Friedrich Krauter auf der Narbe des Windrads in 70 Metern Höhe. Foto: Frank Rodenhausen

In der Zeit bis Weihnachten öffnen wir jeden Tag ein Türchen, das normalerweise für die meisten Menschen verschlossen ist. Am 14. Dezember sind wir in und auf einem Windrad im Welzheimer Wald.

Welzheim - Keine Höhenangst, kein Herzschrittmacher, einigermaßen gute Kondition, nicht zu großer Bauchumfang (auch nicht schwanger) – Friedrich Krauter hat die Voraussetzungen für den Aufstieg in dem Windrad am Welzheimer Weiler Aichstrut vorsorglich in einem Merkblatt zusammengefasst. Eine simple Aluminiumleiter führt 70 Meter senkrecht in die Höhe, zwischendrin gibt es zwei blecherne Zwischenplattformen. „Ohne Pause hat das noch keiner geschafft“, sagt der technische Betriebsleiter. „Wenn Sie nicht mehr können, bitte Bescheid sagen, dann kehren wir lieber wieder um.“

Komfortabel sieht anders aus

Umkehren ist wohl nicht ganz der richtige Ausdruck, denn viel Platz zwischen Leiter und Windradröhre gibt es nicht. Trotzdem gibt der Karabinerschlitten, der an einem Drahtseil mit nach oben wandert und an einem Geschirr befestigt ist, das man sich zuvor um den Körper hat, ein beruhigendes Gefühl. Denn die Strecke in Richtung „Maschinenraum“ entpuppt sich als deutlich länger als gedacht.

Auch wenn man nicht nach oben oder unten schaut – Lunge, Arm- und Beinmuskeln geben eine entsprechende Rückmeldung. Und spätestens am Einstieg zur Gondel, in der sich Getriebe, Kühlung und Elektrik befinden, weiß man, warum ein größerer Bauchumfang auch bei guter Kondition hinderlich wäre – ein komfortabler Einstieg sieht anders aus.

Das Welzheimer Windrad, das vor ziemlich genau 13 Jahren in Betrieb gegangen ist, ist das erste seiner Art im Rems-Murr-Kreis – und bisher auch das einzige. „Die neuen Binnen-Windräder sind fast doppelt so hoch“, sagt Friedrich Krauter, „und in der Regel mit einem Aufzug ausgestattet.“

Für die Bürgerwind Welzheim, die das Windrad betreibt, sei ein solcher schon aus Kostengründen nicht infrage gekommen. „Ich muss wahrscheinlich hier noch hochkraxeln, bis ich 80 bin“, sagt Krauter, heute immerhin schon 67 Jahre alt, die man ihm aber überhaupt nicht ansieht.

Führungen sind für den Elektrotechniker im Ruhestand nicht sein ehrenamtliches Hauptgeschäft, der Beutelsbacher, der einst über den Solarverein Waiblingen zur Initiative Erneuerbare Energien Welzheimer Wald gekommen ist, die schließlich die Bürgerwind Welzheim GmbH & Co. KG gegründet hat, kümmert sich um die Wartung der Anlage. Auch wenn mal eine Sicherungs rausknallt oder aus anderen Gründen die Notbremse aktiviert worden ist, muss er den anstrengenden Weg nach oben antreten.

Grandiose Aussicht in luftiger Höhe

Dort freilich entschädigt eine grandiose Aussicht, die bei gutem Wetter bis zur Schwäbischen Alb reicht, für die Mühen. Wer dazu durch die kleine Dachluke auf die Nabe klettert, an der der Rotor mit seinen 54 Metern Durchmesser befestigt ist, sollte freilich spätestens jetzt schwindelfrei sein.

Ein Geländer oder gar eine Plattform gibt es nicht, rechts und links der Luke hat sitzend jeweils gerade eine (nicht zu dicke) Person Platz. Den Karabiner hakt jeder unverzüglich und unaufgefordert in das einzige Eisenrohr ein, das vor einer kleinen Wetterstation befestigt ist – nicht nur, weil der Turm im Rhythmus des Rotors spürbar hin und her schwankt.

Friedrich Krauter lässt seinen Blick schweifen und zeigt an verschiedene Stellen am trüben Horizont. In den vergangenen Jahren seien im Nachbarlandkreis Schwäbisch Hall doch ein paar Windräder hinzu gekommen, sagt er. Im Norden sieht man die neuen Speicherwindräder von Gaildorf.

Auch im Rems-Murr-Kreis tue sich trotz erheblicher Widerstände, die seinerzeit auch die Welzheimer zu spüren bekommen haben, etwas. Bei gutem Wetter könne man von hier aus den Bau der drei von der EnBW betriebenen Windräder auf dem Goldboden bei Winterbach verfolgen.

Nein, traurig sei man gewiss nicht, künftig nicht mehr das einzige „Windrädle“ im Kreis zu haben, betont Friedrich Krauter. So habe sich die zum Teil mühevolle Pionierarbeit doch gelohnt. Finanziell wäre man zufrieden, wenn man ohne Verluste über die Runden komme.

Pro Jahr werden durchschnittlich 800 000 Kilowattstunden Strom produziert, was immerhin für die Versorgung von gut 200 Haushalten reicht. Der Kredit für den Bau sei seit drei Jahren abbezahlt, jetzt könne man sich an die Rückzahlungen der Anteilseigner machen. Aber damit die Rechnung am Ende auch aufgeht, müsse das „Windrädle“ schon noch ein paar Jahre laufen – 30 sind insgesamt kalkuliert.

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