Letzte Worte, Zeichen und Wunder: In der Feier zum 20-jährigen Bestehen des Stuttgarter Literaturhauses verbinden sich Geburtstag und Geisterbeschwörung zu einem lebendigen Fest, an das man noch lange denken wird.
Stuttgart - Es sagt sich so leicht dahin: ein Haus für große Geister. Aber was heißt das wirklich? Je nachdem könnte es auf ein Namedropping des Wahren, Schönen, Guten hinauslaufen, auf salbungsvolle Worte, ehrfürchtige Langeweile. Oder aber auf etwas viel Spannenderes, ja im schönsten Sinn Unheimliches. Das Literaturhaus in Stuttgart steht mit dem Rücken zu einem Friedhof, auf dem mancher große Geist ruht, auf der Vorderseite rauscht das Leben vorbei.
Und als könnte man dieser Lage schon die Bestimmung ablesen, tote Buchstaben zum Leben zu erwecken, demonstriert das Haus an seinem zwanzigsten Geburtstagmit nahezu spiritistischer Kraft, wie das geht: dass aus einer Geisterbeschwörung ein rauschendes Fest für die Lebenden wird – wenn auch ein Rauschen unter 2-G-Bedingungen.
Erscheinungen an der Wand
Beinahe hätte die Pandemie das seit Langem geplante Jubiläumsprogramm über den Haufen geworfen. Und dann? „Und dann sitz ich da“, zitiert die Hausherrin Stefanie Stegmann zu Beginn des Abends Arno Schmidt, um diesen letzten Satz aus dem Roman „Das steinerne Herz“ gleich mit Kafka zu kontern: „Einer muss da sein.“ Es sind dann doch einige gekommen. Und sie konnten gleich einmal erleben, wie bequem man auf letzten Sätzen sitzen kann. Die Lyrikerin Dagmara Kraus und die Stuttgarter Künstlerin Lenka Kühnertová haben die schönsten ausgewählt und damit Sitzkissen bedruckt.
So absurd es klingt, aber was die Pandemie auf der einen Seite vereitelt, leistet sie auf der anderen als Zeremonienmeister. Denn zum Thema Geisterbeschwörung passt nicht schlecht, dass ein Teil der Gäste nur in virtueller Form anwesend ist, Erscheinungen an der Wand. So blickt der frühere Leiter des Hauses, Florian Höllerer, aus seiner Berliner Wohnung zusammen mit der leibhaftig anwesenden, wenngleich Ende des Jahres scheidenden Literaturhaus-Buchhändlerin Claudia Leutner, auf die raue Pionierzeit zurück. Eine Zeit, in der das Ganze noch eine Baustelle war, im übertragenen wie im tatsächlichen Sinn. Unten bebten die Handwerker mit schwerem Gerät, während man sich oben mit feinem Besteck den Texten näherte. Welches dröhnende Wechselspiel einem reizbaren Autor wie Bodo Kirchhoff so zusetzte, dass er beim anschließenden Essen eine Speise nach der anderen beleidigt zurückgehen ließ.
Zerstreute Reminiszenzen
Es dauerte seine Zeit, bis aus der Initiative engagierter Bürgerinnen und Bürger ein Ort werden konnte, der von Gründergeist und nicht von Bauschutt erfüllt war. Am 18. November 2001 ist das Literaturhaus im ehemaligen Firmensitz des Unternehmers Robert Bosch eröffnet worden. Die Rede, die der Schriftsteller W. G. Sebald zu diesem Anlass gehalten hat, wurde nicht nur in der Stuttgarter Zeitung des folgenden Tages abgedruckt, sondern schlug Wellen bis nach Übersee, wo sie kurz darauf im „New Yorker“ erschien. Und man kann ohne Übertreibung sagen, dass der Autor, der wenige Wochen später tödlich verunglückte, die junge Einrichtung damit in die Literaturgeschichte eingeschrieben hat.
Unter dem Titel „Zerstreute Reminiszenzen“ weist Sebald der Literatur darin die Aufgabe eines Eingedenkens der unabgegoltenen Last der Geschichte zu. Und wie in seinen Werken schweift der synoptische Blick auch in der Rede über die Grenze des Todes hinaus, um die okkulten Zusammenhänge zu fassen, die Stuttgart mit Hölderlins Weg nach Bordeaux und NS-Kriegsverbrechen in der französischen Stadt Tulle verbinden.
