Knapp 100 Millionen Euro kostet die Sanierung und Erweiterung des Badezentrums in Sindelfingen. Der Gemeinderat hat jetzt sein Go für die weitere Planung gegeben – über den Bau entscheiden soll aber das Volk.
Schenkt sich Sindelfingen ein Badezentrum zu Weihnachten? Ganz so kann man es nicht sagen. Aber den Weg geebnet hat der Gemeinderat am Donnerstagabend allemal. Es steht fest: Das Badezentrum soll weitergeplant werden. Ob es dann schließlich gebaut wird und wie es aussehen soll, steht auf einem anderen Blatt.
Denn das Thema sorgt für immer wieder für Diskussionen. Grund dafür sind vor allem die Kosten: 99,2 Millionen Euro sind veranschlagt, um das Bad zu sanieren und um eine Saunawelt und eine Familienwelt inklusive Wellen- und Außenbecken zu erweitern. Ursprünglich waren die Stadträte von weniger ausgegangen – wobei in der Sitzung von vielen Seiten mehrfach betont wurde, dass eine Generalsanierung des bestehenden Bades sowieso notwendig wäre. Allein diese würde mehr als 30 Millionen Euro kosten.
Oberbürgermeister Bernd Vöhringer betonte, er wolle „nicht um jeden Preis bauen“. „Die großen Zahlen nehmen wir sehr ernst“, sagt er. Er empfahl aber, das Projekt weiterzuverfolgen, offene Fragen zu klären, und es nicht zu kippen. Wichtig sei, Möglichkeiten zur Kosteneinsparung zu suchen. „Aber es bleibt immer noch ein Großprojekt.“
Erster Bürgermeister Christian Gangl versuchte, die Kosten zu relativieren: Rechne man etwa die Kosten für den Glaspalast, der 1977 für 23 Millionen Euro gebaut wurde, auf die heutige Zeit um, komme man auch auf hohe Beträge. Seiner Rechnung nach beliefe sich der Glaspalast heute auf rund 48 Millionen Euro – immer noch deutlich weniger als die Kosten des Badezentrums.
Viele Fraktionen sind gespalten
Die meisten Fraktionen zeigten sich deshalb auch gespalten. Bei SPD, Grünen, Linken und Freien Wählern sind innerhalb der Fraktionen unterschiedliche Meinungen vertreten. Ein großes Problem haben Grüne und SPD mit den hohen Kosten – die Gelder könnte man aus ihrer Sicht für viele andere notwendige Projekte einsetzen. Die FDP hatte eher Zweifel daran, ob das Bad so ausgeführt werden könne, wie es geplant wird. Und alle Fraktionen beschäftigen die vielen offenen Fragen: Wie sollen die Besucher das Bad anfahren können, das mitten im Wohngebiet liegt, ohne ein Verkehrschaos zu verursachen? Wie viel kostet das Bad am Ende wirklich? Wer soll es betreiben?
Teilweise wollten die Stadträte es sehr genau wissen. Auf die Frage nach dem Gastronomiekonzept von Winfried Meffert (AfD) konnte sich Walter Arnold (CDU) einen sarkastischen Kommentar nicht verkneifen: „Es gibt Leute, die wissen jetzt schon, ob’s Pommes mit Ketchup oder ohne gibt.“ Dafür erntete er einige Lacher.
Die Sorge um das Verkehrskonzept versuchte Clemens Knoch vom Sport- und Bäderamt zu mindern: Ein Gutachten habe ergeben, dass um das Bad herum kein Chaos ausbrechen werde. Die meisten Fragen sind aber tatsächlich noch offen, so Oberbürgermeister Vöhringer. Er störte sich an den Formulierungen einiger Gegner des Bades – Spaßbad oder Prestigeprojekt etwa deuteten für ihn darauf hin, dass die Stadt ein Riesenprojekt ohne Zustimmung plane. Dabei habe man die Entscheidungen bisher gemeinsam getroffen. Ob der vielen offenen Fragen schlug er vor, bei relevanten Zwischenergebnissen auf die Stadträte zuzukommen. Am Ende stimmten 24 Stadträte dafür, die Planungen für das Bad weiterzuführen – mit 14 Gegenstimmen und zwei Enthaltungen spiegelte das Ergebnis die Diskussion wider.
Bürgerentscheid kommt am 9. Juni
Weil das Badezentrum „eines der größten Projekte in der Sindelfinger Stadtgeschichte ist“, wollten die Grünen in einem Bürgerentscheid über das Thema abstimmen lassen. Das Votum wollen sie bei der Europa- und Kommunalwahl am 9. Juni abhalten, um eine hohe Beteiligung zu erzielen.
Viele der Stadträte befürworteten den Bürgerentscheid. Allerdings wiesen einige darauf hin, dass bis dahin noch zu viele Informationen offen seien. Andere befürchteten, das Badezentrum würde so die Kommunalwahl bestimmen. Das sei besonders gefährlich, weil „Ein-Thema-Wahlkämpfe oft in populistischer Form geführt werden“, sagte Birgit Wohland-Braun (SPD). Ihre Fraktionskollegin Sarah Kupke fügte hinzu, als gebürtige Engländerin leide sie sehr unter einer Entscheidung, die die Bürger getroffen haben. Sie habe seit dem Brexit eine „Allergie gegen Bürgerentscheide“. Dennoch: Der Gemeinderat stimmte dem Entscheid zu.