Foto: Gottfried Stoppel

Techniker, Tüftler, Ingenieure haben Daimler groß gemacht. Viele von ihnen haben Herzblut ins Unternehmen investiert. Einer von ihnen ist Harald Allgayer. Früher war er auf seinen Arbeitgeber stolz, heute leidet er an Daimler.

Stuttgart/Affalterbach - Alles, was Harald Allgayer anpackt, hat Hand und Fuß, wirkt überlegt und durchdacht. Sei es die Anordnung seiner Kanus in der Garage, die Befestigung der Weinreben im Garten oder die Platzierung der selbst geschnitzten Neidköpfe über dem Eingang seines Hauses in Affalterbach, wo er mit seiner Frau Margot lebt. Die Holzmasken sollen böse Geister abweisen. Abergläubisch ist der Hausherr nicht. Ihn fasziniert die Schnitztechnik – überhaupt alles, was durch Handwerk und Technik entsteht.

Der Mann mit dem weißen Haar und dem knitzen Lächeln verkörpert jenen Perfektionismus, den man den sprichwörtlichen Tüftlertypen in dieser Region nachsagt. Nicht zu verwechseln mit Pedanterie. Menschen wie Harald Allgayer stehen für ein Arbeitsethos der Genauigkeit nach dem Motto: Wer im Kleinen sauber schafft, bringt’s zu was.

Diese Einstellung hat den gebürtigen Cannstatter („Ich bin mit Cannstatter Mineralwasser getauft worden“) früh zu Daimler geführt. Als 14-Jähriger fing er 1957 als Werkzeugmacherlehrling in Untertürkheim an, 1961 schloss er die Lehre als Werkzeugmacher ab. Dann zog’s ihn ans Meer. Allgayer musterte bei der Handelsmarine an und diente in der Bundesmarine. Über den zweiten Bildungsweg studierte er Maschinenbau in Emden. Mit dem Ingenieurabschluss in der Tasche ging’s 1968 zurück zum Daimler. Anfangs arbeitete er in der Flugtriebwerkentwicklung in Untertürkheim. Später war er am Aufbau des neuen Bereichs Produktvorplanung beteiligt.

Ein Leben lang mit Motoren zu tun gehabt

Allgayer entwickelte und bearbeitete Prototypen: Getriebe, Achsen – vor allem Motoren. Auch Wankelmotoren, die 1975 nach sechs Baustufen aus dem Verkehr gezogen wurden. Die Motoren liefen hervorragend, doch die Abgaswerte waren zu hoch. „Mein ganzes Leben lang hatte ich mit Motoren zu tun“, sagt der 74-Jährige – auf vielen Ebenen und an vielen Orten. Als Aggregateplaner des Motorenwerks Untertürkheim stellte er dem damaligen Neueinsteiger und Bereichsleiter „G“-Klasse im Nutzfahrzugbereich Mustermotoren vor. Der Name des Bereichsleiters: Dieter Zetsche.

1998, nach 40 Jahren Betriebszugehö­rigkeit, ging Allgayer in Rente. Techniker, Ingenieur und Mitdenker ist er bis heute geblieben, vor allem ein Daimler-Mann. „Mir ist der Stern eingebrannt“, sagt er, als spreche er von einer hohen Auszeichnung. Umso mehr beschäftigen ihn die Schlagzeilen, in die das Unternehmen durch den Dieselskandal geraten ist. „Das schmerzt“, sagt All­gayer. „Ich schäme mich.“ Die Vorgänge in der Autoindustrie nimmt er persönlich. Wie eine Verletzung, die man ihm, dem Ingenieur und Motorenspezialisten, zugefügt hat. Allgayer gehört nicht zu denjenigen, die die Verantwortung dafür bei den anderen suchen – bei den Medien oder bei organisierten Umweltschützern. Er ist der Meinung, dass die Automobilindustrie, Daimlereingeschlossen, die Weichen falsch gestellt hat. Die Entscheidung der Autokonzerne, einen Bereich nach dem anderen auszulagern, um Kosten zu sparen, habe einen „Kulturwandel“ zum Negativen hin bewirkt. Die Zulieferer stünden heute unter enormem Kostendruck. „Sie haben die Wahl: friss oder stirb.“ Die Motoren und Fahrzeugteilelager stünden auf den Autobahnen „und verstopfen die Straßen“.

