Braucht die Stadt Sindelfingen ein Sportbad oder ein Familienbad? Der Sindelfinger Gemeinderat erlebte am Dienstag eine regelrechte Kampfabstimmung über das 99,2 Millionen Euro teure Projekt.
Den meisten Gemeinderäten war es einfach zuviel. Als nach knapp sechs Stunden Sitzung über das Sindelfinger Badezentrum entschieden werden sollte, beantragte Manfred Stock von der SPD-Fraktion die Vertagung. Bei der anschließenden Abstimmung darüber wurde es spannend. Mehrere Mitarbeiter der Stadtverwaltung mussten die Stimmkarten sorgfältig durchzählen und gingen im Sitzungssaal des Bürgerhauses in Maichingen von Reihe zu Reihe, um keinen zu vergessen.
Die Meinungen prallen hart aufeinander
Zuvor waren die Meinungen hart aufeinander geprallt: „Ein große Teil von uns will eine Sondersitzung“, begründete Manfred Stock seinen Antrag, den auch die Liberalen unterstützten. „Die Entscheidung über das Badezentrum sollte nicht zwischen 48 Punkten einer Tagesordnung gequetscht werden, sondern ein Hochfest der kommunalen Demokratie bei einer Sondersitzung sein“, sagte der Fraktionssprecher Maximilian Reinhardt, FDP.
Dagegen wandte der Sindelfinger Oberbürgermeister Bernd Vöhringer (CDU) ein, man habe ja vor wenigen Tagen eine Klausurtagung zu dem Thema ausgetragen. Unterstützt wurde er von Maike Stahl (CDU): „Wir haben bereits intensiv beraten, wir wollen an dieser Stelle weitermachen.“ Doch die prominente Fürsprache nützte nichts. Nach der Aussprache wurde mit einer äußerst knappen Mehrheit der Tagesordnungspunkt vertagt. Damit ist weiterhin offen, wie es mit dem voraussichtlich 99,2 Millionen Euro teuren Vorhaben weiter gehen soll, und ob die Stadt im Juni zu einem Bürgerentscheid aufrufen wird.
Renovieren und attraktiver machen
Bernd Vöhringer hatte zuvor noch einmal Rückschau gehalten über eines der größten kommunalen Projekte der letzten Jahre. Diese Aufgabe sei nicht vom Himmel gefallen, sondern das Sindelfinger Bad sei sanierungsbedürftig geworden. Der Gemeinderat wolle das Bad allerdings nicht einfach nur runderneuern, sondern es weiter entwickeln in Richtung eines Familienbades, sagte Vöhringer. Das würde aber bedeuten, dass man eine Sauna brauche und auch ein Außenbecken. Damit ergäben sich für die Planer drei Varianten. Eine große, in der das Badezentrum zusammen mit einem Investor in eine Art Spaßbad umgebaut wird, eine mittlere, in der das Bad als Familienbad aktiviert wird und eine kleinere, in der das Bad vor allem dem Vereinssport dienen solle.
Nach den Kostenberechnungen der Stadt Sindelfingen würde der Wegfall von Sauna und Außenbereich die Sanierungskosten nicht wesentlich drücken. Doch wäre das Bad damit so unattraktiv, dass die Planer mit erheblich weniger Einnahmen durch zahlende Gäste rechnen. Konkret sieht die Finanzplanung so aus, dass die Stadtverwaltung für die kleine Variante mit 5,7 Millionen Euro Defizit jährlich rechnet und auch mit 5,7 Millionen Euro Defizit für die mittlere Variante, womit zumindest für die Stadtverwaltung die Marschrichtung auf die 99,2 Millionen teure mittlere Variante klar ist.
Zumal nach den Aussagen des Ersten Bürgermeisters Christian Gangl auch kein privater Investor in Sicht sei, der die große Variante zusammen mit der Stadt stemmen wolle. „Wenn wir die detaillierte Planungen auf dem Tisch haben, wollen wir einen Bürgerentscheid durchführen“, sagte dazu der Sindelfinger Oberbürgermeister.
Einen möglichen Vorgeschmack auf den Bürgerentscheid lieferten zwei Besucher der Ratssitzung, die an diesem Abend zur Bürgerfragestunde gekommen waren. Sie sprachen sich in ihren Statements eher gegen das Badezentrum aus.