Firat Arslan sichert sich vor 6000 begeisterten Box-Fans in Göppingen durch seinen 55. Sieg im 67. Profikampf den WBA-Gold-World-Titel. Es ist der krönende Abschluss einer einzigarten Karriere – doch der 53-Jährige hält sich ein Hintertürchen offen.
Als der Ringrichter nach insgesamt drei Niederschlägen gegen Edin Puhalo den Kampf in Runde sechs abbricht ab, sinkt Firat Arslan mit den Knien voran zu Boden. Seine Frau Dilek stürmt in ihrem orangefarbenen Hosenanzug in den Ring. Doch der Box-Champion nimmt sie zunächst gar nicht wahr. Er hat die Augen geschlossen und betet kurz. Stille Sekunden mitten in einem ohrenbetäubenden Tollhaus.
6000 Fans in Göppingen
Nur wenig später schnappt sich der mit 53 Jahren nun älteste Weltmeister der Box-Geschichte das Mikrofon und bedankt sich voller Emotionen vor den 6000 Fans in der ausverkauften EWS-Arena, die für eine fantastische Stimmung gesorgt hatten: „Danke, an den lieben Gott, danke an meine Frau Dilek, Danke an euch alle, dass ihr gekommen seid und an mich geglaubt habt, obwohl ich schon 53 bin.“
Immer wieder sei er in seiner Karriere abgeschrieben gewesen, ruft er dem Publikum zu, „immer wieder bin ich zurückgekommen“. 1997 hatte er sein Profidebüt gegeben, 2007 war er Weltmeister der World Boxing Association (WBA) geworden durch einen Sieg gegen den US-Amerikaner Virgil Hill. 16 Jahre später holte er sich mit seinem 55. Sieg im 67. Profikampf den WBA-Gold-World-Titel im Cruisergewicht erneut. Damit hat er den Oldie-Rekord von Bernhard Hopkins (USA) geknackt, der mit 48 Jahren Weltmeister wurde.
Ringrichter bricht Kampf ab
Es war ein beeindruckender letzter Kampf von Arslan in seinem „zweiten Wohnzimmer“. Zu Beginn geriet der Süßener, der inzwischen in Donzdorf lebt, gegen den 18 Jahre jüngeren Edin Puhalo in Bedrängnis. Nachdem er seinen Gegner in der zweiten Runde mit einer heftigen Linken zu Boden geschickt hatte, übernahm der Routinier aber die Kontrolle. In Runde sechs dann die Entscheidung. Der K.-o.-König aus Bosnien-Herzegowina (23 Siege, 22 durch K.o) muss selbst zweimal zu Boden, der Ringrichter bricht den Kampf regelgerecht nach insgesamt drei Niederschlägen ab.
„Keine Luft für zwölf Runden“
Aus der Ecke von „Iron Puki“ flog danach noch das Handtuch. Puhalo signalisiert außerdem eine Verletzung am Ohr. Später monierte er Schläge gegen den Hinterkopf, zudem sei sein Trommelfell zerschmettert. Arslan wollte das nicht gelten lassen: „Ich habe fair geboxt und hätte auch Luft für zwölf Runden gehabt. Mein Gegner konnte das Tempo nicht halten, das habe ich schon nach drei Runde gemerkt. Er hatte die Elite noch nicht vor seinen Fäusten.“
Doch damit kein falscher Verdacht aufkommt: Puhalo erkannte die Niederlage an, zeigte sich auch nach seinem technischen K.o. voller Hochachtung gegenüber dem Deutsch-Türken. „Mein Respekt vor Firat ist und bleibt riesig, weil er ein so großer Kämpfer ist“, sagte der Bosnier. Deshalb habe er seinem eigenen Sohn auch den Namen Arslan gegeben.
Einschulung verpasst
Der neue Champion hatte sich in der Vorbereitung acht Wochen lang im Höhentrainingslager in Ostanatolien geschunden. Sogar die Einschulung seiner Zwillingstöchter Melisa und Lina Sükran hatte er verpasst. Selbst nach seiner Rückkehr schottete er sich von seiner Familie ab, zu der auch Sohn Bilal (4) gehört: „Ich wollte jegliches Risiko einer Erkältung vermeiden, wäre der Kampf geplatzt, hätte das ein finanzielles Fiasko für mich bedeutet.“
Kommt noch ein Top-Angebot?
So aber lief alles perfekt, Arslan hat alles richtig gemacht und darf den Triumph zurecht genießen. Es war definitiv sein letzter Kampf in der EWS-Arena in Göppingen. Doch was sein endgültiges Karriereende betrifft, ließ er sich ein Hintertürchen offen. „Wenn ein Top-Angebot für eine Doppel-WM aus den USA, Großbritannien, Frankreich oder Australien kommen würde, müsste ich ein Narr sein, wenn ich es nicht annehmen würde“, sagte Arslan und bekam Rückendeckung von seinem Trainer Ted Lackner: „Wenn’s nach mir geht, kann Firat weiterboxen.“
Unabhängig davon wird er seiner Sportart erhalten bleiben. In vielfacher Hinsicht. Er wird weiterhin Box-Veranstaltungen für Nachwuchssportler organisieren und als Trainer, Manager und Berater arbeiten. Einmal im Jahr werde es eine Firat-Arslan-Boxnacht geben. Zudem hat er eine Sportschule und den Verein Boxschule Firat Arslan gegründet. Dort will er seine wichtigste Botschaft weiter transportieren: „Wer fleißig ist, wird auch dafür belohnt. Disziplin, Durchhaltevermögen und Toleranz zahlen sich aus.“
Zu vorgerückter Stunde in der Nacht von Samstag auf Sonntag richtete sich sein Blick mit seinem größten Zukunftswunsch noch einmal zu Ehefrau Dilek: „Ich möchte unseren Kindern der Vater sein, den ich nicht hatte.“