Eine von vielen Burgen in Nordzypern: die Kantara-Festung. Foto: Martina Miethig

Sie kleben an den steilsten Hängen, oft mit spektakulärer Aussicht. Wanderer können viele dieser Burgen in Nordzypern für sich erobern.

Nikosia - Ein laue Meeresbrise zieht durch die offenen Fenster im himmelhoch gewölbten Refektorium, dem Speisesaal. Niemand würde sich wundern, wandelten in dem prachtvollen gotischen Gemäuer noch immer die Augustiner-Mönche gebeugt in ihren weißen Kutten durch die Kreuzgänge. Fast den gesamten Norden Zyperns überragen die Burg- und Klosterruinen auf dem Pentadáktylos-Gebirge - eine schöner als die andere und alle mit herrlichen Panoramen und mittelalterlichen Geschichten von Rittern, Burgfräuleins und Intrigen. Auf Wanderungen in Nordzypern kann man sie erobern wie einst Richard Löwenherz. Der nordzyprische Gebirgskamm (türkisch: Beparmak) mit seinem höchsten Gipfel, dem bizarren Fünffinger-Berg, zieht sich vom reizvollen Feriendorf Kármi (Karaman) über 80 Kilometer weit nach Osten. Kármi ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen auf dem Grat. Oberhalb des Dorfes thront an den zerklüfteten Felswänden die größtenteils zerfallene St.-Hilarion-Festung - sie schwebt geradezu in rund 700 Meter Höhe - eine anspruchsvolle, vier Kilometer lange Wanderung führt hinauf.
 

Spektakuläres Panorama über das Fünffinger-Gebirge

Das Gemäuer hat sich fast 1000 Jahre gegen Wind und Wetter behauptet und ist sowohl von Richard Löwenherz bei seinem Kreuzzug 1191 als auch vom Stauferkaiser Friedrich II. 1229 erobert worden. Später diente St. Hilarion ungewöhnlicherweise als königliche Sommerresidenz der Lusignans: das Wolken-Schloss der tausend Gemächer, einige mit bis zu vier Etagen. In den vergangenen 500 Jahren fiel die Burg in den Dornröschenschlaf. Die Natur eroberte das Märchenschloss zurück, Sträucher und Bäume bezogen die Gemächer. Auf der Belvedere-Aussichtsterrasse kann man erst einmal verschnaufen bei einem spektakulären Panorama über das Fünffinger-Gebirge bis zur Burg Buffavento und der im Hitzedunst verschwimmenden Kantara-Festung. Endlose steile Stufen später auf dem dritten Plateau von St. Hilarion lässt man vom „Fenster der Königin“, einem gotischen Fensterbogen, Augen und Gedanken schweifen und der Fantasie kindlich-freien Lauf: Wie wäre es, käme ein Ritter in schwerer Montur den Berg heraufgekraxelt, wie damals, als hier noch rauschende Feste, luxuriöser Müßiggang, höfische Intrigen und Ritterturniere mit klirrenden Waffen stattfanden? Im Zentrum der Burg erhebt sich der Prinz-Jean-Turm haarscharf an einer Felskante und birgt ein grausiges Schicksal.
 

Prinz Jean ließ alle 300 Leibwächter aus dem Fenster des Turmes stoßen

Prinz Jean von Antiochia hatte seinen Bruder Pierre I. de Lusignan 1369 ermorden lassen, um als Nachfolger den Thron besteigen zu können. Die rachsüchtige Witwe Eleonore von Aragon stellte dem Prinzen eine Falle: Sie überzeugte den jähzornigen Jean, dass seine bulgarische Leibgarde einen Komplott gegen ihn schmiedete. Prinz Jean ließ daraufhin alle 300 Leibwächter aus dem Fenster des Turmes stoßen. So konnte Eleonore den Prinzen wenig später bei einem Attentat in Nikosia aus dem Weg räumen lassen. Ebenfalls schon seit 1000 Jahren klammert sich Buffavento in fast 1000 Metern über dem Meer an die nahezu senkrechten Bergklippen. Wolkengeschwader ballen sich um „die dem Wind trotzende“, so der Name der byzantinischen Burg, die noch viele Geheimnisse hat. Sie ist die am höchsten gelegene der drei Festungen und will im wahrsten Sinn erobert werden - der Aufstieg eignet sich nur für Schwindelfreie. So verborgen die Ruine oft hinter Nebelschwaden ist, so nebulös ist auch ihre Historie. An klaren Tagen jedoch reicht der Blick über die gesamte Insel und über das Mittelmeer bis nach Syrien.
 

