Sinnlos? Blockade von Klimaaktivisten. Foto: imago/Andreas Stroh

Nach zwei Jahren spektakulärer Aktionen fällt die Bilanz der „Letzten Generation“ schlecht aus. Pragmatismus ist gefragt, analysiert Bernhard Walker.

Vielleicht fällt den Grünen und allen anderen, die den Klimaschutz voranbringen wollen, jetzt ein Stein vom Herzen. Denn zwei Jahre nach ihrer Gründung haben die so genannten Klimakleber von der „Letzten Generation“ ihren Schwung verloren. Und das schadet dem Klimaschutz kein bisschen. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Jedenfalls steht fest, dass die Klimakleber nichts bewirkt haben. Was die Überlebensfrage der Menschheit angeht, gibt es ja keinen Mangel an Wissen und Alltagserfahrung. Jeder hat die unfassbare Hitze im Sommer 2023 erlebt, der Klimawandel ist also längst und massiv spürbar. Es war deshalb anmaßend, dass die Klimakleber meinten, die Bürger wachrütteln zu müssen. Die haben den Klima-Weckruf längst gehört.

 

Was vielmehr fehlt, sind konkrete politische Taten. Und just an dieser Stelle kommt Deutschland leider viel zu wenig voran. Da war es keine gute Idee, dass die Klimakleber einer ohnehin aufgewühlten und zerrissenen Gesellschaft einen weiteren Konflikt bescherten – ohne damit irgendetwas zu erreichen. Jedenfalls hatte Vizekanzler Robert Habeck von den Grünen Recht, als er sagte, dass der hoch umstrittene Protest mit Straßenblockaden Mehrheiten für Klimaschutz verhindere: „Er treibt die Leute weg.“

Die Frage ist also, wie man sie zurückholen kann. Am zweiten Geburtstag der „Letzten Generation“ fällt die Antwort eindeutig aus: Weder mit Klima-Kleberei noch mit moralischen Verzichts-Appellen. Natürlich spricht nichts dagegen, wenn jemand versucht, so klimaschonend wie möglich zu leben. Dafür verdient er oder sie vielmehr großen Respekt. Nur taugt diese persönliche Entscheidung nicht für ein politisches Programm, das 82 Millionen Bürger betrifft. Ob jemand fliegt, Fleisch isst oder aufs Auto verzichtet, entscheidet er allein – und niemand sonst.

Es hilft auch kein Stück weiter, den Klimaschutz zu einer Altersfrage zu machen. Die Aktivisten hatten ihren Protest ja damit gerechtfertigt, dass sie retten müssten, was die Älteren an Klimaschäden angerichtet hätten. Blöd nur, dass die Fakten diese selbstgerechte Attitüde widerlegen. Im Jahr 2022 waren 29 Prozent der Passagiere an deutschen Flughäfen jünger als 30 – das war ein Plus von acht Punkten gegenüber 2008. Somit ist auch klar, was der einzige Weg für mehr Klimaschutz ist: Innovation und technischer Fortschritt. Sprich: Wenn die meisten weiter mit dem Flugzeug verreisen wollen, muss das Kerosin raus aus dem Tank und eine nachhaltige Alternative rein. Nach diesem Prinzip müssen die Energieversorgung, die Alltags-Mobilität und die Gebäudesektor umgebaut werden.

Das ist eine Mega-Aufgabe – selbst wenn man sie geschickter löst, als die Ampel es anfangs bei ihrem Heizungsgesetz getan hat. Denn trotz aller Debatten über den Klimaschutz dauert es nach Angaben von EnBW-Chef Andreas Schell wegen Bürokratie und fehlender Digitalisierung 60 bis 70 Monate, bevor ein Windrad an Land in Betrieb geht. Und noch immer weiß niemand, wie Habeck die Reservekraftwerke ans Netz bringen will, ohne die der Kohleausstieg bis 2030 unmöglich klappen kann.

Kein Wunder also, dass die „Letzte Generation“ ungeduldig und wütend ist (das sind viele Ältere übrigens auch). Je mehr sie mit Blick auf Fortschritte beim Klimaschutz Druck auf die Verantwortlichen in Bund und Ländern macht, umso besser. Jeder wünscht sich ja, dass von den Zahlen, die Schell nennt, bald eine „Null“ wegfällt. Nur muss die Gruppe das auf eine Art und Weise tun, die ihrem Anliegen nützt und nicht länger schadet. Okay: Das wäre nicht mehr so spektakulär und schlagzeilenträchtig. Das muss es aber auch gar nicht sein. Denn beim Klimaschutz gibt es in Deutschland kein Erkenntnis- sondern ein Umsetzungsproblem – so dringend er auch ist.