Zu Hause in der Fiktion, nicht im Aktivismus: Adania Shibli Foto: mauritius images/Alamy Stock Photos/Marco Destefanis/Alamy Stock Photos/Marco Destefanis

Um den Roman „Eine Nebensache“ von Adania Shibli ist ein Streit entbrannt, weil ihm Israelhass vorgeworfen wurde. Eine geplante Preisverleihung ist bis heute verschoben worden. Im Literaturhaus Stuttgart hat die palästinensische Autorin Stellung bezogen.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Roman erst überall gefeiert wird und dann in den Strudel einer Stimmungslage gerät, der ihn plötzlich als ein ganz anderes Buch wieder hinausschleudert. Was gerade noch als „streng durchkomponiertes Kunstwerk“ galt, „das von der Wirkmacht von Grenzen erzählt und davon, was gewalttätige Konflikte aus Menschen machen“, sollte plötzlich das Dokument eines ideologischen, menschenverachtenden Antisemitismus sein. Dem Roman „Eine Nebensache“ der palästinensischen Autorin Adania Shibli ist genau dies widerfahren.

 

Er erschien bereits 2017, fünf Jahre später in deutscher Übersetzung, und greift den Fall der Vergewaltigung und Ermordung eines Beduinenmädchens auf, begangen von israelischen Soldaten ein Jahr nach Gründung des Staates Israel. „Eine Nebensache“ war für zahlreiche internationale Preise wie den National Book Award nominiert, erhalten hat der Roman im vergangenen Jahr den LiBeraturpreis, der auf der Frankfurter Buchmesse verliehen werden sollte.

Vernichtende Besprechung

Dann kam der Terrorangriff der Hamas auf Israel – und drei Tage später eine vernichtende Besprechung in der „taz“. Auf der Basis äußerst anfechtbarer literarischer wie außerliterarischer Interpretationen unterstellte der Rezensent dem Roman judenfeindliche Klischees und seiner Autorin, eine engagierte BDS-Aktivistin zu sein. Unter anderem gegen diese Behauptung ging die Autorin juristisch vor. Ohne Erfolg, das Landgericht Hamburg wertete die beanstandeten Formulierungen und Passagen als zulässige Äußerungen im Rahmen der Meinungsfreiheit. Genau gegen diese verstieß dagegen in den Augen vieler Kritiker die Frankfurter Messeleitung, als sie kurzfristig die Preisverleihung abgesagt hatte, bis heute ist kein neuer Termin anberaumt.

Die Autorin selbst hüllte sich weitgehend in Schweigen, bis auf einen Text, den sie kürzlich für die neue Online-Literaturzeitschrift „Berlin Review“ geschrieben hat. Doch nach dieser langen Vorgeschichte ist es endlich Zeit, sie auf dem Podium des Stuttgarter Literaturhauses zu begrüßen, wo sie zusammen mit ihrer Lektorin Beatrice Faßbender und dem Nahostexperten und früheren „Weltspiegel“-Moderator Jörg Armbruster über das spricht, worum es in der Affäre um den Roman eigentlich gehen sollte: das, was Literatur von allen anderen Äußerungsformen unterscheidet.

„Relevant wird Literatur nicht, wo sie Veränderungen bewirkt, sondern dort, wo sie Intimität und Nachdenken ermöglicht“, hatte Shibli in dem erwähnten Essay geschrieben. Das klingt nicht nach dem Programm einer literarischen Aktivistin. Immer wieder versucht Jörg Armbruster die Autorin behutsam auf das politische Terrain zu locken, mit Fragen zur Rolle des toxischen israelischen Kommandeurs, der von einem Insektenbiss angestachelt das Verbrechen begeht, oder zu dem realen Fall, der dem Roman zugrunde liegt. Doch der Schauplatz, auf dem Adania Shibli agiert, ist nicht der von Bekenntnissen, Meinungen, Positionierungen. Es ist die Sprache. Sie vergleicht sie mit der Beziehung zu einem Menschen: Man benutze, instrumentalisiere ihn nicht, sondern erlaube ihm, zu sein, wie er ist, verbringe Zeit mit ihm.

