Kurz vor dem Auftritt: halb Faun, halb Marco – halb Winterkönigin, halb Lidia. Foto: Ines Rudel

In der Zeit bis Weihnachten öffnen wir jeden Tag ein Türchen zu einem interessanten Ort in der Region Stuttgart. Am 11. Dezember lassen uns Gaukler auf dem Esslinger Mittelaltermarkt hinter die Kulissen blicken – mit Vorher-/Nachher-Effekten ihrer Verwandlungskunst.

Esslingen - Nein, das Bild vom hässlichen Entlein, das sich in den strahlenden Schwan verwandelt, würde den Tatbestand der Beleidigung erfüllen. Bei Lidia, der eleganten Lady von Sealand sowieso. Aber auch bei Janana, der Tänzerin oder bei Katrin, der zierlichen Federfee. Auch an Marco Mauser oder Bijan, dem Spielmann, lässt sich beim besten Willen nichts finden, was an einen plumpen Wasservogel erinnern würde.

Und doch: Wenn sich die Künstlerinnen und Künstler des Esslinger Mittelalter- und Weihnachtsmarkts für ihren Auftritt zurecht machen, dann geschehen wundersame Verwandlungen. Hinter verschlossenen Türen wird Marco zum geheimnisvollen Faun, Lidia zur eiskalten Winterkönigin und Katrin zur lieblichen Federfee.

Der Raum, in dem sich die Metamorphosen vollziehen, hat schon viele Verwandlungen gesehen. Auch schon, bevor sich das Mittelalter seiner bemächtigt hat. Die Künstler haben sich im Erdgeschoss eines ehemaligen Brautmodengeschäftes breit gemacht. Es ist noch nicht so lange her, da haben sich hier reihenweise junge Frauen in strahlende Bräute verwandelt.

Karneval der kleinen Leute

Statt der Brautkleider hängen nun Faun- und Sternenfeekostüme an den Kleiderständern. Auf dem orangeroten Linoleumboden liegen Fackel und Degen, an den Wänden lehnen High-Tech-Stelzen und mitten im Raum steht verlassen ein mittelalterlicher Handwagen. In jeder Ecke ist ein provisorischer Schminktisch aufgebaut, mit dazugehöriger Spiegelfront.

Eine Stunde, bevor die Schau auf dem Esslinger Mittelaltermarkt beginnt, füllt sich der ansonsten schmucklose Raum mit schrillen Gestalten. Der Charivari-Umzug steht auf dem Programm. „Das war im Mittelalter der Karneval der kleinen Leute“, sagt Jacek, der Chef der Truppe. Er muss sich nicht lange umziehen. Er taucht nicht nur seit 18 Jahren ins Esslinger Mittelalter ein – er ist das Mittelalter. „Man muss dem Lebensgefühl Ausdruck geben“, sagt er.

Lidia ist mittlerweile damit beschäftigt, ihrem Gesicht einen eher eisigen Ausdruck zu geben. Als Lidia Buonfino ist sie zur Türe hereingekommen, als Winterkönigin Celeste wird sie in einer Stunde wieder ins Freie treten und auf ihren Stelzen über das mittelalterliche Pflaster tanzen.

In der anderen Ecke bereitet sich Janana auf den Umzug vor. Die gelernte Heilpraktikerin ist Tänzerin, Stelzenläuferin und Luftartistin. Auf der Bühne spielt sie gerne mit dem Feuer. „Körperwahrnehmung, Körperbewusstsein und Präsenz – das sind Erfahrungen, die auch in der Arbeit einer Heilpraktikerin eine große Rolle spielen“, sagt sie.

Auch Bijan der Spielmann legt zwar ein Kostüm an, macht aber ansonsten das, was er auch im „normalen“ Leben am besten kann: Er entlockt nahezu jedem Blas-und Saiteninstrument die allerlieblichsten Töne. Noch weniger lässt sich bei Marco, dem Faun, das Alltags- und Bühnenleben auseinanderhalten. „Ich bin Überlebenskünstler“, lautet seine lapidare Antwort auf die Frage nach dem Brotberuf.

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Von der Mediendesignerin zur Federfee

Katrin, die gelernte Mediendesignerin, ist inzwischen ganz Fee geworden. Ein herzhafte Griff noch in den Beutel mit den weißen Federn, die sie gleich ins Publikum streuen wird, dann geht es los. Bijan spielt auf und Lidia, Jacek, Katrin, Janana und Marco beginnen in seinem Gefolge ihr Gauklerspiel. „Man muss die Illusion wahren, es hätte so sein können“, sagt Jacek. Ja, genau so hätte es sein können.

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