Nach Jahrzehnten Pause wagte Jody Williams 2002 ein Comeback-Album. Foto: Evidence

Als der Chicago Blues Mitte der Fünfziger gerade die deftigste Musik des Planeten war, mischte Jody Williams mittendrin mit. Trotzdem blieb der Gitarrist, der nun im Alter von 83 Jahren gestorben ist, ein großer Unbekannter.

Stuttgart - Was macht man, wenn man nach 25 Jahren Arbeit als Büromaschinen-Ingenieur bei Xerox in Rente geht? Man setzt sich hin und weint, wenn man an seine früheren Tagen als Bluesmusiker denkt. Diesen Ansturm von Nostalgie – oder Bitterkeit – sagt man jedenfalls Jody Williams nach, der danach die Holzwürmer aus der Gitarre klopfte, seine Finger die alten Griffe üben ließ und noch einmal durchstartete. Zwei von Kennern hochgeschätzte Alben hat er dann noch eingespielt, „Return of a Legend“ (2002) und „You left me in the Dark“ (2004), Old-School-Chicago-Blues mit einem großen Schuss Raffinesse. Aber irgendwie hätte alles doch ganz anders kommen müssen für den Mann aus Mobile, Alabama, der am 1. Dezember 2018 im Alter von 83 Jahren gestorben ist.

Als sich junge englische Elternschocker Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger obskure amerikanische Platten besorgten und die Beatles, Rolling Stones, Who, Yardbirds und Fleetwood Mac gründeten, wurden schwarze Musiker aus Chicago wie Muddy Waters und Howlin’ Wolf Helden eines weißen europäischen Kellerclub-Untergrunds. Den Namen von Jody Williams aber kannte damals keiner, obwohl er Wichtiges zur Entwicklung des Chicago-Sound beitrug. Williams stand in zweiter Reihe hinter den singenden Stars, ein Gitarrist, der andere Harmonien und Begleittricks als die anderen draufhatte, und der hell singende und scharf stechende Melodielinien liefern konnte. Bei seinen Runden durch die Clubs lernten jede Menge anderer Gitarristen von ihm.

Rumpelbuben und Bettelkonzerte

Er selbst hatte die Grundlagen des Gitarrenspielens von einem anderen Querschläger und Grenzerweiterer schwarzer Musik gelernt, vom bald auch beim jungen Rock 'n' Roll-Publikum ankommenden Bo Diddley. Den begleitete Williams erst bei Bettelkonzerten an Straßenecken, später im Studio. Chicagos Musikszene war damals ein Durcheinander der Könner, die sich schon einigen musikalischen Schliff und Großstadtschick angeeignet hatten, und den vom Land nachströmenden Talenten, die teils wieder sehr erdige Vorstellungen aus den Feldarbeiterkneipen Mississippis mitbrachten. Einige waren schlimme Rumpelbuben mit einem schlichten und griffigen Anspruch an die eigene Musik: Laut genug, um das Geschrei der Besoffenen zu übertönen. Jody Williams dagegen war ein Mann mit offenen Ohren, der auch Jazz hörte, Erwachsenenpop und den fließenden Gitarrenblues von T-Bone-Walker und B. B. King.

Beklaut statt bewundert

Anfang der Sechziger würgte Williams dann am Gefühl, eher beklaut als bewundert zu werden und selbst ewig im Schatten zu stehen. Das wurde schlimmer, als er sich mit einem eigenen Trio vom Rest der Szene absetzen wollte. Die jungen weißen Bluesfans aus Europa pilgerten nach Chicago, sprachen in Interviews von ihren Idolen, aber keiner suchte nach Williams. Die Stones und Fleetwood Mac verpassten ihn, weil sein Name nicht auf den Platten stand. Verbittert zog er sich aus der Musikwelt zurück und studierte Elektrotechnik.

Auf seinen beiden späten LPs klingt er, das wird keinen wundern, nicht mehr ganz so leichthändig wie auf seinen frühen Aufnahmen. Aber der etwas härtere Zugriff klingt nicht grobe, nur erfahrener: Hier teilt einer seine Energie ein, weiß einer um den Wert jedes Tons, turnt nicht bloß mit flinken Fingern herum. Wer sich für Blues interessiert, sollte den noch immer weitgehend unbekannten Jody Williams wenigstens nachträglich für sich entdecken.

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