Zum Tod von Stefanie Tücking Meine erste Freundin

Von Marko Schumacher 

Ikone des Musikfernsehens: Stefanie Tücking als Moderatorin von „Formel Eins“ Foto: dpa
Ikone des Musikfernsehens: Stefanie Tücking als Moderatorin von „Formel Eins“ Foto: dpa

Stefanie Tücking hat als Moderatorin von „Formel Eins“ eine Generation von jungen Musikhörern geprägt. Mit 56 ist sie gestorben. Zurück bleiben Erinnerungen an eine sorgenfreie Jugend in den 80ern, an musikalische Verirrungen und grellbunte Schulterpolsterblousons.

Stuttgart - Stefanie Tücking war meine erste Freundin. Man kann nicht behaupten, dass wir gut zusammenpassten – sie war 23 und sah mit ihren toupierten Haaren und den grellbunten Schulterpolsterblousons fantastisch aus, ich war gerade 14 geworden und hatte Pickel. Trotzdem habe ich mir damals oft überlegt, was ich sagen könnte, wenn ich sie mal treffen würde. Es ist glücklicherweise nie dazu gekommen. Ich wäre rot geworden und hätte meinen Mund nicht aufbekommen.

Die ZDF-Hitparade war irgendwann nicht mehr cool genug

Also bewunderte ich Steffi aus sicherer Entfernung, einmal in der Woche im Telefunken-Fernseher in unserem Wohnzimmer. Sie moderierte von 1986 an „Formel Eins“, die Musiksendung im dritten Programm, die neben der „Plattenpost“ und „Dr. Music“ im SDR-3-Hörfunk meine musikalische Sozialisierung einleitete. Für „Disco“ mit Ilja Richter war ich zu jung gewesen. Bei der ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck hatte ich zwar gemeinsam mit meinen Eltern jahrelang begeistert mitgeklatscht und die Autogrammadressen der Interpreten notiert („Michael Holm, Gleiwitzer Straße 22, 8520 Erlangen“) – irgendwann aber auch instinktiv gespürt, dass es den eigenen Coolnessfaktor nicht erhöht, wenn man den Mitschülern von Costa Cordalis oder Lena Valaitis vorschwärmt.

MTV und Viva kamen erst später – „Formel Eins“ war eine Offenbarung. Es war die große Welt, in der ein pinkfarbener Oldtimer in der Kulisse stand und internationale Musikvideos liefen. Frech, selbstbewusst, rhetorisch gewandt, so trat Stefanie Tücking auf – und verkörperte damit das genaue Gegenteil von mir. Ihr pfälzischer Singsang ließ mich glauben, dass Kaiserslautern eine Weltstadt sein müsse – schließlich war ja auch der Betzenberg, auf dem der FCK immer die von mir gehassten Bayern besiegte, eine Hochburg des Fußballs.

Von Stefanie Tückings Musiktipps profitierte auch das Schallplattenhaus Lerche

Ich hing an Steffis Lippen, wenn sie mit unnachahmlicher Beiläufigkeit Anekdoten von den Musikern erzählte, in deren Schallplatten ich bei der Lerche in Stuttgart fortan mein Taschengeld investierte: Frankie goes to Hollywood und Depeche Mode, Nik Kershaw und Kate Bush, Pet Shop Boys, Spandau Ballet und Wham. Ich würde es gerne verschweigen, aber ich fürchte, es waren auch einmal die Scorpions („Rock you like a hurricane“) darunter. Auf besondere Empfehlung von Rocklady Stefanie Tücking.

Vielleicht lag es auch an ihrer Vorliebe zur Rockmusik, dass unsere Liebe nicht viel länger als zwei Sommer hielt – vor allem aber daran, dass bei „Formel Eins“ der brave Kai Böcking übernahm. Der FC Bayern gewann nun meist in Kaiserslautern, und ich stellte irgendwann erstaunt fest, dass es jenseits der Top Ten noch bessere Musik gibt. Wie das halt so ist in diesem Alter: wir lebten uns auseinander.

Ihren pfälzischen Singsang hat Stefanie Tücking nie abgelegt

Doch liefen wir uns in den Jahrzehnten danach immer wieder über den Weg – beziehungsweise sie mir, wenn ich sie im Radio hörte. Die Stimme noch ein bisschen rauer geworden, das Pfälzisch immer noch erkennbar. Die Musik, die sie ankündigte, war leider nicht mehr meine, doch wechselte ich erst den Sender, wenn sie ausgesprochen hatte. Das war ich ihr schuldig. Sie war schließlich meine erste Freundin.

Mach’s gut, Steffi!

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