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Fiasko Filderbahnhof, so wird das nichts mit der Akzeptanz von Stuttgart 21, meint Jörg Hamann.

Stuttgart - Nein, so wird es trotz millionenschwerer Werbekampagnen nicht gelingen, die Akzeptanz von Stuttgart 21 zu erhöhen. Kaum ist die erste Empörung über die Kostensteigerung um eine Milliarde binnen eines Jahres auf nunmehr 4,1 Milliarden Euro vorüber, da kommt die nächste bittere Wahrheit ans Licht: Die Schienentrasse aus Richtung Singen muss aus heutiger Sicht auf den Fildern geplant werden: Die S-Bahn-Tunnel dort sind für ICE-Züge aus Sicherheitsaspekten zu eng. Und Sicherheit geht vor. Da macht auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) trotz aller Bekenntnisse zu Stuttgart 21 richtigerweise keine Ausnahme.

Für die Projektpartner Bahn, Bund, Land, Region und Stadt ist dies ein erneuter und so kurz nach Baustart besonders empfindlicher Verlust an Glaubwürdigkeit. Die Minister-Erlaubnis dafür, dass ICE durch den S-Bahn-Tunnel rauschen dürfen, wurde seit drei Jahren als Formalie abgetan. Doch dies ist eine gravierende Fehleinschätzung: Sicherheit im Tunnel ist keine Frage der politischen Ansicht oder Absicht, sondern der technischen Bewertung von Experten.

Im Klartext: Wenn ICE-Verkehr in einem Tunnel möglich sein soll, der enger ist als gesetzlich vorgeschrieben, muss die Bahn nachweisen, dass bei der Sicherheit keine Abstriche gemacht werden. Sonst ist keine Ausnahme möglich, teilte das Bundesverkehrsministerium in dieser Woche mit. Doch diese Anforderung zu erfüllen kommt der Quadratur des Kreises gleich. Und so stellt das Ministerium auch nach Prüfung des bereits zweiten Antrags der Bahn in nüchternen Worten fest: "Die DB Netz AG hat bisher - entgegen einer entsprechenden Zusage - diese Nachweise nicht vorgelegt."

Jahrelange Verzögerung wäre inakzeptabel

Und nun? Falls die Genehmigung nicht erteilt werde, wäre das eine "mittlere Katastrophe" . Es müssten neue Tunnel geplant werden, es entstünden "Mehrkosten von bis zu 80 Millionen Euro", Stuttgart 21 verzögere sich "um mehrere Jahre". Um Missverständnisse zu vermeiden: Diese Zitate stammen nicht aus einem Handbuch der Stuttgart-21-Gegner. Nein, dies sind Aussagen des für den Südwesten zuständigen Bahn-Bevollmächtigten Werner Klingberg. Was dieser am 2. Februar 2010, dem Tag des offiziellen Baubeginns von Stuttgart 21, abends im Gemeinderat von Leinfelden-Echterdingen als Schreckensszenario beschrieb, droht nun bittere Wahrheit zu werden.

Klingbergs Äußerungen seien "reine Spekulation und entbehren jeglicher Grundlage", erklärte dazu jetzt Stuttgart-21-Sprecher Wolfgang Drexler (SPD). Ja, wem dürfen die Bürger denn nun noch glauben? Hat nicht Bahn-Chef Rüdiger Grube immer wieder erklärt, dass offen und umfänglich informiert werde? Herausgekommen ist jetzt ein Lehrbeispiel für völlig missratene Öffentlichkeitsarbeit. Scheibchenweise kommen die Fakten auf den Tisch. Was für ein Fiasko nach 15 Jahren Planung!

Stuttgart 21 ist gerade mal sieben Wochen auf Baustelle, und schon ist Grube als Krisenmanager gefordert. Schnell und ohne Wenn und Aber hat er zu klären, wie es weitergeht auf den Fildern. Bleibt Ramsauer - wie zu befürchten - bei seinem Nein, muss schnell und mit allen Konsequenzen neu geplant werden. Eine jahrelange Verzögerung nach Vorbild des Desasters bei der S60 im Kreis Böblingen wäre absolut inakzeptabel.

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