„Ein Schwabe durch und durch mit Schillerschen Freiheitsidealen“, so beschreibt die Biografin Irmtrud Wojak den Nazi-Jäger Fritz Bauer, der ein Leben im Widerstand gegen Unrecht führte. An diesem Sonntag würde er 120 Jahre alt. Eine Spurensuche in seiner Heimatstadt Stuttgart.
Wie geht erinnern und was folgt daraus heute? Am besten fragt man das die Schülerinnen und Schüler des Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums (Ebelu): Paula Fröhlich, Leonor Kessler, Katharina Strötker, Eva-Maria Löw und Maor Sivan. Unterstützt von ihren Lehrern Katharina Dargan und Rolf Friedrich Hartkamp sowie von Caroline Gritschke vom Haus der Geschichte widmen sie sich in ihre Freizeit Fritz Bauer. Seit Monaten bereiten sich die zwischen 15 und 18 Jahre alten Schüler auf den 16. Juli 2023 vor – den Tag, an dem Fritz Bauer, der in Stuttgart geborene, spätere Generalstaatsanwalt von Hessen, 120 Jahre alt würde.
An diesem Sonntag ist es soweit. Beim Sommerkonzert des Ebelu-Sinfonieorchesters im Bürgerzentrum West (Beginn 18 Uhr, Eintritt frei) lesen sie aus seinen biografischen Schriften vor. Es folgen Projekttage an der Schule, die von „Demokratie und Zukunftsgestaltung“ handeln – Themen, die Fritz Bauer zeitlebens am Herzen lagen. Für den 20. Juli ist ein öffentlicher Stadtspaziergang geplant, der zu wichtigen Stationen Fritz Bauers in Stuttgart führt. Weitere Veranstaltungen sollen folgen. Auch eine Neuauflage der vor zehn Jahren von der Schule entwickelten Fritz-Bauer-Ausstellung ist geplant.
Ein Botschafter in Sachen Gerechtigkeit, Menschenrechte und Demokratie
Damit tun die Schüler im Zusammenspiel mit dem sehr aktiven Haus der Geschichte mehr als viele andere, um angemessen an das Vermächtnis des Mannes zu erinnern, der in den Augen von Robert M. W. Kemper, einem der Ankläger der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, „der größte Botschafter war, den Deutschland je hatte“. Und der als einer der größten Söhne Stuttgarts gelten kann, ohne dass sich die Stadt das bis heute so richtig bewusst gemacht hätte.
Ein Botschafter war Fritz Bauer in Sachen Gerechtigkeit, Menschenrechte und Demokratie. Und Stuttgart war sein Ausgangspunkt. In der Wiederholdstraße 10 im Stuttgarter Norden wuchs der aus einer assimilierten jüdischen Familie stammende Kaufmanns-Sohn auf. Von 1912 bis 1920 besuchte er das Ebelu, jenes humanistische Gymnasium, das die Erinnerung an ihn heute hochhält. Damals befand es sich noch in der Holzgartenstraße am Berliner Platz.
Für Fritz Bauer waren es prägende Jahre, wie seine Biografin Irmtrud Wojak bestätigt: „Seine ganze Bildung hat hier stattgefunden.“ Hier in Stuttgart machte er als einer der Jahrgangsbesten sein Abitur. Hier politisierte er sich unter dem Eindruck der Schrecken des Ersten Weltkrieges. Hier las er die pazifistischen Schriften Ernst Tollers. Hier trat er als 17-Jähriger in die SPD ein. Hierhin kehrte er nach seinem Jurastudium in Tübingen, Heidelberg und München als 26-jähriger damals jüngster Amtsrichter Deutschlands zurück. Und hier übernahm er 1931 den Vorsitz der Ortsgruppe des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“, einem politischen Verband zum Schutz der Weimarer Republik gegen ihre Feinde. In Stuttgart sah Bauer nach Kriegsende auch seine berufliche Zukunft und Wirkungsstätte – was ihm allerdings verwehrt blieb. Wohl auch, weil in der Justiz noch alte Kräfte walteten.
Als junger Mann hielt Bauer in Stuttgart Reden, in denen er vor der Machtergreifung der Nazis warnte, inspiriert von Kurt Schumacher, dem späteren SPD-Vorsitzenden, einem anderen großen Sohn der Stadt, mit dem er sich im Kampf gegen die Nazis einig wusste. Wojak hebt diese Seite Bauers besonders hervor. Sie trete oft hinter die des Generalstaatsanwalts zurück, der 1960 dem israelischen Mossad die entscheidenden Hinweise zur Ergreifung Adolf Eichmanns in Argentinien lieferte und vor 60 Jahren die Auschwitzprozesse in Frankfurt in Gang brachte. „Fritz Bauer gilt als Symbol der erfolgreichen Erinnerungskultur der Bundesrepublik. Aber das würde er ganz anders sehen“, meint Wojak: „Die Auschwitzprozesse waren die Fortsetzung seines Widerstands, den er immer geleistet hat.“ Schon in seinen Stuttgarter Jahren. Im März 1933 wurde Bauer im Amtsgericht verhaftet und für sechs Monate ins KZ Heuberg gesperrt. Nicht seine jüdische Herkunft sei dafür ausschlaggebend gewesen, meint Wojak, sondern sein Widerstand. 1935 ging er ins Exil nach Dänemark und von dort 1943 weiter nach Schweden.
