Michael Gwisdek (1942-2020) im Jahr 2009. Foto: Gambarini

Der gesamtdeutsche Schauspieler und große Komödiant Michel Gwisdek ist im Alter von 78 Jahren gestorben.

Stuttgart - Es gibt Schauspieler, bei deren Erscheinen Freude aufkommt. Michael ­Gwisdek, dieser grantelige Charmeur mit Berliner Schnauze und Mutterwitz, war so einer. „Komödie ist das Schwerste“, hat er einmal gesagt, dabei gehörte er zu den scheinbar schwerelosen Komödianten, die dramatischsten Rollen Leichtigkeit einhauchen. In der DDR war Gwisdek, der an diesem Dienstag im Alter von 78 Jahren gestorben ist, ein widerspenstiger Künstler; später wurde er zum gesamtdeutschen Darsteller, in dessen Spiel sich die Teilung­ auflöste.

Scharf konturierte Typen

Eine Rolle in Andreas Dresens Episodenfilm „Nachtgestalten“ brachte ihm bei der Berlinale 1999 einen Silbernen Bären und den Ernst-Lubitsch-Preis ein. Da verkörpert er einen Geschäftsmann, der am Flughafen über einen Flüchtlingsjungen aus Angola stolpert. Sehr aktuell wirkt die Geschichte des Deutschen, der zunächst abweisend reagiert, weil die Situation ihn überfordert, nach innerem Ringen dann aber doch hilft, weil er den Menschen in sich entdeckt. 1991 bekam Gwisdek den deutschen Filmpreis als desillusionierter Historiker in „Der Tangospieler“, in der Wendekomödie „Goodbye, Lenin!“ (2003) spielt er den ehemaligen Parteikader Klapprath, der hilft, den Alltag der DDR über ihr Ende hinaus zu inszenieren.

In Matti Geschonnecks Tragikomödie „Boxhagener Platz“ gibt Gwisdek einen ehemaligen Spartakisten, der sich den Sozialismus schönredet. Als aufdringlicher Trunkenbold in Jan-Ole Gersters „Oh Boy“ (2012) rührt er den Protagonisten ­Niko (Tom Schilling), während er erzählt, wie er als Kind die Reichspogromnacht erlebt hat. Auch dafür gab es den Deutschen Filmpreis, und Gwisdeks Rede, in der sein ebenfalls schauspielender Sohn Robert eine Hauptrolle spielt, ist denkwürdig.

Schon in der DDR war der Absolvent der Schauspielschule Ernst Busch ein Star, auch wenn Gwisdek diese Bezeichnung bestimmt nicht gemocht hätte: „Charakterdarsteller würde ich gerne genannt werden“, hat er einmal gesagt. Tatsächlich gewann er auch kleinen Rollen scharf konturierte Typen ab. 1968 gab Gwisdek sein Filmdebüt als Cowboy in dem Defa-Western „Spur des Falken“, 1976 bekam er im Kinofilm „Mann gegen Mann“ eine Hauptrolle als Kriegsheimkehrer, der feststellt, dass seine Frau nicht nur mit ihm verheiratet ist. „Olle Henry“(1983) brachte ihm internationale Anerkennung als vom Weltkrieg traumatisierter Profiboxer – und ein Stirnrunzeln der DDR-Zensoren, weil der Film ein Schlaglicht auf Verlogenheit, Duckmäusertum und Propaganda warf. Gwisdek wurde zum Idol, beim Max Ophüls Festival in Saarbrücken bekam der Film den Spezialpreis.

Mit Corinna Harfouch ein DDR-Traumpaar

Mit seiner Kollegin Corinna Harfouch, mit der er von 1984 bis 2007 verheiratet war, bildete Gwisdek ein DDR-Traumpaar – aber eines, das sich nicht vereinnahmen ließ. In seinem Regiedebüt „Treffen in ­Travers“ (1988), das nach Cannes eingeladen wurde, ringen er als Jakobiner und sie als dessen Frau um die Scheidung – doch in Wahrheit geht es in der historischen Kulisse von 1793 um die Ausgrenzung ­Andersdenkender.

Das Publikum wird Michael Gwisdek nicht so schnell vergessen – und sich weiterhin freuen, wenn er in einem Film auftaucht.

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