunden sei, wenn Frauen alleine trinken, sagte die Freundin, und habe keine Lust, angebaggert zu werden. Über allem stand der Eindruck, Männer hätten immer noch mehr Freiheiten, sich in der Öffentlichkeit allein und ungestört zu bewegen. Sammi Katz testete sich daraufhin allein durch viele Bars in den ganzen USA. Sie listete in ihrem Blog jene auf, in denen man sich auch als Frau alleine ganz wohlfühlt.
Vielleicht sind solche Erfahrungen Ursache dafür, dass Frauen oft überhaupt nicht richtig trinken können. Wenn die unausgesprochene Erwartung an sie ist, höchstens ein Zehntel lieblichen Roséwein zu haben oder klebrigen Prosecco ist das auch kein Wunder. Man findet im persönlichen Umfeld wenig Frauen – das bei ansonsten aller Ablehnung geschlechterspezifischer Klischees –, die ordentlich trinken können. Geht man gemeinsam aus, trinken die Freundinnen einen Cappuccino oder Lillet-Dings.
Die Überschreitung von Grenzen erweckt im Menschen das Gefühl, lebendig zu sein
Die amerikanische Schriftstellerin Carson McCullers scherte sich nicht viel um ihre Außenwirkung und pflegte das anders zu handhaben. Sie trank nicht nur Bier, sondern auch Whisky. Außerdem Gin, „wenn sie sich gerade zwischen zwei Büchern befand“. Das schreibt Britta Jürgs in dem Band „Was trinken wir? Alles!“. McCullers hatte ihre Trinkkunst perfektioniert: „Wenn sie arbeitete, begann sie morgens mit einem Bier und saß dann tagsüber an der Schreibmaschine mit Sherry oder ihrem besonderen Mix aus heißem Tee und Sherry aus der Thermoskanne, den sie Sonnie Boy nannte. Abends war Zeit für Martinis, Cognac oder Bourbon – und vor dem Schlafengehen hörte sie mit dem Getränk auf, mit dem sie morgens angefangen hatte: mit Bier.“
Jenseits aller gesundheitlichen Bedenken könnte man an dieser Stelle ganz alltagspraktisch fragen: Gibt das nicht einen fürchterlichen Kater? Elisabeth Raether meint, der gelegentliche Kopfschmerz vermittle das im Grunde angenehme Gefühl, „sein Leben trotz aller Bemühungen nicht wirklich im Griff zu haben“. Das klingt doch zauberhaft.
Klar weiß man es besser, aber trotzdem siegt auch mal die Unvernunft. Denn was wäre das für ein Leben in ständiger Vernunft? Auch in diesen ansonsten stark moralgetränkten Zeiten kann man sagen: gar keins. Raether beschreibt es so: „Vernunft und Irrsinn geben sich die Klinke in die Hand. Irrationales steht neben Rationalem. Tiefe Gefühle kommen und gehen. Man macht Fehler, man bereut, man verzweifelt, man steht auf und macht weiter. Das Leben nimmt seinen Lauf. Da kommt der Alkohol ins Spiel. Wer lebt, braucht Alkohol. So ist das.“
Die Überschreitung von Grenzen, zu gewissen Tageszeiten, besonderen Anlässen in bestimmten Momenten, erweckt im Menschen nicht weniger als das Gefühl, lebendig zu sein. „Man kann den Geburtstag eines Erwachsenen nicht mit Multivitaminsaft feiern“, schreibt der Philosoph Robert Pfaller. Manche mögen entgegnen, das ginge. Sie sind es wohl auch, die raten, zu lernen, auch ohne Alkohol „aus sich herauszugehen“. Offen bleibt, was damit gemeint sein könnte für all jene, die eigentlich recht gerne in sich drin sind. Prost!