Die Geschäftsführerin des Bochumer Fritz-Bauer-Forums wünscht sich, „dass Bauers Geschichte nicht als Heldensaga erzählt wird, sondern als Widerstandsgeschichte“. Sein ganzes Leben sei der Verteidigung der Menschenrechte und der Demokratie gewidmet gewesen. „Nach dem Krieg ist er zurückgekehrt, weil er jungen Menschen etwas von diesem Widerstandsgeist vermitteln wollte“, sagt sie. „Es ging ihm darum einzuüben, Nein zu sagen, wenn Unrecht geschieht und die Menschenwürde verletzt wird.“
Genau in diesem Sinne fühlen sich die Schüler des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums dem Gerechtigkeitsgelehrten und -Praktiker Fritz Bauer eng verbunden. Bildhaft steht ihnen eines seiner Zitate vor Augen: „Wir können aus der Erde keinen Himmel machen. Aber jeder von uns kann dazu beitragen, dass sie keine Hölle wird.“ Es hängt im Foyer des Schulgebäudes im Herdweg, das zur Zeit saniert wird. Auf Anregung der früheren Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin schreibt das Ebelu seit 2013 den Fritz-Bauer-Sozialpreis aus. Thema in diesem Jahr: „Was bedeutet für mich Gerechtigkeit?“ Die Fragestellung zeigt, wie aktuell er ist.
Schüler wollen eine Gedenktafel für Fritz Bauer
Die Schüler finden deshalb auch, „dass mehr über Fritz Bauer gesprochen werden sollte“. Gerade in Stuttgart, wo sich die Erinnerung öffentlich kaum manifestiert. Auf Anregung des damaligen Grünen-Stadtrats Michael Kienzle wurde zu Bauers 100. Geburtstag 2003 ein Weg in den Bopser-Anlagen nach Bauer benannt. Später befand man, es sollte mindestens eine Straße sein: 2010 wurde deshalb die Heinrich-Treitschke-Straße in Sillenbuch in Fritz-Bauer-Straße umbenannt. Seit 2012 trägt auch der große Veranstaltungssaal im Stuttgarter Amtsgericht seinen Namen. Das war es dann aber auch schon. Die Zurückhaltung kann nicht daran liegen kann, dass seine Personalakte aus dem Justizministerium bei den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg verbrannte. Bauers von vielen Anfeindungen begleitetes Leben, das am 1. Juli 1968 in Frankfurt endete, ist gut dokumentiert, und seine Verdienste sind unbestritten. Umso beschämender ist es aus Sicht der Schüler, dass sich in der Wiederholdstraße 10, wo sein Geburtshaus stand, kein Hinweis findet. „Dort sollte eine Gedenktafel stehen“, appellieren sie an die Stadt.
Bei ihrem Stadtspaziergang wollen sie das thematisieren. Er führt übrigens auch zu Stationen, die sich mit einem anderen berühmten, jedoch ganz anders gearteten Ebelu-Schüler verbinden: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Der Hitlerattentäter vom 20. Juli 1944, war vier Jahre jünger als Bauer. Ob sie sich an der Schule begegnet sind, ist unbekannt. Ein Thema war die gemeinsame Schulzeit beim sogenannten Remer-Prozess, in dem es Fritz Bauer 1952 gelang, die Widerständler des 20. Juli zu rehabilitieren. Bis dahin wurden sie häufig noch als Vaterlandsverräter verunglimpft. In seinem Schlussplädoyer, das die Ebelu-Schülerin Eva-Maria Löw jedem ans Herz legt, und in dem er klarmacht, „dass ein Unrechtsstaat überhaupt nicht hochverratsfähig ist“, erwähnt Fritz Bauer Stauffenberg und auch seine Schule: „Die damaligen Schüler, darunter Claus Schenk von Stauffenberg, zu dessen Mitschülern ich mich zählen darf, hatten es als ihre Aufgabe angesehen, das Erbe Schillers zu wahren“, sagte Bauer: „Wir haben in unserem Gymnasium den Wilhelm Tell und die Rütli-Szene aufgeführt. Was dort Stauffacher sagte, tat später Stauffenberg.“
Ministerpräsident Kretschmann würdigt Bauer als „starkes Vorbild“
Der Widerstandsgeist Bauers – er klingt auch in der Würdigung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten an. Auf Anfrage erklärte Winfried Kretschmann anlässlich des 120. Geburtstages: „Unerschrocken und mit Nachdruck hat er die Verbrechen des nationalsozialistischen Unrechtsstaates benannt und mit seinem unbedingten Willen zur Aufklärung eine Brücke in die Zukunft gebaut. Denn Bauer hatte immer auch die Gefährdungen von Rechtsstaat und Demokratie in der Zukunft im Blick. Deshalb bleibt sein Wirken uns ein starkes Vorbild, an das wir uns zu Recht heute erinnern.“
Irmtrud Wojak sieht mit Freude, dass Schüler dies zu ihrem Anliegen machen. Auch außerhalb Stuttgarts. Bereits im Mai führte das Gymnasium Plochingen ein Fritz-Bauer-Musical auf. Geschrieben hat das Stück Anette Heiter, Richterin in Stuttgart. „Wir haben nichts gesehen, nichts gehört und nichts gewusst“, singt der Chor. Fritz Bauer war anders: Er hat hingehört, hingeschaut – und widersprochen.
Gedenken an Fritz Bauer
Veranstaltungen
Das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium erinnert am 16. Juli im Bürgerzentrum West (Bebelstraße 22) an Fritz Bauer, der an diesem Tag 120 Jahre alt würde. Beginn ist um 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.