„Wir haben sauber gearbeitet“

Früher war nicht alles besser, aber vieles, meint Allgayer. „Die Abgasrückführung lag zu 85 Prozent bei Daimler selbst.“ Das Unternehmen hatte die Hände drauf. „In den 70er Jahren haben wir die damals schon strengeren Vorschriften auf dem US-Markt erfüllt. Wir haben sauber gearbeitet“, sagt Allgayer. Die Umwelt wurde immer wichtiger. Allgayer arbeitete an der Umstellung vom Einweg- auf den Drei-Wege-Katalysator mit. Ehe dieser 1987 Pflicht wurde, hatte er sich bereits einen VW-Bus in der USA-Version zugelegt und dafür 2000 Mark mehr bezahlt. Aus Überzeugung. „Ich war schon grün, als es die Grünen noch gar nicht gab“, sagt der Ingenieur. Ein lebender Beweis, dass Technik und Umweltschutz kein Gegensatzpaar bilden.

Kulturwandel durch die „Schlanke Produktion“

Ein Schlüsselerlebnis hatte Allgayer in der Zeit, als er zur See fuhr. Er sollte Schweröl-Rückstände ins Meer pumpen. Das war so üblich. Damit wollte er nichts zu tun haben. Er gab die Seefahrt auf: „Es geht um unsere Umwelt!“, lautet sein Credo. Immer schon. Heute paddelt der Naturliebhaber regelmäßig auf dem Neckar und freut sich, dass der Fluss immer sauberer wird.

Bei seinem Ausscheiden bei Daimler 1998 war der von ihm beklagte Kulturwandel bereits „voll im Gange“. Viele Ältere seien damals aus dem Unternehmen rausgedrückt worden, sagt er. Die Bundesregierung hatte ein Frühverrentungsprogramm aufgelegt. Der personelle Aderlass bei Daimler war erheblich. „Das ging zulasten der Qualität“, sagt Allgayer. Er erinnert sich, wie ein SLK- Motor auf dem Serienprüfstand abbrannte, weil ungeeignete Werkstoffe freigegeben worden waren.

Der Beginn dieses Wandels lässt sich nach Allgayers Erinnerung datieren: „Anfang der neunziger Jahre erhielten Daimler-Direktoren zu Weihnachten ein wegweisendes Buch geschenkt.“ Titel: „Die zweite Revolution in der Autoindustrie: Konsequenzen aus der weltweiten Studie des Massachusetts Institute of Technology“ von James P. Womack, Daniel T. Jones und Daniel Roos. Thema war die „schlanke Produktion“. Das Buch galt fortan als „Pflichtlektüre für jeden, der sich mit der Zukunft des Automobils befasst – nicht nur bei Daimler“.

Der Ingenieur beklagt „skrupellose Tricks“

Die Folgen sind heute zu besichtigen, meint Allgayer: „Die Sparkommissare geben die Richtung vor.“ Konkret beklagt er: massive Auslagerungen, Abwanderung von Wissen in den Fachbereichen und hoher Kostendruck auf die Zulieferer. Mit Blick auf den Dieselskandal urteilt der alte Daimler-Mann hart: „Automobilfirmen sehen ihre Gewinnmarge schwinden. Deshalb wollen sie mit skrupellosen Tricks die Abgasgesetze umgehen.“ Über den Ausgang des Berliner Autogipfels vergangene Woche schüttelt er den Kopf: „Den Kunden wird Sand in die Augen gestreut“, sagt er. Entscheidend für eine deutliche Reduzierung der Stickoxide seien moderne Katalysatoren mit entsprechenden Sensoren. „Und das ist kosten­intensiv.“

An die Zukunft des Diesels glaubt Allgayer übrigens immer noch. Der Mann, der mit dem Stern verwachsen ist, glaubt auch weiterhin an Daimler: „Dort arbeiten intelligente Menschen.“ Aber es müsse sich etwas Grundlegendes ändern. „Es braucht einen Kulturwandel in die andere Richtung. Es muss wieder menschlicher und ehrlicher zugehen, nicht nach dem Motto: Sie predigen Wasser und trinken Wein.“ Immer wieder trifft sich Allgayer mit Kollegen von früher. Mit seiner Meinung steht er nicht alleine.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: