Der Streusalz-Lkw im falschen Ort, ein Bewerber im falschen Rathaus – die Bürgermeister der beiden Rosenbergs in Baden-Württemberg sind immer wieder von Verwechslungen ihrer Gemeinden betroffen.
Wer eine Autofahrt plant, hat es heute einfacher denn je: Statt wie früher ein mühsamer Blick auf die Karte im dicken Straßenatlas reicht eine schnelle Eingabe ins Navi – und innerhalb von Sekunden spuckt die Technik die schnellste Route aus. Doch wer sich blind darauf verlässt, liefert die skurrilsten Geschichten über am Ende unerwünschte Zielorte. Besonderes Gefahrenpotenzial bietet ein Name im Südwesten Deutschlands: Rosenberg – so heißen in Baden-Württemberg gleich zwei Gemeinden, eine in Württemberg im Ostalbkreis, eine in Baden im Neckar-Odenwald-Kreis. Ein Umstand, der manch einem schon zum Verhängnis wurde.
Ein Bewerber verirrt sich im falschen Rathaus
Wie zum Beispiel einem Bewerber, der gerne im Rathaus in Rosenberg arbeiten wollte – und den Namen der Gemeinde unvorbereitet ins Navi eingegeben hatte. Was soll schon schief gehen? Dort angekommen aber offenbarte sich die unangenehme Überraschung: Er war im falschen Rosenberg gelandet. Nämlich in der württembergischen Gemeinde, knapp eineinhalb Stunden Autofahrt entfernt vom badischen Rosenberg, wo er eigentlich zum Vorstellungsgespräch erwartet wurde. Bürgermeister Tobias Schneider und seine Rathausmitarbeiter klärten den Verirrten auf.
„Wir haben ihm zwei, dreimal gesagt, dass er in das andere Rosenberg muss“, erzählt Schneider. Als sich der Bewerber aber weiter überzeugt zeigte, im richtigen Ort gelandet zu sein, sei sogar eine Landkarte zum Einsatz gekommen. Und als sei die Verwechslungsgeschichte zwischen den beiden Rosenbergs nicht schon kompliziert genug, ähneln sich zudem die Postleitzahlen der beiden Gemeinden – wenn auch mit Ziffern in unterschiedlicher Reihenfolge: 73494 Rosenberg (Württemberg) und 74749 Rosenberg (Baden).
Ein Streusalz-LKW wollte seine Fracht im falschen Rosenberg abladen
Selbst bei der Einwohnerzahl liegen die gleichnamigen Orte nicht weit auseinander: Rund 2700 Menschen leben im württembergischen, etwa 2100 Menschen im badischen Rosenberg. Kein Wunder also, dass der Rathausbewerber nicht der einzige ist, den die Existenz der beiden Gemeinden bereits in die Irre geführt hat: Tobias Schneider (42) und sein Amtskollege Ralph Matousek (49), Bürgermeister von Rosenberg (Baden), können wie ihre Vorgänger von vielen weiteren Verwechslungen ihrer Gemeinden berichten – und jedes Jahr kommen neue hinzu.
Ein Streusalz-Lkw wollte seine Fracht bereits zwei, dreimal fälschlicherweise im württembergischen Rosenberg abladen, ebenso Lastwagen von Speditionen, die vor dem falschen Rathaus standen. „Die gucken dann immer ganz ungläubig und können es nicht nachvollziehen“, sagt Schneider. Dazu kommen Bürger, die ihre Briefe ans Rathaus ins falsche Rosenberg schicken.
Mit www.rosenberg.de landet man bei Schlagersängerin Marianne Rosenberg
Und selbst Behörden hätten Mühe, die beiden Gemeinden auseinanderzuhalten: Landratsamt, Regierungspräsidium, sogar ein Ministerium habe bereits eine Anekdote geliefert: Beim „Digitalpakt Schule“ etwa habe die Grundschule des badischen Rosenbergs in der Eingabemaske für den Förderantrag einfach gefehlt, erzählt Bürgermeister Matousek.
Doch das geteilte Schicksal hat für die beiden Gemeinden vor allem was Verbindendes, der gemeinsame Name eint: Die Bürgermeister kennen sich längst, sind per Du, die Beiden lachen viel im Gespräch mit unserer Zeitung, flachsen untereinander. „Lieber Tobias, ich fühle mich total benachteiligt, dass dein Rosenberg immer zuerst erscheint, wenn man es bei Google eingibt“, sagt Matousek, Bürgermeister von Rosenberg (Baden). Und Tobias Schneider antwortet: „Mich stört, dass man mit www.rosenberg.de bei Marianne Rosenberg landet.“ Man müsse schnell sein, wenn die deutsche Pop- und Schlagersängerin (68) „eines Tages von uns scheidet. Dann sichern wir uns die Domain, Ralph.“
In Rosenberg (Baden) wird nach jeder Veranstaltung das Badnerlied angestimmt
Woher der Name der Gemeinden kommt, ist nur im badischen Rosenberg überliefert: Einem Rittergeschlecht, den Herren von Rosenberg, verdanke der Ort seinen Namen, sagt Matousek und fragt seinen Amtskollegen aus Württemberg: „Tobias, woher kommt denn euer Name?“ Schneider aber hat keine Erklärung parat, selbst in den Chroniken seiner Gemeinde sei er nicht fündig geworden. „Ich wüsste auch nicht, wo hier auf einem Berg eine Rose wächst“, sagt er.
Die beiden Gemeinden lassen sich aber nicht nur auf ihren Namen reduzieren, in vielen Bereichen unterscheiden sie sich auch voneinander. Im Rosenberg von Bürgermeister Matousek etwa wird der badische Stolz hochgehalten: „Bei jeder Veranstaltung wird das Badnerlied gesungen“, erzählt er. Anders bei den Kollegen in Württemberg, die auf eine Hymne verzichten: „So viel Lokalpatriotismus gibt es bei uns nicht“, sagt Schneider lachend.
Die Bürgermeister wollen die Beziehung zwischen den Gemeinden wieder intensivieren
Der Bürgermeister des württembergischen Rosenberg beneidet seinen Amtskollegen in Baden um dessen Bahnanschluss. Matousek wiederum hätte nichts gegen den großen Betrieb, der sich kürzlich für Rosenberg (Württemberg) als Standort entschieden habe und viele Arbeitsplätze sowie eine schöne Summe an Gewerbesteuer bringe.
Doch was ist das einzig wahre Rosenberg? Dazu gäbe es keinen Wettkampf, sagen die beiden Bürgermeister. Und auch unter den Bürgern gäbe es keine großen Rivalitäten. „Ich habe auch noch niemanden gehört, der gefragt hat, ob wir das Rosenberg in Baden annektieren müssen“, sagt Schneider schmunzelnd. Trotz aller Verwechslungen überwiege das Positive, betont Matousek: „Wenn wir nicht den gleichen Namen hätten, hätte es diese Bekanntschaft nie gegeben.“
Bereits ihre Vorgänger hätten sich wegen der Verwechslungsgefahr immer wieder getroffen – und auch die jetzigen Rathauschefs wollen die Beziehung zwischen ihren Gemeinden künftig mit gegenseitigen Besuchen wieder intensivieren. Eine falsche Eingabe ins Navi ist bei den beiden Experten dann nicht zu befürchten – und das richtige Rathaus sollten sie auch erkennen.