Sie sehen sich als Vertreter des gesunden Menschenverstandes und als letzte Brandmauer gegenüber den Grünen. Ein Spaziergang mit AfD-Sympathisanten in Baden-Württemberg.
Es waren 18 Männer, die im Gemeindesaal der hessischen Kleinstadt Oberursel die AfD gegründet haben. Das war am 6. Februar 2013. In etwas mehr als zehn Jahren ist die sogenannte Alternative für Deutschland zu einer politischen Kraft geworden, die polarisiert wie kaum eine zweite politische Gruppierung. Wer sind die Menschen, die diese Partei unterstützen?
Die meisten, die in der AfD eine politische Heimat gefunden haben, kennen dieses Wahlplakat: „Asylmissbrauch beenden!“ steht da mit weißer Schrift auf schwarzem Untergrund, gefolgt von einem dicken Ausrufezeichen. Und rot darunter steht „Schein-Asylanten konsequent abschieben.“ Das Plakat stammt von der CDU, geklebt vor der Wahl zur Bremer Bürgerschaft im September 1991. „Was damals ok war, soll heute rechtsextrem sein?“ fragt Frank K.
Ehemals Anhänger der Union
K. gehört zu denen, die früher schwarz gewählt haben. Auf dem Gymnasium habe er mit den Lehrern diskutiert, die größtenteils der 68er Generation angehörten. „Ich war immer konservativ eingestellt, aber es gab die Kraft des Argumentes“, sagt er. Heute sei K. erschüttert, dass die Parteien eine Übereinkunft darin erzielt hätten, die „größte Oppositionspartei“ vom Politikalltag auszuschließen. Seine Prognose: „Das schließt die Reihen bei uns nur noch fester.“
K. sagt „bei uns“, denn seit ein paar Jahren ist er Parteimitglied. Bei den nächsten Kommunalwahlen will er antreten, für den Stadtrat in Lahr. Bis es so weit ist, möchte er seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Das Gespräch am Telefon sei offen gewesen, sagt K., aber er wisse nicht, was der Redakteur dieser Zeitung daraus mache, ob Dinge aus dem Zusammenhang gerissen werden. So etwas geschehe oft. Und dann sagt K. noch etwas: Im Gemeinderat, da könne er sich vorstellen, mit den Grünen zusammenzuarbeiten. Wenn diese einen vernünftigen Antrag stelle – warum denn nicht. Doch ganz grundsätzlich sind die Grünen so etwas wie der politische Megagegner. „Die AfD ist die einzige Partei, die eine Brandmauer gegen die grüne Politik errichtet hat“, sagt er.
Die Grünen sind der große politische Gegner
Hechingen an einem Montagabend. Auf dem Hügel über der Kleinstadt thront die Burg Hohenzollern, der Stammsitz des preußischen Königshauses. Um die 50 AfD-Sympathisanten treffen sich vor dem Rathaus, ziehen gemeinsam ein paar Hundert Meter zum Obertorplatz und wieder zurück. Prada-Jacken stehen neben Handwerkerhosen, Rentner neben Jugendlichen, Frauen neben Männern. Ein Hund ist auch dabei. Auch hier sind die Grünen der große politische Gegner. Ein Plakat fordert, dass die grünen Kriegstreiber doch selbst in den Krieg gehen sollten. Auch hier wollen viele ihren Namen nicht nennen.
Cornelia Moser ist eine Ausnahme. Auf ihrer Jeansjacke lachen bunte Smileys, in der Hand hält sie ein Schild mit der Aufschrift „Unser Land zuerst“. Früher, da habe sie einmal die CDU unterstützt, sagt die 70-Jährige, heute ginge das nicht mehr. Für Cornelia Moser ist die Zuwanderung das wichtigste Thema. Jeder werde aufgenommen und viel zu sehr unterstützt, entrüstet sie sich. Sie selbst habe einmal an Flüchtlinge vermietet, danach sei die Wohnung kaputt gewesen. „Das Maß ist einfach voll.“
Hoffnung auf den Menschenverstand
Niemand hier sei radikal, sagt Kai Rosenstock durch ein Megafon. Der Hechinger Stadtrat gehört zu den Organisatoren der Veranstaltung, die regelmäßig Montag für Montag stattfindet, und die sich aus den Coronademos heraus entwickelt und thematisch erweitert hat. Unlängst hatte der „Spiegel“ die Veranstaltung besucht, und Kai Rosenstock hat gezählt, wie oft in dem Bericht danach die Worte „radikal“ und „extrem“ gestanden haben. Es war oft. „Der mediale Wind weht gegen uns“, sagt er. Aber über kurz oder lang werde sich der gesunde Menschenverstand durchsetzen.
Als Vertreter des gesunden Menschenverstandes sehen sich die meisten hier. Mit Hans-Peter Hörner und Joachim Steyer sind zwei Landtagsabgeordnete gekommen, und dann ist da Anne, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Sie sieht den Menschenverstand vor allem beim Thema Windkraft ausgeknipst. Sie sei auch für Naturschutz, sagt die Frau, aber das, was die Grünen machen, das ginge nun wirklich zu weit. „Vögel werden verhäckselt, das ist doch Wahnsinn“. Früher, da habe sie ÖDP oder SPD gewählt. Lange her.
Wider die Grüne Verbotspolitik
Grüne Doppelmoral beklagt auch Martin Dollas. E-Autos fördern und nicht an die Menschen denken, die Rohstoffe für die Batterien abbauen, das ginge doch nicht. Der Kraftfahrzeugtechniker ist in der Jugendorganisation Junge Alternative engagiert und schimpft ausgiebig gegen die Grüne Verbotspolitik. Diesel, Verbrenner, Heizung. Alles gegen die Menschen, alles gegen den kleinen Mann. Früher, sagt er, da habe er die AfD für rechts gehalten. Jetzt nicht mehr. Dass der Verfassungsschutz die Junge Alternative zurückgestuft habe, von „gesichert extremistisch“ zu einem „Verdachtsfall“, das spreche Bände. Eine Einschätzung, welcher der Verfassungsschutz mit Vehemenz entgegentritt. Es habe lediglich eine Änderung in den Kategorien gegeben, um die des Landes an die des Bundes anzugleichen, sagt ein Sprecher. Den Eindruck zu erwecken, die Jugendorganisation sei nicht so schlimm wie gedacht, das sei aber falsch.
Wer Recht hat, darüber wird in absehbarer Zeit das Stuttgarter Verwaltungsgericht befinden müssen. Martin Dollas jedenfalls sieht in Hechingen ausschließlich „normale patriotische Bürger“. Eine Selbsteinschätzung, die auch Frank K., der Gemeinderatskandidat aus Lahr teilen würde. Dass der Verfassungsschutz den thüringer AfD-Chef Björn Höcke beobachtet, vielleicht sei das richtig, sagt Frank K. „Ich hoffe, dass ihn Alice Weidel unter Kontrolle behält.“ Dass Höcke und seine Anhänger in der Partei die Demokratie aushebeln könnten, diese Gefahr sieht K. aber nicht. Dazu sei unsere Verfassung zu stark. Und überhaupt: „Wenn jemand meint, er müsste den Nationalsozialismus wieder herstellen, dann wäre ich der erste, der dem entgegen tritt.“