Weiterdenker und Vernetzer: Albert Geiger. Foto: /Jürgen Bach

Albert Geiger hat Ludwigsburg wie kein Zweiter für nachhaltiges Handeln und Gemeinwohlorientierung fit gemacht. Schon zu Zeiten, als andere Kommunen an solche Themen noch gar nicht dachten.

Es war nicht so, dass Albert Geiger nicht irgendwann selbst Bürgermeister hätte werden können. Angeklopft wurde durchaus bei ihm. Einmal war er mit Frau und Kindern auch in eine Kommune gefahren, weil er sich ein genaueres Bild machen wollte. „Meine Familie wollte dort aber nicht mal aussteigen“, erinnert er sich. Auch ihm selbst fiel die Abwägung letztendlich nicht sonderlich schwer: „Ich hatte einfach für die nachhaltige Stadtentwicklung Blut geleckt. Und für sie konnte ich an der Stelle, an der ich war, mehr bewirken“, sagt er.

 

Ermöglicher, Wertschätzer, Nachhaltigkeitsgott, Netzwerker, Hansdampf in allen Gassen, Mister Sustainability, an fast allen wichtigen Großbauprojekten der Stadt elementar Beteiligter: Fragt man Wegbegleiter, sprudeln die Assoziationen nur so. An ihm sei ein Dezernent verloren gegangen, sagte Grünen-Fraktionschef Florian Sorg bei Geigers Abschied. Doch Albert Geiger ist zufrieden mit seinem Weg. Als Leiter des Bürgerbüros Bauen und langjähriger Chef des Referats für Nachhaltige Stadtentwicklung wirkte er zwar aus der zweiten Reihe. Aber für die Stadt kam Erstklassiges dabei heraus.

Die Dinge auch mal unkonventionell angehen

„Ich bin ein Glückskind“, sagt der 65-Jährige über sich und seine Arbeit im Rathaus. Er begann dort 1983 nach dem Studium im technischen Dezernat, erlebte fünf Oberbürgermeister und erlangte zunehmend maßgeblichere Positionen. „Das ging, weil ich immer Vorgesetzte hatte, die mir vertraut und meinen Freiheitsdrang ausgehalten haben“, sagt er. Diese Freiheit half Geiger dabei, „das Fernlicht einzuschalten und zu schauen, wohin der weite Weg führt“. Und andere davon zu überzeugen, die Dinge auch mal unkonventionell anzugehen. Die Weichen, die er stellte, führten dazu, dass Ludwigsburg schon 2014 zu Deutschlands nachhaltigster Stadt ihrer Größe gekürt wurde.

Visionär denken, generationengerecht planen, Bürger in Zukunftswerkstätten zu Wort kommen lassen, neue Mobilitätsformen mitdenken, Energie- und Klimafragen in den Fokus rücken, die Wirtschaft für innovative Ideen einspannen, das Digitale nutzen: Für all diese Ideen war Geiger früh Impulsgeber und Vorreiter. Dass ihm das Nachhaltigkeitsthema so ein Herzensanliegen ist, liegt auch an seiner Prägung: Er kommt aus einer Ludwigsburger Landwirtsfamilie, trug früh Verantwortung und wuchs auf mit dem Blick für natürliche, nicht durchbrechbare Zusammenhänge – „und mit dem Glücksgefühl, das entsteht, wenn man gemeinsam mit anderen etwas schafft.“ Aber auch mit der Gewissheit, dass es kein Beinbruch ist, wenn einmal etwas nicht gelingt wie erhofft.

Das Motto: über den Tellerrand schauen

Auf Geigers Initiative wurde im Jahr 2000 aus Baurechtsamt und Bauverwaltungsamt das serviceorientierte, themenumspannende Bürgerbüro Bauen. Und seinem Betreiben ist es zu verdanken, dass 2008 das Referat für Nachhaltige Stadtentwicklung aufgebaut wurde: eine keinem Dezernat zugeordnete Denkfabrik innerhalb der Verwaltung, dazu geschaffen, über den Tellerrand zu schauen, zu vernetzen und zu bewirken, dass Projekte ressortübergreifend angepackt werden.