Das Bauwerk beeindruckt mit zweistöckigen Gemäuern, Eingangsturm und Zisterne

Ab dem Parkplatz stapft der Besucher über zahllose Felsstufen entlang von Olivenhainen, Pinien, Pistazien- und Johannisbrotbäumen. Atemlos oben angekommen, beeindruckt das Bauwerk mit zweistöckigen Gemäuern, Eingangsturm und Zisterne. Einige Rundbogenfenster wirken, als würden sie augenblicklich zusammenstürzen - bloß nicht anlehnen! Kaum ein Meter auf dem Gipfelplateau ist eben, überall sprießen Bäumchen, Gräser und Macchia - sie halten das von Wind und Wetter zerzauste Bauwerk vermutlich zusammen. Der schon erwähnte Lusignan-König Pierre I. ließ 1368 seinen Hofmarschall Jean de Visconte in den Kerker von Buffavento werfen und dort verhungern - nur weil dieser ihm wahrheitsgemäß von einer Liebesaffäre seiner Gattin Eleonore berichtet hatte. Zu guter Letzt wartet das kleine Bergdorf Bellapais (Beylerbeyi) auf einen Besuch. Mit seiner gotischen Klosterruine Abbaye de la Paix ist es eines der schönsten Plätzchen im ganzen Norden. Ein mittelalterliches Kleinod. Der majestätische, fast 1000 Jahre alte Sakralbau wurde von den Augustiner-Mönchen im 12. bis 14. Jahrhundert in 700 Metern über der Küste gebaut - hart am Abgrund zwischen Zypressen, Palmen und blühendem Oleander.
 

Der Mönchssaal wurde durch eine Art Heißluft-Unterbodenheizung beheizt

In der wuchtigen Abtei wird selbst ein Kirchenmuffel zum andächtigen Klostergänger und staunt über monastischen Luxus: Der Mönchssaal wurde durch eine Art Heißluft-Unterbodenheizung mit verschließbaren Frischluft-Zugklappen beheizt. Ein Stockwerk darüber im 1911 eingestürzten Dormitorium erkennt man bei genauem Hinschauen noch die Mauernischen in der noch stehenden imposanten Westwand, wo die 30 hier lebenden Mönche nachts ihre Habseligkeiten verstauten, etwa das Messbuch. Der Speisesaal, das Refektorium, ist vollkommen erhalten: ein wunderschönes Meisterwerk der abendländischen Sakral-Architektur mit neun Meter hohen Wänden, überspannt von sechs Kreuzrippengewölben. An der Nordseite der inneren Mauer „hängt“ eine erkerähnliche Kanzel, von der ein Mönch während des Mahls aus der Bibel vorlas oder über weltliche Geschehnisse informierte, während die Bruderschaft schweigend aß. Die Treppe zur Kanzel ist nicht zu sehen, sie steigt architektonisch gut verborgen im Innern des Mauerwerks an - wie so vieles aus jener Zeit für immer verborgen bleiben wird.

Infos zu Nordzypern

Anreise

Keine Direktflüge, nur über die Türkei zum nord- zyprischen Airport Ercan ( www.ercanairportnorthcyprus.com , www.turkishairlines.com ).
Man kann auch von Berlin oder Frankfurt/Main nach Zypern fliegen und vom Flughafen Larnaka oder Pafos über die innerzyprische Grenze mit dem Taxi nach Norden fahren.
Direktflüge bei Lufthansa ( www.lufthansa.com ), Air Berlin ( www.airberlin.com ), Condor ( www.condor.de ) und Cyprus Airways ( www.cyprusair.com ).
 

Einreise

Reisende aus der EU mit gültigem Personalausweis oder Reisepass können bis zu drei Monate in Nordzypern und der Republik Zypern bleiben.
 

Unterkunft

Bellapais Gardens ( www.bellapaisgardens.com ): Preisgekröntes wunderschönes Hotel mit Bungalows und Studios am Hang, großer Pool im üppigen Garten. Doppelzimmer ab 64 Euro.
Bella View Boutique Hotel ( www.bellaview.net ): Kleine kuschlig-bequeme Oase, etwas altmodisch im Stil, teils Balkon.
 

Veranstalter

Kaleidoskop Turizm: deutsch-türkischer Veranstalter in Kyrénia, eine sechstägige Wanderreise kostet 595 Euro (inklusive Hotel/Halbpension, ohne Flug), www.zypernreisen.com
FTI bietet eine achttägige Rundreise in Nordzypern für 179 Euro pro Person an (ohne Flug, www.fti.de )
 

Allgemeine Auskünfte

www.nordzypern-touristik.de

 

Buchtipp

Von der Autorin dieses Textes ist das Buch „Zypern - Zeit für das Beste“ erschienen, Bruckmann Verlag, 14,99 Euro.

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