Theodor Heuss starb am 12. Dezember 1963 im Alter von 79 Jahren, ein halbes Jahrhundert später gedenkt Bundespräsident Joachim Gauck seines ersten Vorgängers an dessen Grab auf dem Stuttgarter Waldfriedhof. Foto: Leif Piechowski

Aus Anlass des 50. Todestags von Theodor Heuss, des ersten Staatsoberhaupts der Bundesrepublik, hat Bundespräsident Joachim Gauck Stuttgart besucht. Bei einer Rede in der Universität präsentierte sich Gauck als Gegner von Volksentscheiden.

Aus Anlass des 50. Todestags von Theodor Heuss, des ersten Staatsoberhaupts der Bundesrepublik, hat Bundespräsident Joachim Gauck Stuttgart besucht. Bei einer Rede in der Universität präsentierte sich Gauck als Gegner von Volksentscheiden.

Stuttgart - Der gebürtige Rostocker Joachim Gauck fühlt sich wohl in Stuttgart, „wie zu Hause“ – ein Bekenntnis, das ihm bei seiner Rede am Donnerstag in der Universität Stuttgart gleich zwei Mal über die Lippen kommt. Ja, der Bundespräsident zeigt sich gut gelaunt vor den rund 700 Gästen im großen Hörsaal des Kollegiengebäudes II – 300 weitere hören ihm auf Videowand in einem kleineren zu. Ein Termin, der ihm sichtlich am Herzen liegt – und der ihn die Anstrengungen der letzten Tage locker vergessen lässt. Am Dienstag ist er bei der Trauerfeier für Nelson Mandela in Johannesburg gewesen, am Mittwoch bei einem Festakt aus Anlass des 100. Geburtstags von Willy Brandt in Lübeck. Ein runder Jahrestag führte Gauck jetzt in die Landeshauptstadt – vor 50 Jahren, am 12. Dezember 1963, starb Theodor Heuss, erster Präsident der Bundesrepublik und bis heute der Inbegriff des idealen Staatsmanns.

Gaucks Gedächtnisvorlesung wird über weite Teile zu einem flammenden Plädoyer gegen Volksentscheide – der Bundespräsident sieht sich in seiner Auffassung auf einer Linie mit Heuss, der auch schon für eine repräsentative Demokratie plädiert und plebiszitäre Elemente für schädlich gehalten habe. In Gaucks Argumentation fehlt die Hochachtung für die Motive von Basisbefragungen keineswegs – das SPD-Mitgliedervotum hält er für ein „attraktives Beispiel“, relativiert die Aussage aber mit dem Nachklapp „wie die meisten finden“. Und setzt dann zum Schlag gegen Volksentscheide an: Dadurch drohe die Missachtung der Minderheit durch eine Mehrheit. „Der Glaube, Volksentscheide begünstigten eine tolerante und demokratische Politik, erweist sich gelegentlich als Irrglaube.“ Volksentscheide würden auch von populistischen und antiliberalen Gruppierungen angestrengt.

Gauck: „Glücksfall für Deutschland“

Für diese These hat Gauck auch gleich ein abstoßendes aktuelles Beispiel zur Hand: In Kroatien hätten zwei Drittel der Wähler dafür gestimmt, ausschließlich das traditionelle Ehemodell in die Verfassung zu schreiben. Nein, für Volksentscheide ist dieser Bundespräsident nicht zu haben, mögen CSU und SPD damit auch noch so sehr liebäugeln. „Der Ort des Kompromisses, aber auch der Differenzierung, ist das Parlament.“ Volksentscheide, warnt Gauck, kennen nur ein Ja oder Nein und keinen Kompromiss.

Vor seinem Auftritt in der Uni hatte Gauck auf dem Waldfriedhof einen Kranz zu Ehren von Theodor Heuss niedergelegt. Gauck würdigte das erste Staatsoberhaupt der Bundesrepublik als „einen Glücksfall für Deutschland“. Nach 1945 habe Heuss einer zerstörten Gesellschaft „Gesicht, Seele und Form gegeben“. Gauck wurde unter anderem von OB Fritz Kuhn und dem baden-württembergischen Innenminister Reinhold Gall zum Grab von Theodor Heuss geleitet.

„Schreiben war seine Passion“, so Gauck über seinen ersten Vorgänger. Davon zeugten rund 60.000 Briefe, die der frühere Bundespräsident (1949 – 1959) in seinem Leben geschrieben habe. „Ich musste dreimal auf die Zahl schauen, um sie zu glauben.“ Die Gedenkfeier fand am Nachmittag bei Posaunenklängen und mit rund 50 Gästen statt, darunter die Enkel Barbara Babic-Heuss und Ludwig Theodor Heuss mit ihren Familien sowie der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner und der Kuratoriumsvorsitzende der Heuss-Stiftung, Wolfgang Gerhardt.

Ein Präsident fürs Volk ganz im Sinne von Heuss will Gauck sein. Die Stuttgarter hat er jedenfalls in sein Herz geschlossen. Das Publikum in der Uni applaudierte ihm stehend, und gerührt bekannte er: „Ich mag das, wenn Bürger um mich sind.“

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