Beim Thema Zeitarbeit gehen die Meinungen auseinander. Foto: dpa

Sprungbrett in eine bessere Zukunft oder arbeitsmarktpolitische Katastrophe? Zwei Meinungen.

Stuttgart - Beim Thema Zeitarbeit gehen die Meinungen weit auseinander. Tatsache ist, dass Zeitarbeit zu einer branchenübergreifenden Beschäftigungsform geworden ist. Die meisten Menschen sind im produzierenden Gewerbe tätig, aber auch im Dienstleistungssektor hat Zeitarbeit zugenommen. Zwei Protagonisten äußern sich.

Pro - Volker Enkerts, Präsident Bundesverband Zeitarbeit (BZA):

Zeitarbeit gehört untrennbar zu einem modernen und flexiblen Personalmanagement dazu. Wir lassen uns zwar darauf nicht reduzieren, doch unseren Kunden geht es vor allem darum, bei Personalengpässen, etwa bedingt durch Auftragsspitzen, rasch Arbeitskräfte zu bekommen - ohne sie gleich einzustellen.

Für Arbeitnehmer wiederum spielt die Zeitarbeit vor allem dann eine wichtige Rolle, wenn sie nicht oder noch nicht im Arbeitsleben stehen: Die Zeitarbeit öffnet gerade Berufsanfängern, auch Hochschulabsolventen, Türen in die Berufswelt, und nach längerer Berufspause können vor allem Frauen wieder Fuß fassen. Der Effekt für den Arbeitsmarkt liegt auf der Hand: 64 Prozent der Zeitarbeitnehmer waren vorher arbeitslos. Besonders aber sind es Langzeitarbeitslose, die fast nur noch über die Zeitarbeit wieder zu einem Job kommen. Wenn sie in der Zeitarbeit einen Job bekommen, haben sie die oft unüberwindbare Hürde "Bewerbung" für diese Tätigkeit geschafft und können mit ihrer Arbeit überzeugen.

Dennoch: Firmen müssen flexibel sein, und sie scheuen sich, selbst bei Großaufträgen, neue Mitarbeiter fest anzustellen. Das Instrument Zeitarbeit sorgt dafür, dass sie die benötigten Mitarbeiter bekommen, was zu einer weiteren Entlastung am Arbeitsmarkt führt. Die aktuelle Stabilität auf dem Arbeitsmarkt ist zu großen Teilen der Zeitarbeit zu verdanken. Uns ist bewusst, dass viele Arbeitnehmer in einem konventionellen Unternehmen arbeiten wollen - die Zeitarbeit ist oftmals das Sprungbrett dafür. Unterm Strich ersetzt Zeitarbeit aber nicht andere Arbeitsformen oder Stammbeschäftigung, sie ist ein ergänzender Baustein.

Volkswirtschaftlich gesehen sorgt Zeitarbeit dafür, dass Produktion und Dienstleistung in bestimmten Bereichen überhaupt noch in Deutschland stattfinden und nicht in andere Länder abwandern. Aufgrund sehr hoher Lohnabschlüsse, vor allem der IG Metall, lohnen sich niedrig qualifizierte Tätigkeiten in Deutschland oft nicht mehr - einfache Arbeiter wurden so aus den Betrieben gedrängt. Hier kommt die Zeitarbeit mit eigenen Tarifverträgen ins Spiel, was die Produktion eines Autos oder einer Waschmaschine in Deutschland insgesamt wieder wirtschaftlich macht. Ohne Zeitarbeit würden manche Produkte hierzulande nicht mehr hergestellt werden. Zeitarbeit sorgt dafür, dass die Gesamtkalkulation wieder stimmt - und sichert damit auch die Arbeitsplätze von Nichtzeitarbeitnehmern.

b>Contra - Detlef Wetzel, IG Metall

Contra - Detlef Wetzel, Zweiter Vorsitzender der IG Metall:

Prekäre, also unsichere, Beschäftigung und der Niedriglohnsektor nehmen in erschreckendem Maße bei uns zu. Leiharbeiter werden zu einer zweiten industriellen Reservearmee aufgebaut und als solche missbraucht. Obwohl ein Leiharbeiter dieselbe Arbeit macht wie ein fest angestellter Beschäftigter, bekommt er dafür 30 bis 50 Prozent weniger Geld. Hinzu kommt, dass der schlecht bezahlte Zeitarbeiter einen völlig unsicheren Arbeitsplatz hat. Das haben wir erst vor kurzem erlebt: In der Krise sind von heute auf morgen 250 000 Leiharbeiter entlassen worden.

Zwei Klassen von Beschäftigten, das mag als ein vorteilhaftes Geschäftsmodell einiger Unternehmen und Verleiher erscheinen, aber dieses Modell spaltet unser Land. Mit Leiharbeit etablieren die Firmen eine zweite Lohnlinie in ihren Betrieben. Und die Unternehmen versuchen immer häufiger, herkömmliches Personal durch Leiharbeiter zu ersetzen. Das schaffen sie in zunehmenden Maße.

Nach unserer aktuellen Umfrage wird zusätzlicher Arbeitskräftebedarf nur in 15 Prozent der Fälle durch die Einstellung in unbefristete Stellen abgedeckt, 43 Prozent durch Leiharbeit und 42 Prozent durch befristete Einstellungen. Das heißt: von 100 neuen Arbeitsverträgen sind 85 unsicher, die Zukunft der Mitarbeiter ist ungewiss.

Statistisch gesehen mag das für die Zeitarbeitsbranche schön sein, wenn sie von sich behaupten kann, so viele neue Stellen zu schaffen. Doch das ist ein Trugschluss: Die Leiharbeitsbranche schafft keinen einzigen Arbeitsplatz. Die Arbeitsplätze werden in den Industrieunternehmen geschaffen, dort, wo die Aufträge sind. Nur wird dort zunehmend Stammbeschäftigung durch Leiharbeit verdrängt. Der Arbeitsmarktskandal, gemeldet von der Bundesagentur für Arbeit selbst: 60 Prozent des Beschäftigungsaufbaus der letzten Monate erfolgte über Leiharbeit. Das ist arbeitsmarktpolitisch eine völlige Katastrophe.

Volkswirtschaftlich übrigens auch: unsere Sozialsysteme stehen, wenn diese Entwicklung so weitergeht, vor einem Kollaps, denn sie sind nicht darauf ausgerichtet, Billiglöhner in Millionenzahlen als Grundlage zu haben. Das zerstört unsere Sozialsysteme und trennt die Menschen noch mehr. Eine Zweiklassengesellschaft ist kein Geschäftsmodell für Deutschland.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: