Gitarren rocken, Stiefel stampfen auf Gräbern: Nicht nur für Klassik-Puristen ist dieses Requiem eine Herausforderung. Foto: Chris van de Burght

In Alain Platels „Requiem pour L.“ treffen Kontinente und Kulturen, Leben und Tod aufeinander. Auf Einladung der Schlossfestspiele war das Stück zum Thema Sterben in Ludwigsburg zu sehen - und kommt im Herbst ins Stuttgarter Opernhaus.

Ludwigsburg - Gafferwand heißt der aufblasbare Sichtschutz, mit dem Rettungskräfte seit neuestem Unfallopfer vor ungewollten Blicken schützen. Dass viele Menschen an solchen Orten ohne Hemmungen das Smartphone zücken und in sozialen Netzwerken ihre Beute teilen, ist nicht nur für die Helfer ein schwer begreifbares Phänomen unserer Zeit. Aber hat die Faszination für das Leiden der anderen vielleicht auch damit zu tun, dass der Tod für die meisten eine Tabuzone ist und nicht mehr Teil der Normalität, dass er herausgelöst ist aus Familienleben und Alltag?

Sterben geschieht heute im Verborgenen von Palliativstationen, Pflegeheimen, Hospizzimmern. Wie irritierend es ist, wenn eine dieser Türen plötzlich aufgeht, zeigt das neue Stück, das der belgische Regisseur und Choreograf Alain Platel gemeinsam mit dem Komponisten Fabrizio Cassol im Januar dieses Jahres im Haus der Berliner Festspiele herausgebracht hat. „Requiem pour L.“ heißt es, am Sonntag war es zu Gast bei den koproduzierenden Schlossfestspielen in Ludwigsburg und ließ teilhaben an einer besonderen Trauerfeier: Eine Filmkamera, fest am Fußende ihres Sterbebetts installiert, begleitete eine Frau auf ihrer letzten Reise vom Leben in den Tod. Vermacht hat sie diese Aufnahmen ihrem Landsmann Alain Platel und seiner Kompanie les ballets C de la B, die sich bereits in Stücken wie „En avant, marche!“ und „tauberbach“ mit dem Tod und den Randzonen des Lebens eindrücklich beschäftigt haben.

Hommage ans Leben

Hundert Minuten lang, für die komplette Dauer der eigenwilligen Totenmesse, überlagert das Sterben dieser für den Tod eigentlich zu jungen Frau in großformatigem Schwarzweiß das, was vor der Projektionswand auf der Bühne passiert. Doch das ist zum Glück so ungewöhnliches Musiktheater, dass die Bilder der sterbenden L. tatsächlich in den Hintergrund treten. Zu erleben ist ein in seinem hochtourigen Temperament nur aus der Perspektive des Klassik-Puristen unpassendes Aufeinandertreffen von Mozarts Requiem und 14 Sängern, Tänzern und Musikern, die vor allem aus dem Kongo und Südafrika kommen und die mit unglaublicher Spielfreude, Energie und allerlei Instrumenten von E-Gitarre bis Likembe, von Akkordeon bis Euphonium, diesen Totentanz in eine Hommage ans Leben wenden.

Auch dafür also könnte das L im Stücktitel stehen. Spricht man ihn aus, dann schwingt im „Requiem pour L.“ das französische Personalpronomen „elle“ mit und hebt das Sterben einer einzelnen Frau heraus aus seiner Singularität. Passend dazu zeigt die Bühne ein Gräberfeld, dessen ansteigende Stelen an das Berliner Holocaust-Mahnmal erinnern. Zwischen und auf ihnen wird vielstimmig gesungen, musiziert, was das Zeug hält, und mit minimalen, sauber platzierten Gesten und locker schwingenden Hüften auch ein wenig getanzt. Selbst wenn sich Klagen und Melancholisches einmischen, bleibt die Stimmung zuversichtlich wie bei den Feiern auf mexikanischen Friedhöfen am „Dia de Muertos“, an dem die Toten mit Speisen und Musik geehrt werden.

Das Publikum feiert die 14 Interpreten

An einem Tag, an dem man hierzulande der Toten gedenkt, nämlich an Allerheiligen, wird man Platels „Requiem pour L.“ übrigens im Stuttgarter Opernhaus erleben können, ebenso an Abenden davor und danach. Victor Schoner, der neue Stuttgarter Opernintendant, fand diesen Blick auf Mozarts letzte, unvollendete Auftragskomposition wohl ebenso spannend wie das Ludwigsburger Publikum. Das feierte die 14 Interpreten mit stürmischem Applaus dafür, dass sie Mozarts Requiem mit Einflüssen aus Jazz und afrikanischer Musik ins Heute holen und dem Tod nicht nur unerhört unverfroren ins Gesicht singen, sondern ihn im Dialog mit den Filmbildern scheinbar aufhalten können. Auf den Gräber liegend kühlen sie gegen Ende die aufgeheizte, an ein Popkonzert erinnernde Stimmung herunter und schaffen Raum für Innehalten, Stille, Rituale der Trauerarbeit, die dem Geschehen auf der Leinwand antworten. Wenn sie für die letzte Szene einen Teil ihrer dunklen Kleidung ablegen und einen treibenden Gummistiefel-Tanz auf die Gräber stampfen, dann hat „Requiem pour L.“ zumindest auf der Bühne ein Happy End.

Bei jeder Aufführung stirbt L. noch einmal

Auf der Leinwand stirbt L. derweil bei jeder Aufführung noch einen Tod. Der Blick in ihr Gesicht, in dem sich Wegdämmern und Wiederauftauchen zu einem nur schwer zu ertragenden Fluidum verdichten, wird manchen Zuschauer noch lange verfolgen. Nicht mehr bunt wie bei der Uraufführung, sondern Schwarzweiß sind nun die Bilder vom Sterbelager; doch die erstrebte Distanz kann den Spielfilmcharakter nicht mindern, die Frage bleibt: Was treibt einen Menschen dazu, sein Sterben öffentlich zu machen, alle Gafferwände wegzufegen? Der Wunsch, ein wenig unsterblich zu werden, so als schenke man seinen Körper dem Plastinator von Hagen? Oder der Versuch, den Tod wieder mehr ins Leben zu rücken, auf alle Fälle aber das Vertrauen in die Kunst eines Alain Platel. Ihm gelingt es, den sterilen Konzeptkunstcharakter der Filmbilder zu brechen. So geräusch- und schmerzfrei, so fern von Ängsten und Qualen ist Sterben nämlich keineswegs. Erst im Dialog mit dem Kulturen verbindenden Bühnengeschehen wird auch der Film zum Grenzgang, der Trennendes verbindet: Glück und Schmerz, Leben und Tod, Diesseits und Jenseits.

Platels „Requiem pour L.“ als Gastspiel an der Staatsoper Stuttgart: am 31. Oktober, 1., 2. und 4. November

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