Afrodeutsche im CDU-Vorstand Paradebeispiel für Integration

Von Karl-Heinz Zurbonsen 

 Foto: StN
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Sie kokettiert gerne mit ihrer Herkunft. Beim CDU-Landesparteitag vor wenigen Wochen rief Sylvie Nantcha in den Saal, dass sie die erste Schwarze im Vorstand ihrer schwarzen Partei sei.

Freiburg - Sie kokettiert gerne mit ihrer Herkunft. Beim CDU-Landesparteitag vor wenigen Wochen rief Sylvie Nantcha in den Saal, dass sie die erste Schwarze im Vorstand ihrer schwarzen Partei sei. Mit so viel Verve ist die Kamerunerin zur Nachwuchshoffnung der Partei aufgestiegen.

Diese Frau hat einiges hinter sich. Im positiven Sinne. Als sie 18 Jahre alt war, zog sie weg von zu Hause, verließ die kamerunische Hauptstadt Jaunde und suchte sich ein neues Leben in Freiburg. Dort machte sie den Doktor in Germanistik, baute die Internationale Graduiertenakademie an der Uni mit auf, fand die große Liebe und gründete eine Familie. Und nun das: Ende November wurde Sylvie Nantcha mit herausragendem Wahlergebnis als Beisitzerin in den Landesvorstand gewählt. Wenige Monate zuvor war sie bereits in den Freiburger Gemeinderat eingezogen. "Es ist mir klar, dass ich wichtige Aufgaben übernommen habe", sagt die gebürtige Kamerunerin, "ich bin mir dieser Rolle bewusst, lasse mich als Politikerin aber nicht auf meine Herkunft reduzieren!"

Der Landesparteitag in Friedrichshafen und die Gemeinderatswahlen in Freiburg: Für die junge Frau bedeuten diese beiden Stationen die vorläufigen Höhepunkte ihrer politischen Karriere. Die junge Frau wurde mit 18 447 Stimmen auf der CDU-Liste in den neuen Freiburger Gemeinderat und mit dem drittbesten Wahlergebnis in den Landesvorstand gewählt. Dort erzielte sie mit 241 Stimmen (70,1 Prozent) das drittbeste Ergebnis von 25 Beisitzern, besser schnitten nur Ex-Finanzminister Gerhard Stratthaus und Umweltministerin Tanja Gönner ab. Ihre Wahl als Beisitzerin kam für alle überraschend - auch für sie selbst. "Ich bin überwältigt von diesem Vertrauen!" Mit so einem Ergebnis habe sie nicht gerechnet, sagt sie, ihr Mann Louis Bernard und ihre Kinder Giovanni (10), Miriam (8) und Marcel-Angel (6) hätten sie fest umarmt und ihr gesagt, dass sie stolz auf sie seien. Den Erfolg in Freiburg und im Landesvorstand will sie nun ummünzen in pragmatische Politik für die Themen Integration, Bildung und Familie. Sie setzt sich ein für optimale Bildungschancen für alle, für die Förderung der Wissenschaftsstadt und ein kinder-, familien- und generationenfreundliches Freiburg und Baden-Württemberg- vor allem aber will sie die Kinderarmut bekämpfen.

Die CDU darf sich über eine, wie sie selbst formulierte, "richtige Schwarze" freuen, die gelebte Integration verkörpert. Neben Studium, Promotion und Heirat in Freiburg hat sie dort auch einen Gospelchor gegründet und sich ehrenamtlich in einer Kirchengemeinde engagiert. "Ich bewege und gestalte gern" - so beschreibt die überzeugte Christin ihren Tatendrang, "ich mache keine halben Sachen!" Auf diesen Weg haben sie ihre Eltern in Kamerun gebracht. Sylvie Nantcha ist in ihrem Heimatland mit sieben Geschwistern in einer angesehenen, christlich orientierten Familie mit jetzt drei Hotels aufgewachsen und groß geworden. Ihre liberalen und fortschrittlichen Eltern haben sie und ihre Brüder und Schwestern immer bestärkt, einen internationalen Bildungsweg einzuschlagen. So kam sie 1992 wegen der Uni, der Nähe zu Frankreich und des mediterranen Klimas nach Freiburg. Die kleinen Rituale des Alltags hat sie sich während dieser Zeit immer erhalten - und gibt sie mittlerweile an die eigenen Kinder weiter. So wird den Nantcha-Kindern jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen. Egal, wie stressig der Tag war.

Sie selbst sieht sich nicht als "exotisches Aushängeschild" und "Alibi-Schwarze", sondern nur als Frau, die viel bewegen will, wenn es um die gemeinsame Zukunft von Deutschen und Migranten geht. Viele Parteikollegen dagegen sprechen von der "neuen christdemokratischen Hoffnungsträgerin", der auch eine Landtags- oder Bundestagskandidatur zugetraut wird. Ob sie durch diese Erwartungshaltung nicht überfordert wird, fragen die anderen. Sie betont: "Wir haben ja mit Bernhard Schätzle und Klaus Schüle zwei hervorragende Persönlichkeiten aus Freiburg im Landtag, die meine volle Unterstützung haben." Weitere Schritte auf der Karriereleiter plant sie nicht - noch nicht. "Ich bin im Gemeinderat und im Landesvorstand frisch gewählt worden. Andere Fragen stellen sich mir nicht", sagt Sylvie Nantcha bei einem Milchkaffee im Freiburger Stadtteil Wiehre. "Jetzt will ich mich erst auf die Themen Integration und Bildung und auf den Aufbau eines Projekts mit berufsbezogener Sprachförderung konzentrieren." Und außerdem: Der Familie gelte ihre größte Aufmerksamkeit.

Sylvie Nantcha lebt in Freiburg jetzt schon länger als in Afrika und besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. "Hier bin ich zu Hause und fühle mich sehr wohl." Sie liebt Spätzle, die dicke Weiße vom Münstergrill, den Weihnachtsmarkt und das herrliche Panorama vom Schlossberg, wandert und reist gerne, geht ins Kino und ins Theater, trifft sich mit Freunden und grillt mit Nachbarn. Ausländerfeindlichkeit ist Sylvie Nantcha nie begegnet. "Ich habe viele positive Erfahrungen gemacht." Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass es viel einfacher sei, sich durch Sprache und soziale Kompetenz zu integrieren. Doch Integration ist für die junge Frau keine Einbahnstraße. Denn dazu gehöre auch die Bereitschaft der Deutschen zum Dialog. In dieser Hinsicht sei man in Deutschland auf einem guten Weg - aber noch lange nicht am Ziel.

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