Die Städte Böblingen und Sömmerda (Thüringen) haben am Dienstag das 35-jährige Bestehen ihrer Partnerschaft gefeiert. Beim Festakt ging es auch darum, Demokratie zu leben und sie zu schützen. Klaviermusik und Gesang gab es von der 15-jährigen Emily Yue aus Holzgerlingen.
Vor 35 Jahren, am 16. Mai 1988, schoben Böblingen in der Bundesrepublik Deutschland und die thüringische Stadt Sömmerda – damals noch in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) – die deutsch-deutsche Freundschaft ein Stückchen voran. Gute 18 Monate vor der Wende unterzeichneten der damalige Böblinger Oberbürgermeister Alexander Vogelgsang und Sömmerdas ehemaliger Bürgermeister Manfred Hölzer die Städtepartnerschaft – und waren damit Vorreiter. Vor Böblingen schlossen nur drei baden-württembergische Kommunen Partnerschaften mit den ostdeutschen Nachbarn.
Was Böblingen und Sömmerda verbindet, ist nicht nur das Ö im Namen. Auch die Computer- und Automobilindustrie sowie die Geschichte der Bauernkriege teilen sich die beiden Städte. Dreieinhalb Jahrzehnte später haben beide Städte andere Oberhäupter, doch die Herzlichkeit zwischen den innerdeutschen Freunden war auch bei dem amtierenden OB Stefan Belz und dem langjährigen Sömmerdaer Bürgermeister Ralf Hauboldt zu spüren, als sie am Dienstag im Wolfgang-Brumme-Saal des Alten Rathauses den Festakt zum Jubiläum der Partnerschaft begingen.
„Auseinanderentwickeln stoppen“
Doch ist für die jüngere Generation, die immer in einem geeinten Deutschland gelebt hat, ein Austausch mit einer Stadt im gleichen Land noch relevant? Ja, ist sich Alt-OB Vogelgsang sicher, der es sich nicht nehmen ließ mitzufeiern: „Man liest ja allenthalben, dass die Menschen im Osten und im Westen des vereinten Deutschlands das Leben unterschiedlich wahrnehmen.“ Bei Deutschen, die in der alten DDR sozialisiert worden seien, spüre man oft andere Hoffnungen und Ziele. „Die ursprüngliche Absicht der Städtepartnerschaft, das Auseinanderentwickeln der Ost- und Westdeutschen zu stoppen, weiter aktuell.“
Es sei ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur, die es hochzuhalten gelte, dass sich auch die nachfolgenden Generationen damit auseinandersetzten, dass es nicht selbstverständlich sei, dass Deutschland heute ein geeintes Land sei. „Dafür waren viel Engagement und oftmals persönliche Entbehrungen nötig“, sagte der Sömmerdaer Bürgermeister. Es könne nicht nur die Aufgabe der Schulen sein, im Geschichtsunterricht über die Wiedervereinigung zu unterrichten.
„Demokratie zu leben wird nicht einfacher“
Und auch andere Aspekte führten dazu, dass man eine innerdeutsche Freundschaftsbekundung gerade in den heutigen Zeiten noch nicht als veraltet abtun sollte: „So eine Partnerschaft ist ein wichtiges Signal nach außen“, bekräftigte OB Belz. In einer Multikrisenzeit habe man eine Verantwortung und Verpflichtung, gemeinsam die Zukunft zu gestalten.
Ähnliche Töne schlug auch der Sömmerdaer Bürgermeister Hauboldt an, der dazu aufrief, sich gegen Elemente zu wehren, die die demokratische Grundordnung infrage stellen. „Demokratie zu leben wird nicht einfacher, wenn einem manchmal ein Bein gestellt wird.“ Auch das habe ihn dazu gebracht, im kommenden Jahr noch einmal für das Bürgermeisteramt zu kandidieren. „Ich möchte den Menschen eine Alternative bieten“, so der 62-Jährige. Aktuell beschäftigt Sömmerda vor allem der Arbeitskräftemangel. Nachdem zu Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine die bis dahin zu 100 Prozent auf russisches Gas angewiesene Industrie in Schwierigkeiten kam, sei man jetzt auf einem guten Weg.
Musik von Lennon bis Queen
Die Delegation aus Sömmerda verbringt rund um den Tag der Deutschen Einheit drei Tage in Böblingen. „Wir hatten die Gelegenheit, die Stollen unter der Schlosskirche zu besichtigen“, sagte Bürgermeister Hauboldt. An diesem Mittwoch steht ein Besuch in Dagersheim an. Abends geht es mit in die Sitzung des Gemeinderates. „Ich lasse mich gerne überraschen, welche Diskussionsfreudigkeit dabei an den Tag gelegt wird“, so Hauboldt.
Mit gegenseitigen Geschenken und Einträgen ins Goldene Buch der Stadt Böblingen waren auch die erwartbaren Formalitäten des Festaktes vertreten. Musikalisch umrahmt wurde die Feier von der Holzgerlingerin Emily Yue. Die 15-Jährige interpretierte auf dem Klavier Klassiker von John Lennon und Queen und sang dazu mit einer tragenden Altstimme.
Doch nicht nur Feiern gehöre zu einer gelungenen Städtepartnerschaft. Wichtig sei auch, gemeinsam darüber zu reden, „was uns gemeinsam ist und was uns trennt“, betonte Vogelgsang. Und damit das Reden noch auf einer sinnvollen Ebene gelingt, plant Böblingen aktuell auch keine weiteren Städtepartnerschaften, sagte OB Belz. Bei den sieben Partnerschaften, von denen die älteste mit Pontoise in Frankreich auf 1956 zurückgeht, gebe es noch Luft nach oben. So werde zum Beispiel angestrebt, die Vernetzung der Vereine in den Partnerstädten zu verbessern.