Flanieren mit Google Streetview
Sebald ist der Geist, der an diesem Abend beschworen wird. Zum Beispiel von dem aus Österreich zugeschalteten, frisch gebackenen Büchnerpreisträger Clemens J. Setz, dessen eindrucksvoller Bart mittlerweile fast so berühmt ist wie seine Texte und der in seiner mit Büchern vollgestellten Klause ein wenig wie der heilige Hieronymus wirkt. Er erzählt, von einer Sebald-Erscheinung: wie er in der kleinen Stadt Mürzzuschlag jemandem begegnete, der dem Dichter aufs Haar ähnlich sah – und im nächsten Augenblick wieder verschwunden war.
Setz nähert sich Sebalds Welt mit Google Streetview. Immer wenn er sich darin bewege, befalle ihn ein halluzinatorisch angereichertes Gehgefühl: „In traumartigen Siebenmeilensprüngen stürzt der durch eine Art Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur symbolisierte Streetview-Wanderer durch eingefrorene Augenblicke, ein dreidimensionales Museum des Unwiederbringlichen.“ Die von der Software automatisch unscharf gemachten Gesichter der Passanten erinnern ihn an Sebalds Beschreibung der Toten in seinem Fragment „Campo Santo“, das von einem Besuch auf einem korsischen Friedhof handelt. Irgendwann hoppeln auch ein paar muskulöse Hasen durch die Erzählung. Setz, so ist zu erfahren, geht auf das slowenische Wort für Hase zurück. Mein Name ist Hase, sei in seiner Familie ein beliebter Scherz gewesen.
Jemand muss den OB weggehext haben
Später, als sich das Geschehen vom Literaturhaus in den Mozartsaal der Liederhalle verlagert, lösen sich die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit weiter auf. Man wird Zeuge merkwürdiger Dialoge. „Mein Name ist Sebald“, stellt sich der Warmbronner Verleger Ulrich Keicher der Autorin Jenny Erpenbeck vor, die zusammen mit dem früheren Hanser-Chef Michael Krüger weitere Reminiszenzen in das Festprogramm streut. Eigentlich sollte nun der Stuttgarter OB Frank Nopper eine Rede halten, alle warten, aber irgendjemand muss ihn weggehext haben. Schon will man ohne ihn beginnen, da steht er plötzlich da – wie bei Clemens Setz, nur umgekehrt.
Mit Seelen, Zeichen und Wundern geht es weiter. Die Landtagspräsidentin Muhterem Aras zitiert Cicero: „Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele“, woraus sie folgert, Stuttgart ohne Literaturhaus wäre eine Stadt ohne Seele. Dass es dazu nicht gekommen ist, verdankt sich auch dem kühnen Einsatz des Verlegers Michael Klett. In einer sehr lustigen, kühn extemporierten Rede erzählt er von einem Besuch des früheren Ministerpräsidenten Lothar Späth in seinem Garten. Als die Sprache auf ein Literaturhaus kam, habe ein plötzlich aufziehender Sturm alle Blätter und Äste von seinem 1908 gepflanzten Spitzahorn gerissen. Dieses himmlische Zeichen, das man eigentlich auch anders hätte deuten können, markiere für ihn den Beginn des Projekts.
Zu schade für alten Fisch
Michael Krüger, der mit Sebald befreundet war, demonstriert an einem Detail dessen Verfahren, dass man glaubt, ihn selbst sprechen zu hören. Fehlen nur noch die Priester. Doch da sind sie schon. Aus der Ausgabe der Stuttgarter Zeitung vom Eröffnungstag hat die Künstlerin Patricia Thoma eindrucksvolle zeremonielle Gewänder geschneidert, in denen sich Vergänglichkeit und Schönheit verbinden, und ein für alle mal mit dem Vorurteil aufgeräumt wird, eine alte Zeitung tauge allenfalls dazu, Fisch einzuwickeln. Am einen Ärmel lugt Sebald hervor, am anderen eine Nachricht aus dem Lokalteil, ein Sexualverbrechen. Sonderbare, von keiner Kausallogik zu ergründende Zusammenhänge auch das.
„Denken Sie auch, oder schlurfen Sie nur sinnlos über die Erde?“ Mit diesem schönen letzten Satz, wieder Kafka, könnte man nun schließen. Wer das Denken vorzieht, sollte seine Schritte ins Literaturhaus lenken. An diesem Samstag geht die Feier weiter.