Das ist eine in deutschen Verwaltungen nicht gängige, aber für Geiger die einzig zukunftsträchtige Herangehensweise, für die er spätestens als Projektbeauftragter für die Entwicklung des Wohngebiets Rotbäumlesfeld Feuer gefangen hatte. „Wir bauen Städte für Menschen. Das muss man doch mit all denen machen, die es am besten verstehen, über Bereiche und Dezernate hinweg.“ Für den Teamplayer aus Überzeugung ist klar: Die Zukunftsaufgaben– obendrein bei begrenzten Finanzmitteln – sind nur im Querverbund zu schaffen: „Wenn die Welt komplexer wird, müssen mehr Köpfe denken.“

Mit Chuzpe zum Ziel

Für seine Mission brauchte Geiger auch Chuzpe. Etwa in dem Moment, als er – gerade bei einer Fortbildung in Berlin – seinen Mut zusammennahm und ohne Termin bei Oliver Weigel aufkreuzte. Weigel, Leiter des Referates Stadtentwicklungspolitik im Bundesinnenministerium und maßgeblicher Mitentwickler der Neuen Leipzig-Charta, war „brutal beschäftigt“, so Geiger, empfing ihn aber trotzdem. Geiger hielt eine kurze, flammende Rede über seine Idee eines neuartigen, partizipativen Formats in Ludwigsburg. Doch ohne Unterstützung keine politische Mehrheit, fürchtete Geiger. Weigel ebnete den Weg zu einem Fördermitteltopf. „Und Bund und Stadt Ludwigsburg haben damit etwas ausgelöst, was unglaublich viel mehr wert war als das Fördergeld“, sagt Geiger. Aus der Begegnung erwuchs eine enge Zusammenarbeit – und eine Freundschaft.

Überhaupt: Geiger ist bestens vernetzt, wird zu Kongressen als Experte für nachhaltige Stadtentwicklung eingeladen und hält Vorträge. „Ich hatte einfach das Glück, dass mir auch Türen geöffnet wurden, die eigentlich oberhalb meiner Hierarchieebene lagen“, sagt er bescheiden – ganz dem Familienmotto „Mehr sein als scheinen“ getreu.

Die Basis für ein beteiligungsorientiertes, integriertes, nachhaltiges und resilientes Ludwigsburg stehe, sagt Geiger zufrieden, ein tolles Team führe die Arbeit weiter. Er hofft, dass darauf gebaut wird, „denn fertig sind wir noch lange nicht“. Dazu müssten Mutige und Um-die-Ecke-Denkende unterstützt werden und Gemeinderat und Verwaltung eine Kultur des Vertrauens und der Fehlertoleranz leben. Denn auch das ist Geigers Credo: „Ohne Vertrauen keine Innovation. Und ohne Fehler keine Weiterentwicklung.“

Aufhaben und Ambitionen

Mit-Gestalter
Ein Meilenstein, bei dem Geiger eine entscheidende Rolle spielte, ist die Entwicklung der Marienwahl. Auf dem Gelände sollte ein Luxushotel, dann eine Seniorenwohnanlage entstehen. Die Bauruine war ein prominenter Schandfleck, bis die Stadt das Areal nach schwierigsten Verhandlungen kaufen konnte.

Interims-Dezernent
Als Gabriele Nießen, Bürgermeisterin für Stadtentwicklung, Hochbau und Liegenschaften, 2020 nach ihrem kein Jahr währenden Ludwigsburg-Gastspiel im für sie neu geschaffenen Dezernat nach Bremen weiterzog, sprang Albert Geiger erfolgreich als kommissarischer Dezernent ein.

Weiterhin-Akteur
Albert Geiger bleibt beim Thema „Kommunen weiterdenken“ aktiv. Aktuelle Veröffentlichungen von ihm finden sich zum Beispiel bei den Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien (www.renn-netzwerk.de) oder beim Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung (www.vhw.de)