Freiheitsraum der Literatur

Zwölf Jahre hat sie an den knapp 120 Seiten ihres Buchs gearbeitet. Und als hätte die Zeit jede Nebensächlichkeit aus dem Text getilgt, erscheint alles in unheimlicher Klarheit gleich bedeutsam. In ausgewählten Passagen macht die Sprecherin Marit Beyer das beklemmende atmosphärische Eigenleben erfahrbar. Geschildert wird das Geschehen von zwei Seiten: der visionären Objektivität eines über dem flimmernden Wüstensand schwebenden Erzählers und der nicht minder visionären Ich-Perspektive einer Toten. Bei ihr handelt es sich um eine im Jahr der Tat geborenen Palästinenserin, die Jahrzehnte später dem Geschehen nachgeht und im Gewirr von Sperrzonen von einem israelischen Grenzpolizisten erschossen wird.

Normalerweise folge man bei der Rekonstruktion eines Verbrechens immer den Spuren des Täters, sagt Adania Shibli, sie habe die Möglichkeiten der Fiktion dazu genutzt, auch den Spuren des Opfers zu folgen. Dies rührt an die grundsätzliche Frage, wie man in einem Land, in dem das eigene Dasein eine einzige Fiktion ist, schreibt. Shibli zitiert die frühere israelische Premierministerin Golda Meir, die gesagt hat, Palästina existiere nicht. „Dann bleibt eben nur die Literatur, wo die Fiktion zu Hause ist. Die literarische Sprache ist der einzige Ort, an dem ich existieren kann und wo man nichts zerstört.“ Ob das mit einer Form der Ermächtigung zu tun habe, fragt Jörg Armbruster. „Nein, mit Menschlichkeit.“

Die realen Grenzen, die ihrer Protagonistin zum Verhängnis werden, durchbricht die Literatur: „Die Arbeit an der Sprache ist immer eine gemeinsame“, sagt Adania Shibli, „es geht darum, die Begrenzung des Selbst zu anderen Menschen hin zu überschreiten.“ Das ethische Motiv, das sie existenziell mit diesem Freiheitsraum verknüpft, ist das schiere Gegenteil jeglicher agitatorischen Indienstnahme. Dies zu verkennen, bedarf es eines gehörigen Maßes jener Bekenntniskultur und Komplexitätsreduktion, die Stefanie Stegmann, die Leiterin des Literaturhauses, in ihrer Begrüßung als Signatur der Zeit erwähnt hat.

Stellt man Shiblis Roman ins Licht des intimen Nachdenkens über Literatur und nicht ins Flackern des auf allen Seiten eskalierenden Kriegsgeschehens, könnte man sich nach diesem Abend mit gutem Grund fragen, ob man es hier statt mit einem Literaturskandal nicht vielmehr mit einem des literarischen Lebens zu tun hat. Beatrice Faßbender schildert die Anfeindungen und Verletzungen, denen die Autorin und der Verlag durch die fahrlässig in die Welt gesetzten, auf Wirkung berechneten Bezichtigungen ausgesetzt waren. Und man staunt, wie viel auch in professionellen Lesekreisen offenbar nur über das Hörensagen funktioniert.

Info

Autorin
Adania Shibli, geboren 1974 in Palästina, schreibt Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichten und Essays und ist zudem in der akademischen Forschung und Lehre tätig. „Eine Nebensache“ ist ihre erste Buchveröffentlichung auf Deutsch, die englische Übersetzung war für den National Book Award (2020) sowie für den International Booker Prize (2021) nominiert. Adania Shibli lebt in Palästina und Deutschland.

Vorwürfe
Über einen von Shibli verfassten Artikel von 2009 schrieb die „taz“, sie philosophiere über „explosives Kulturgut“ und „Sprengstoffe“. Offenbar handelt es sich dabei um einen Übersetzungsfehler und die Verkennung eines metaphorischen Sprachgebrauchs, gemeint waren Silvesterkracher. Dreimal findet sich ihr Name in Verbindung mit der Israel-Boykott-Bewegung BDS: 2007 unterschrieb sie einen Aufruf, 2011 saß sie mit einer BDS-Vertreterin auf einem Podium, 2019 protestierte sie mit vielen anderen Autoren gegen die Aberkennung des Nelly-Sachs-Preises für Kamila Shamsie.