Damals waren die Corona-Pandemie und die brisante Frage, ob bei der WM 2021 in Ägypten Spiele vor Fans stattfinden können, noch ganz weit weg: IHF-Präsident Hassan schwingt nach dem Finale der Handball-WM 2019 in Dänemark voller Stolz die Flagge des Weltverbandes, auch DHB-Boss Andreas Michelmann (re.) schaut interessiert zu. Foto: imago//Anke Waelischmiller

Die Kapitäne von 14 europäischen Nationalteams fordern den Weltverband auf, die Zulassung von Zuschauern zu überdenken. Kritik kommt auch aus der Handball-Bundesliga.

Stuttgart - Die Forderungen, das erste sportliche Großereignis des Jahres 2021 abzusagen oder wenigstens zu verschieben, kamen vornehmlich aus der Bundesliga. Das ist allerdings schon eine Weile her, denn längst steht fest: Die Handball-WM in Ägypten wird stattfinden, vom 13. bis zum 31. Januar, mitten in der Corona-Pandemie und größer denn je – erstmals nehmen 32 Nationen teil. Geblieben sind die hitzigen Diskussionen.

In dieser Woche erklärte das WM-Organisationskomitee nach einem Treffen mit der ägyptischen Regierung, dass bis zu 20 Prozent der Sitzplätze in den vier Arenen besetzt werden dürfen. In die nach dem ägyptischen Boss des Handball-Weltverbandes (IHF) benannte Dr.-Hassan-Moustafa-Halle in Gizeh, in der das deutsche Team auf Uruguay (15. Januar), Kap Verde (17. Januar) und Ungarn (19. Januar) trifft, dürfen demnach 1040 Fans – nach Meinung von Moustafa, der zunächst auf weit höhere Zahlen gehofft hatte, die passende Größenordnung: „Keine Angst, wir werden uns um die gesundheitlichen Maßnahmen kümmern“, sagte er zuletzt. Und: „Willkommen in Ägypten!“

Die Stars haben kein Verständnis

Das Echo auf die Botschaft, die WM für Fans zu öffnen, fällt verheerend aus. „Vor Zuschauern zu spielen ist absurd“, kritisiert Johannes Bitter, der Nationaltorwart vom TVB Stuttgart, „ich missbillige das.“ Und Sander Sagosen, der norwegische Superstar des THW Kiel, meint: „Es ist völlig peinlich, Partien vor Publikum sind zu dumm. Die IHF denkt mehr an die Finanzen als an unsere Gesundheit.“ Weshalb sich 14 Kapitäne aus europäischen Topnationen, darunter Uwe Gensheimer, nun klar positioniert haben: In einem gemeinsamen Brief an Moustafa fordern sie WM-Spiele ohne Zuschauer: „Wir sind äußerst besorgt und empfehlen dringend, dieses Thema zu überdenken.“

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Das wäre ganz im Sinne der Bundesliga-Funktionäre. „Die Sorgen, ob die Spieler gesund zurückkommen, halte ich für komplett begründet“, sagt Gerd Hofele, Geschäftsführer von Frisch Auf Göppingen, „Zuschauer sind da nur eine weitere Gefahrenquelle, die vermieden werden muss.“ Ebenso kritisch äußert sich Jürgen Schweikardt: „Ich kann nicht nachvollziehen, warum es bei der WM Zuschauer braucht“, erklärt der Geschäftsführer und Trainer des TVB Stuttgart. Und Wolfgang Strobel meint: „Ein Zuschauer-Konzept für die WM ist nicht möglich.“ Weshalb der Geschäftsführer des HBW Balingen-Weilstetten auch noch nicht daran glaubt, dass ab nächster Woche in Ägypten tatsächlich vor Fans gespielt wird: „In der Außendarstellung wäre das enorm schwer zu vermitteln.“ Zumal es ja schon eine kontroverse Debatte darüber gibt, ob die WM überhaupt in die Zeit passt.

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Mit Blick auf die Infektionsgefahr für die Spieler und die Terminnöte sagt Schweikardt: „Aus Sicht der Bundesligisten wäre es besser, wenn die WM nicht stattfindet.“ Der TVB-Geschäftsführer erklärt aber auch: „Es ist sicher zu einseitig, nur auf die Liga zu schauen. Jeder versucht, irgendwie durch die Krise zu kommen – ich verstehe und akzeptiere auch die Bedürfnisse anderer.“ Für den Weltverband IHF sollen bei der WM allein an TV-Erlösen 30 Millionen Euro auf dem Spiel stehen, auch für den Deutschen Handball-Bund (DHB) ist es wichtig, seine Nationalmannschaft auf größtmöglicher Bühne zu präsentieren. Trotzdem gibt es Clubvertreter, die weniger Verständnis aufbringen. Allen voran Carsten Bissel.

Der Aufsichtsratsboss des HC Erlangen holte zuletzt im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ zum Rundumschlag aus. „Die angeblichen Hygienekonzepte spotten jeder Beschreibung. Es besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass es zu massiven Infektionen der Spieler kommen wird“, schimpfte Bissel, „diese WM am Höhepunkt einer nie da gewesenen Pandemie ist aus gesellschaftspolitischer Sicht nicht tragbar.“ Das Urteil in dieser Schärfe teilt Schweikardt („Das sind schon sehr intensive Aussagen“) ebenso wenig wie Strobel: „Ich sehe das nicht so kritisch. Die WM ist ein wichtiges Ereignis für unsere Sportart, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sportlich.“

Bob Hanning schießt zurück

Folglich käme es den Verantwortlichen des Deutschen Handball-Bundes auch nicht in den Sinn, das Turnier grundsätzlich infrage zu stellen. „Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass uns die vorliegenden Konzepte in Sachen Schutz der Spieler genügen“, sagt der Sportvorstand Axel Kromer, der Bundestrainer stimmt zu. „Wir werden bei der WM sicherer sein als zu Hause, wo wir gelegentlich raus müssen zum Einkaufen“, sagt Alfred Gislason. Und Vizepräsident Bob Hanning meint: „Ich weiß nicht, woher wir die Arroganz nehmen, dass wir alles besser können als andere Länder. Damit tue ich mich sehr schwer.“

Es ist die Replik auf das Interview von Bissel, in dem der HCE-Aufsichtsratschef nicht nur sein Unverständnis über die Zulassung von Zuschauern geäußert hat („Das ist Wahnsinn“), sondern zugleich Hanning, Kromer und Co. in die Pflicht nimmt: „Ich bin der Meinung, dass diejenigen, die es zu verantworten haben, politisch und auch rechtlich dafür einstehen müssen, wenn es zu einer Katastrophe kommt. An erster Stelle diejenigen beim DHB, die für die Nationalmannschaft zuständig sind.“

Es könnte gut sein, dass die hitzigen Debatten nach der WM weitergehen werden.

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